ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2009Berufsunfähigkeit: Zugang nicht gesichert

EDITORIAL

Berufsunfähigkeit: Zugang nicht gesichert

PP 8, Ausgabe Dezember 2009, Seite 529

Gieseke, Sunna

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LNSLNS Vor einer Berufsunfähigkeit haben viele Menschen Angst. Aus verschiedenen Gründen kann es jederzeit passieren, dass man noch vor Rentenbeginn – im schlimmsten Fall sogar in jungen Jahren – nicht mehr erwerbsfähig ist. Dann ist es schwierig, den gewohnten Lebensstandard zu halten. Um eine mögliche Versorgungslücke zu schließen, muss eine private Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen werden – eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr. Allerdings schränken die Versicherungsunternehmen ihre Angebote bei psychischen (Vor-)Erkrankungen erheblich ein. Dies fand zumindest die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) in einer telefonischen Umfrage heraus.

Das Ergebnis zeigt: Noch immer werden Menschen mit psychischen Erkrankungen von den privaten Versicherungen stigmatisiert. Ist jemand psychisch krank oder war es einmal, konnte keine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen werden. Oder es mussten gravierende Einschränkungen akzeptiert werden. Bei der Umfrage der BPtK wurden 45 private Versicherer befragt: Drei Unternehmen lehnten einen Vertrag ab, 33 Anbieter schränkten ihre Leistungen teilweise empfindlich ein, neun gaben keine Auskunft. Teilweise müssen Wartezeiten von bis zu fünf Jahren in Kauf genommen werden – und selbst dann ist die Aussicht auf den Abschluss einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung ungewiss. Der Zugang psychisch kranker Menschen zu privaten Versicherungen ist demnach nicht gesichert – obwohl dies notwendig wäre.
Allerdings ist man aber auf eine private Versicherung angewiesen: Von staatlicher Seite gibt es keinen ausreichenden Schutz mehr. Bereits 2001 wurde mit der Rentenreform die Berufsunfähigkeitsrente abgeschafft und durch eine Erwerbsminderungsrente ersetzt, die weitaus geringer ausfällt. „Seither verfügen nur noch diejenigen Versicherten über einen akzeptablen Schutz bei Berufsunfähigkeit und damit vor dem wirtschaftlichen Ruin, die vor dem 2. Januar 1961 geboren sind“, stellt die BPtK klar.

Der 15. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) fordert nun den Gesetzgeber auf, diese Sicherungslücke zu schließen. Schließlich solle jeder die Möglichkeit haben, den Zugang zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung zu erhalten. Ob sich diese Forderung aber durchsetzt, ist fraglich. Schließlich ist auch der Basistarif der privaten Versicherungen kein Erfolgsmodell. Dieser ist für viele Menschen einfach zu teuer und damit nicht sehr attraktiv. Dennoch ist die Forderung des 15. DPT nachvollziehbar: Wenn der Staat von seinen Bürgern verlangt, dass sie privat vorsorgen, sollte er sich auch darum kümmern, dass dies auch tatsächlich möglich ist. Mehr zum 15. DPT lesen Sie auf Seite 535. Unter anderem wurde auch die Reform der Ausbildung intensiv diskutiert.

Auf Seite 531 erscheint in dieser Ausgabe zum vorerst letzten Mal die Rubrik „Kunst + Psyche“, in der Dr. Hartmut Kraft in den letzten Jahren verschiedene Werke aus seiner Sammlung psychoanalytisch und mit geschärften Sinnen erläutert und kommentiert hat. Damit wird auch die Serie „Bildtexte/Textbilder“ beendet. Im kommenden Jahr stellt das Kunsthaus Kannen zwölf „Art-Brut-Werke“ vor. Man darf sehr gespannt sein.
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