Supplement: PRAXiS

Telemedizin in Nordbrandenburg: Unterstützung für die Hausärzte

Dtsch Arztebl 2009; 106(50): [10]

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Behandlungsqualität von Herz-Kreislauf-Patienten vor allem in strukturschwachen ländlichen Regionen soll durch das Modellprojekt „Fontane“ verbessert werden.

Foto: ddp
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Herz-Kreislauf-Patienten in Brandenburg leben gefährlich: Die Sterblichkeitsrate bei kardiovaskulären Erkrankungen liegt hier zum Teil um 40 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. 2007 kamen zum Beispiel auf 100 000 Einwohner 106 Todesfälle durch Herzinfarkt, in Berlin waren es nur 23. Als Grund dafür werden die weiten Wege bis zur Notfallversorgung genannt. Die Region leidet zudem unter einem akuten Mangel an niedergelassenen Fachärzten, wie beispielsweise Kardiologen. Da die Einwohnerzahl der Region Nordbrandenburg bis 2030 um 22 Prozent sinken und das Durchschnittsalter deutlich steigen wird, könnte sich diese kritische Situation noch verschärfen.

Riskantes Landleben
„Das Problem ist nicht die stationäre, sondern die ambulante kardiologische Versorgung“, betonte vor diesem Hintergrund Dr. med. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin beim Fachkongress Telemedizin 2009* in Berlin. Es dürfe kein höheres Sterblichkeitsrisiko geben, nur weil jemand in der falschen Region lebe. Der Kardiologe hat es sich zum Ziel gesetzt, die Betreuung von Herz-Kreislauf-Patienten vor allem in strukturschwachen ländlichen Gebieten durch den Einsatz von Telemedizin zu verbessern. Er ist Initiator des Modellprojekts „Fontane“ zur „Verbesserung der ambulanten Betreuungsqualität bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter Nutzung von Informationstechnologien“, das seit dem 1. Juli 2009 seine Arbeit aufgenommen hat. Das Projekt ist einer der beiden Sieger des Wettbewerbs „Gesundheitsregionen der Zukunft“, die das Bun­des­for­schungs­minis­terium für vier Jahre mit insgesamt bis zu 15 Millionen Euro fördert (www.bmbf.de/de/gesundheitsforschung.php). Weitere Fördermittel stellen zudem ressortübergreifend das Wirtschafts- und das Ge­sund­heits­mi­nis­terium Brandenburg bereit.

Das Konzept: Zur Stärkung der wohnortnahen kardiologischen Betreuung werden in der Gesundheitsregion Nordbrandenburg die Hausärzte durch „fahrende Kardiologen“, die einmal wöchentlich in der Hausarztpraxis eine Sprechstunde abhalten, unterstützt („Shop in shop-Kardiologie“). „Der Hausarzt ist die wichtigste Person im strukturschwachen Raum. Die muss gestärkt werden“, betonte Köhler. Während in Baden-Württemberg ein Kardiologe im Umkreis von 25 Kilometer Entfernung anzutreffen sei, habe Nordbrandenburg insgesamt nur eine einstellige Zahl von Kardiologen. Diese müssten die komplexen Fälle behandeln, wohingegen alle anderen der Hausarzt übernehmen müsse.

Im Rahmen des Telemedizinprojekts erhalten die Herz-Kreislauf-Patienten Geräte, mit denen sie selbst zu Hause Analysen kleiner Blutmengen im Hinblick auf sogenannte Biomarker durchführen, mittels derer der jeweilige Krankheitsverlauf bestimmt werden kann. Die ermittelten Werte werden über einen Computer („Telemedizinbox“) per Internet oder per Mobilfunk an das Telemedizinzentrum der Charité geschickt und dort in eine elektronische Krankenakte eingespeist. Auf diese kann auch der Hausarzt zugreifen, um gegebenenfalls diagnostische oder therapeutische Maßnahmen zu ergreifen. Als technische Infrastruktur werden im Rahmen des Projekts daher eine telemedizinische Heimgeräteplattform („Point of Care at Home“) als Basis für Prävention und Therapieselbststeuerung entwickelt, und es wird eine elektronische Gesundheitsakte implementiert.

Das Konzept kombiniert somit innovative Versorgungsansätze in der Region mit technischen Neuentwicklungen. „Bisher bestand die ambulante Betreuung aus Patient, Hausarzt und Facharzt. Dieses Dreieck vor Ort wird künftig zu einem ambulanten Viereck aus aktivem Patienten, Hausarzt, dem Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin in Berlin und einer ambulanten Kardiologiepraxis außerhalb des Patientenwohnorts“, beschrieb Köhler den Projektansatz. Das Telemedizinzentrum übernimmt dabei die Projektkoordination und berät bei Bedarf die Ärzte.

Zusätzlich sollen – als zweite Prozessinnovation neben der „Shop in Shop-Kardiologie“ – Hausbesuchskräfte in die Betreuung eingebunden und ein Patientenschulungskonzept entwickelt werden. So hatte sich auch Brandenburgs Ge­sund­heits­mi­nis­terin Dagmar Ziegler dafür ausgesprochen, das Projekt mit den AGnES-Gemeindeschwestern im Land zu verzahnen. Abgedeckt wird ein Gebiet, das von der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern im Norden, den Bahnstrecken von Berlin nach Wittenberge und nach Schwedt sowie vom Berliner Autobahnring im Süden umgrenzt ist.

29 Partner aus Wissenschaft und Industrie, darunter die Charité und das Hasso-Plattner-Institut Potsdam (HPI), beteiligen sich an dem Projekt. So arbeiten die HPI-Experten beispielsweise an einer Kommunikations- und Vermittlungssoftware, die bei den kardiologischen Untersuchungen zum Einsatz kommen und die Verbindung zwischen Patient und Telemedizinzentrum über Mobilfunktechnik herstellen soll. Neben der sicheren und zuverlässigen Datenübertragung stellt die Anordnung und Reihung der Diagnosewerte aufgrund der großen Zahl von Teilnehmern eine zentrale Herausforderung dar. Wesentliche Industriepartner sind unter anderem T-Mobile sowie der Medizintechnikhersteller Getemed und das Unternehmen Brahms, das diagnostische Verfahren entwickelt.

Die AOK Brandenburg und die Barmer Ersatzkasse begleiten das Projekt. Außerdem wird es vom Kardionetz Brandenburg e.G., einem regionalen Netz niedergelassener Kardiologen, und von der KV COMM, einer Tochter der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, unterstützt. Entstehen soll eine forschungsintensive „Gesundheitsregion für evaluierte telemedizinische Versorgungskonzepte“. Daher wird das Konzept durch eine Interventionsstudie mit rund 5 000 Patienten validiert.

Modellcharakter
„Fontane“ könnte künftig Modellcharakter für telemedizinische Anwendungen auch bei anderen Erkrankungen und in anderen strukturschwachen Regionen Deutschlands und Europas erhalten, so die Hoffnung der Beteiligten. Für Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns gibt das Projekt „eine konkrete Antwort auf Fragen, die in der Zukunft an Bedeutung gewinnen werden – nämlich die der ärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen angesichts des demografischen Wandels“. Dafür seien Produktinnovationen nötig. Insbesondere die biomarkerbasierte Diagnostik- und Therapiesteuerung stellten eine Weltinnovation dar, die in der Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg klinisch geprüft werde.
Heike E. Krüger-Brand

*veranstaltet von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed)
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