ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 5/2009Aktienmarkt: Hat die Hausse erst begonnen?

SUPPLEMENT: PRAXiS

Aktienmarkt: Hat die Hausse erst begonnen?

Jobst, Peter

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Mehr als 50 Prozent hat der DAX gegenüber seinen Tiefstständen bereits wieder zugelegt. Und viele Experten gehen davon aus, dass es 2010 weiter aufwärts geht. Jedoch birgt der Markt auch noch manches Enttäuschungspotenzial.

Zum Jahreswechsel 2008/09 war die Stimmung an den deutschen Börsen noch alles andere als optimistisch. Der Deutsche Aktienindex DAX war kurz zuvor von mehr als 8 000 auf zeitweise nur noch 4 200 Punkte eingebrochen. Die anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise, Schieflagen bei Banken und Unternehmen und nicht zuletzt die ausufernde Staatsverschuldung ließen Befürchtungen aufkeimen, dass nur noch radikale Maßnahmen zu einer Trendwende führen könnten.

„Wash out“ im Februar
Die Aktienmärkte reagierten darauf keineswegs überraschend: Bereits in den ersten Januarwochen verlor der DAX mehr als zehn Prozent, um dann sogar – nach einer kurzen Erholung – auf unter 4 000 Punkte abzutauchen. Anfang März stand das Frankfurter Börsenbarometer gerade einmal bei rund 3 700 Punkten, der gleitende 200-Tage-Durchschnitt war in weite Ferne gerückt. Die Prognosen lasen sich entsprechend: Der DAX werde bis zum Sommer unter die 3 000er-Marke fallen, manche Baisse-Gurus setzten als Zielmarken sogar die Tiefststände vom Frühjahr an, bei denen der DAX nur noch rund 2 200 Punkte wert war.

Wer die Märkte jedoch genau beobachtet hatte, konnte eines erkennen: Der Rückgang im Februar war von relativ hohen Umsätzen begleitet – ein sicheres Indiz dafür, dass viele Anleger „um jeden Preis“ verkauften. Zumindest in früheren Perioden folgte einer solchen Entwicklung – von Experten auch als „wash out“ bezeichnet – meist eine Gegenbewegung. Und so kam es im März 2009: Der Verkaufsdruck nahm ab, gleichzeitig sorgte die extrem hohe Liquidität für ein zunehmendes Interesse an Aktien. Es gab auch kaum interessante Alternativen. Am Rentenmarkt war die Umlaufrendite auf historische Tiefststände abgerutscht, Unternehmensanleihen galten als extrem riskant, und auch Tages- und Festgelder brachten nur noch magere Zinsen. Beschleunigt wurde diese Entwicklung, als sich institutionelle Anleger wieder für Aktien zu interessieren begannen, und schon Anfang Juni meldete die Deutsche Börse einen DAX-Stand von mehr als 5 000 Punkten.

Durchaus logisch war es jedoch, dass diese Marke erst einmal nicht nachhaltig überwunden werden konnte. Vielmehr büßte der Aktienmarkt nochmals rund zehn Prozent ein, um dann in einem neuen Anlauf vergleichsweise schnell über die psychologisch wichtige 5 000er-Grenze anzusteigen. Denn jetzt sorgten auch erste positive Meldungen aus der Wirtschaft für mehr Zuversicht unter den Börsianern. Begünstigt wurde die Entwicklung durch die anhaltend solide Binnennachfrage und die gegenüber dem Vorjahr deutlich gesunkenen Benzin- und Heizölpreise. Nicht zuletzt lieferten auch die Bundestagswahlen entsprechende Impulse, erhofft man sich doch von der schwarz-gelben Regierung, dass die Wirtschaftskrise relativ schnell abgeschlossen werden kann.

Liquidität als Treibstoff
Wie geht es weiter? Zumindest die Charttechniker, die auf eine grafische Auswertung des Kursverlaufs setzen, geben grünes Licht. Auch nach den zwischenzeitlichen Unsicherheiten befindet sich der DAX ganz klar in einem Aufwärtstrendkanal, zudem hat der gleitende 200-Tage-Durchschnitt nachhaltig nach oben gedreht. Risiken bestehen nach dieser Analysemethode allenfalls dann, wenn der Index in absehbarer Zeit die zwischen 5 300 und 5 000 Punkten verlaufenden Widerstandslinien nach unten schneiden sollte. Temporäre Kursschwächen werden indes nur als Zeichen dafür angesehen, dass die neue Hausse weiterhin intakt ist.

Aber auch die Fundamentalanalyse, bei der Unternehmen nach der Entwicklung wichtiger Kennzahlen bewertet werden, liefert optimistische Signale. Viele Firmen verzeichnen bereits wieder deutlich steigende Gewinne, die längst nicht immer – wie bei manchen Finanzdienstleistern – auf bilanztechnischen Tricks beruhen. Im Übrigen sind auch die Dividenden mittlerweile so attraktiv, dass viele Anleger der Aktie gegenüber festverzinslichen Wertpapieren den Vorzug geben. Schließlich ist gerade der deutsche Kapitalmarkt derzeit so liquide wie seit Langem nicht mehr. Liquidität gilt als „wichtigster Treibstoff der Börse“.

Selektiv investieren
Allerdings gibt es auch manche Skeptiker, die den jüngsten Kursaufschwung eher als Strohfeuer betrachten. Gerade die jüngsten Pleiten verschiedener amerikanischer Regionalbanken, aber auch die Finanzkrise in den Arabischen Emiraten lassen Befürchtungen aufkommen, die Bankenkrise könnte sich 2010 noch weiter fortsetzen. Darüber hinaus bietet die bevorstehende Bilanzsaison manchen Zündstoff: Werden die hochgesteckten Erwartungen von den Unternehmen nicht erfüllt oder skeptische Prognosen für die weitere Entwicklung abgegeben, könnte die Börse mit Enttäuschung reagieren. Belastungen bringt zudem der extrem schwache US-Dollar mit sich; sorgt er doch bei exportorientierten Werten für eine schwächere Marktstellung. Nicht zuletzt stellen sich viele Finanzexperten die Frage, wie die Märkte reagieren, wenn die Bundesregierung die bisher großzügig ausgereichten Stützungsmittel mittel- bis langfristig wieder zurückfordert. Steigende Zinsen könnten dann zu einer erheblichen Belastungsprobe werden.

Vor diesem Hintergrund sollten sich Anleger zwar keinesfalls vom Aktienmarkt zurückziehen, aber zunehmend selektiv investieren. Unternehmen, die sich auch in der Krise gut behaupten konnten und die über eine solide Produktpalette verfügen, sollten sich auch 2010 überdurchschnittlich gut entwickeln können. Drohen jedoch zum Beispiel bilanztechnische Risiken oder gar eine finanzielle Schieflage, kann die bisherige Euphorie schnell in Pessimismus umschlagen. Dies gilt insbesondere für Unternehmen aus der zweiten Reihe, deren Aktien jetzt oftmals von einer – bisher noch – hohen Dividendenrendite profitiert haben. Für den Gesamtmarkt sind jedoch die Zeichen zumindest mittel- bis langfristig weiterhin günstig, sodass sich zum Beispiel indexorientierte Investments auf Sicht von fünf bis zehn Jahren durchaus in Form hoher Gewinne rechnen sollten. Peter Jobst
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