ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2009Suchtmedizinische Versorgung: Entschiedenes Handeln notwendig

POLITIK

Suchtmedizinische Versorgung: Entschiedenes Handeln notwendig

Reimer, Jens; Schulte, Bernd; Stöver, Heino

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Foto: argus
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Die Daten zur suchtmedizinischen Versorgung Opiatabhängiger in deutschen Haftanstalten machen deutlich, dass dringend Handlungsbedarf besteht.

Daten zur suchtmedizinischen und infektiologischen Situation und Versorgung von Opiatabhängigen im deutschen Justizvollzug lagen bislang nur aus vereinzelten Haftanstalten vor. Diese ließen kaum Rückschlüsse auf die Gesamtversorgungssituation zu. Mit der Veröffentlichung von zwei deutschen multizentrischen epidemiologischen Studien liegen aber mittlerweile konsistente Daten über die Anzahl von aktuellen/ehemaligen intravenösen (i.v.) Drogenkonsumenten und drogenassoziierten Infektionserkrankungen aus mehreren deutschen Haftanstalten vor (Radun et al. 2007, Schulte et al. im Druck). Die Ergebnisse beider Studien sind dabei alarmierend: Radun et al. stellten in ihrer Querschnittstudie eine Lebenszeitprävalenz von intravenösem Drogenkonsum von 29,6 Prozent (n = 464) unter 1 497 Inhaftierten in sechs deutschen Gefängnissen fest. 17,6 Prozent aller untersuchten Gefangenen waren mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV), 0,8 Prozent mit dem menschlichen Immunschwächevirus (HIV) infiziert. Jeder zweite Gefangene (50,6 Prozent), der jemals Drogen injiziert hatte, war HCV-positiv, und 1,6 Prozent waren HIV-positiv. Mit ihrer Befragung von Anstaltsärzten in 31 deutschen Haftanstalten mit mehr als 14 000 Strafgefangenen, konnten Schulte et al. diese Ergebnisse bestätigen: Der Anteil von aktuellen/ehemaligen i.v.-Drogenkonsumenten unter den Inhaftierten lag in dieser Studie bei durchschnittlich 21,9 Prozent, die HCV-/HIV-Prävalenzraten bei 14,3 beziehungsweise 1,2 Prozent. Damit unterstreichen beide Studien, was von Experten lange Zeit vermutet wurde: Verglichen mit der Allgemeinbevölkerung sind aktuelle/ehemalige i.v.-Drogenkonsumenten (> 70-fach), HCV- (> 25-fach) und HIV-Infektionen (> 24-fach) in deutschen Haftanstalten deutlich überrepräsentiert (Tabelle).

Somit zeigt sich eine Konzentration von i.v.-Drogenkonsum und assoziierten Folgeerkrankungen in deutschen Haftanstalten – die ein entsprechend entschiedeneres Handeln innerhalb dieser Institutionen erfordern. Dies gilt insbesondere unter der Berücksichtigung, dass das Setting Gefängnis zum einen – aufgrund einer hohen Durchlaufquote von kurzzeitig Inhaftierten – eine hohe Bedeutung für die Gesundheit der übrigen Gesellschaft hat und dass zum anderen die außerhalb von Haftanstalten erwiesenermaßen effizienten Therapien ebenso erfolgreich unter Haftbedingungen durchgeführt werden können (Stöver et al. 2008). Ein Vergleich der derzeitigen intramuralen suchtmedizinischen Versorgungssituation gegenüber der extramuralen fällt jedoch ernüchternd aus. Während sich die Zahl der Opioidsubstitutionsbehandlungen in Freiheit in Deutschland in den letzten fünf Jahren um 50 Prozent auf mehr als 70 000 Patienten erhöht und etwa 45 Prozent der geschätzten 150 000 Opioidkonsumenten erreicht, bildet sich diese Entwicklung in deutschen Haftanstalten nicht annähernd ab: Lediglich etwa 500 bis 700 der geschätzten zehn bis 15 000 infrage kommenden Gefangenen befinden sich in einer dauerhaften Substitutionsbehandlung (Michels et al. 2007, Stöver 2007).

Schulte et al. konnten zeigen, dass nur in drei von vier Gefängnissen (74,2 Prozent) eine Opioidsubstitutionsbehandlung überhaupt möglich ist. Als primäre Behandlungsindikation steht die Fortführung von in Freiheit begonnenen Substitutionsbehandlungen im Vordergrund. Die mit der Substitution verbundenen Behandlungsziele sind deutlich abstinenzorientiert (Schulte et al. im Druck). Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Behandlung von HCV-/HIV-Infektionen. Auch hier besteht die Versorgungsleistung vornehmlich in der Therapieweiterführung der außerhalb von Haftanstalten begonnenen Behandlungen. Hieraus wird deutlich, dass die Zugangshürden zu erprobten, bewährten und anerkannten Behandlungsmethoden und -zielen in der intramuralen Sucht- und Infektionsmedizin erheblich höher sind als in Freiheit. Dabei sind die Folgen unterschiedlicher Behandlungsstandards innerhalb und außerhalb von Haftanstalten nicht nur aufgrund des Gleichstellungsgebots rechtlich und ethisch bedenklich. Sie sind aus medizinischer und gesundheitsökonomischer Perspektive kontraproduktiv. Therapieabbrüche und Therapieaufschübe innerhalb von Haftanstalten führen zu Therapiemehrkosten und Fehlallokation dringend benötigter ökonomischer Ressourcen in der Gemeinschaft außerhalb von Haftanstalten. So werden die auch von politischer Seite unbestrittenen Erfolge in der suchtmedizinischen und infektiologischen Versorgung von Opiatabhängigen außerhalb von Haftanstalten durch eine restriktive medizinische Versorgung innerhalb von Haftanstalten nicht effizient realisiert. Es besteht ein dringender Handlungsbedarf, um bestehende Versorgungsunterschiede schnellstmöglich anzupassen. Maßgebend sind dabei die aktuellen medizinischen Standards, repräsentiert durch die aktuellen Richt- und Leitlinien zur medizinischen Versorgung von Opiatabhängigen. Daneben müssen die Standards der öffentlichen Gesundheitsberichterstattung als Analyseinstrument zur Beschreibung der Ausgangslage und Prognoseinstrument zur Steuerung von Versorgungsleistungen in deutschen Haftanstalten regelhaft eingesetzt werden.
Priv.-Doz. Dr. Jens Reimer, Bernd Schulte,
Prof. Dr. Heino Stöver
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