ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2009Hausarztzentrierte Versorgung: Unterschrift unter Vertrag Nummer zwei

POLITIK

Hausarztzentrierte Versorgung: Unterschrift unter Vertrag Nummer zwei

Schmidt, Klaus; Rieser, Sabine

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LNSLNS Für die einzig richtige Antwort auf die Honorarprobleme halten Hausärzteverband und Medi-Verbund in Baden-Württemberg den Abschluss von Selektivverträgen. n Stuttgart präsentierten sie nun einen zweiten Hausarztvertrag nach § 73 b SGB V.

Nicht verwandt, aber nun Vertragspartner: Der Vorstand der Betriebskrankenkasse MH-plus, Winfried Baumgärtner (links) und Medi-Chef Werner Baumgärtner mit dem Vorsitzenden des Hausärzteverbands Berthold DietscheFoto: Klaus Schmidt
Nicht verwandt, aber nun Vertragspartner: Der Vorstand der Betriebskrankenkasse MH-plus, Winfried Baumgärtner (links) und Medi-Chef Werner Baumgärtner mit dem Vorsitzenden des Hausärzteverbands Berthold Dietsche
Foto: Klaus Schmidt
Seit dem 1. Oktober können sich Hausärzte sowie Kinder- und Jugendärzte in den neuen Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung (§ 73 b SGB V) zwischen dem Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Hausärzteverbandes und dem Medi-Verbund sowie 56 Betriebskrankenkassen (BKKen) einschreiben. Die Versicherten können sich von Januar 2010 an dafür entscheiden. Start der Versorgung nach dem neuen Vertrag ist der 1. April 2010. Damit ist nach dem AOK-Vertrag das zweite Abkommen in Baden-Württemberg unter Dach und Fach.

Selektivverträge sollen bald „andocken“
Der Vorsitzende des baden-württembergischen Hausärzteverbands, Dr. med. Berthold Dietsche, ist überzeugt davon, dass sich bis Ende nächsten Jahres zwischen 70 und 80 Prozent der infrage kommenden circa 5 000 Hausärzte und 200 000 Versicherten eingetragen haben werden. Bereits am ersten Tag, an dem die Anmeldeformulare im Internet veröffentlicht waren, hätten sich 1 500 Praxen zur Teilnahme angemeldet.

Der Vertragsabschluss sei nicht nur ein „Meilenstein in der Entwicklung der hausärztlichen Versorgung“, so Dietsche, sondern die Basis für das Andocken weiterer Module in Form von Selektivverträgen für Fachärzte nach § 73 c SGB V. Der erste Facharztvertrag mit der AOK soll noch in diesem Jahr vom Medi-Verbund und dem Berufsverband der Kardiologen unterzeichnet werden und am 1. Januar 2010 in Kraft treten (siehe Kasten).

Ohne 73-c-Verträge würden die 73-b-Verträge nicht erfolgreich sein, argumentiert der Medi-Vorsitzende, Dr. med. Werner Baumgärtner. Im Medi-Verbund sind mehr Fachärzte als Hausärzte organisiert. Auch für die Betriebskrankenkassen steht der Abschluss von 73- c-Verträgen als nächstes Ziel auf der Agenda. Bernhard Mohr, Vorstand der Bosch BKK, betonte in Stuttgart, dass dem 73-b-Vertrag jetzt weitere Verträge über besondere ambulante ärztliche und integrierte Versorgungsformen folgen müssten, in die auch die Krankenhäuser eingebunden seien.

Vertragsstruktur, Vergütungssystematik und Abrechnung des neuen BKK-Vertrags sind eng an den der AOK angelehnt. Feste Eurobeträge, weniger Bürokratie und höhere Planbarkeit werden von den teilnehmenden Ärzten als wichtigste Vorteile geschätzt. Ein Unterschied besteht nach Angaben von Dietsche insofern, als im BKK-Vertrag mehr Wert auf Einzelleistungen gelegt wird, weshalb die Pauschalen etwas niedriger ausfallen.

Es gibt einmal im Jahr je eingeschriebenen Versicherten eine kontaktunabhängige Pauschale (P1) in Höhe von 65 Euro. Die kontaktabhängige Pauschale (P2) in Höhe von 40 Euro wird quartalsweise fällig. Für chronisch Kranke wird eine Pauschale (P3) über 30 Euro pro Quartal angesetzt. Zusätzlich kann pro Quartal eine Vertreter- beziehungsweise Zielauftragspauschale von 17,50 Euro abgerechnet werden.

Dazu kommen Zuschläge, etwa für Prävention, Einsatz der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) oder preiswerte Arzneimittelverordnungen. Einzelleistungen wie Besuche zu Unzeiten oder kleine Chirurgie werden gesondert vergütet, ebenso die sprechende Medizin. Der durchschnittliche Fallwert wird auf circa 80 Euro geschätzt. Eine Fallzahlbegrenzung gebe es nicht, was vor allem für junge Praxen von Vorteil sei, sagt Baumgärtner. Eine neue Software müssen die Praxen zudem nicht anschaffen; sie können die Software des AOK-Vertrags nutzen.

Dietsche freut sich, dass mit dem Vertrag 56 von 100 baden-württembergischen Betriebskrankenkassen im Land ihre bisherige „Blockadehaltung“ aufgegeben hätten. Lediglich in Schleswig-Holstein gibt es einen ähnlichen Vertrag. Es gehe nicht nur ums Geld, betonte der Hausarzt-Vertreter, sondern um eine neue Versorgungsstruktur mit einer nachhaltigen Steuerung, die auch den Krankenkassen Vorteile bringe.

Als fahrlässig bezeichnete es der Medi-Vorsitzende Baumgärtner, wenn Ärzte allein auf das Kollektivvertragssystem setzten. Für die niedergelassenen Ärzte seien drei Säulen wichtig: der Kollektivvertrag, der Selektivvertrag und die Kostenerstattung. Aus dem Selektivvertrag könnten sie jederzeit wieder aussteigen, da die Teilnahme für Ärzte wie für Patienten freiwillig sei.

Der Vorstand der MH-plus-BKK, Winfried Baumgärtner, räumte ein, dass die Krankenkassen mit der höheren Vergütung der Hausärzte ein gewisses Risiko eingingen. Es sei ihnen aber wichtig, mit dem Selektivvertrag ein neues Element der Versorgung zu etablieren. Die Betriebskrankenkassen bringen den Hausärzten als Organisatoren der Versorgung nach seinen Worten ein hohes Maß an Vertrauen entgegen. Sie gingen davon aus, dass die Hausärzte die Versorgung optimierten und darauf achteten, Doppelbehandlungen oder unnötige stationäre Einweisungen zu vermeiden sowie eine rationale Pharmakotherapie zu betreiben.

Er sei überzeugt davon, dass sich der Vertragsabschluss rechne, versicherte auch Bosch-BKK-Vorstand Mohr. Zunächst würden zwar höhere Kosten entstehen, aber er glaube, dass sie sich schon nach neun Monaten ausgleichen würden. „Wer jetzt nicht einsteigt“, sagte Mohr, „wird es schwer haben, die Fragen der Zusammenarbeit zum Vorteil aller Beteiligten zu lösen.“

Bereinigung: „Die Schlacht der Schlachten“
Dass es gleichwohl auch diejenigen schwer haben, die in Selektivverträge eingestiegen sind, verdeutlichte Anfang November bei einer Veranstaltung des AOK-Bundesverbands Dr. Christopher Hermann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. „Das ist das größte Projekt, das die AOK je gefahren hat“, sagte er mit Blick auf den eigenen Hausarztvertrag nach § 73 b. Aber schon die Beteiligung des Vertragspartners Medi habe signalisiert, „dass nicht bei 73 b stehen geblieben wird“, so Hermann.

Wenn man Selektivverträge nach § 73 c abschließt, dann müssen nach seiner Auffassung Abläufe und Zuständigkeiten klar definiert sein: „Deswegen geht das alles nicht so schnell.“ Erschwerend kommt der Streit um eine korrekte Bereinigung des Gesamtbudgets hinzu. „Hier wird die Schlacht der Schlachten geschlagen“, kritisierte Hermann die KVen. „Wenn man den Fortschritt blockieren will, muss man die Geldhähne blockieren.“

Aus Sicht des AOK-Vorstands gibt es jedoch für Krankenkassen keine Alternative mehr dazu, Selektivverträge abzuschließen. Ohne eine vernünftige hausärztliche Basis werde man die Versorgungsprobleme nie lösen können, ist Hermann überzeugt. Für die angrenzenden Schnittstellen aber „brauchen Sie die Fachärzte“.

Nach Ansicht des Gesundheitsökonomen Prof. Dr. Eberhard Wille braucht es noch mehr. Wille findet es richtig, dass Krankenkassen in Zukunft auch Strukturen steuern. Verträge nach 73 c könnten in diesem Zusammenhang zu einer besseren ambulanten Versorgung führen, nur: „Sektorenübergreifend angelegt sind sie nicht.“ Damit seien sie wie vieles im System stark anbieter- und sektorenorientiert, nicht aber ein Beispiel für ein populations- oder sektorenübergreifendes Zukunftskonzept.
Klaus Schmidt, Sabine Rieser


§ 73 c: Die ersten Verträge
„Die 73er-Verträge sind eine sanfte Form des Ausstiegs aus dem System der Kassenärztlichen Vereinigungen“, erläuterte der Medi-Verbund-Vorsitzende, Dr. med. Werner Baumgärtner, vor rund zwei Jahren. Damals ergänzte er, man bereite Angebote nach § 73 c SGB V vor – doch es dauerte.

In Baden-Württemberg wird jetzt erst ein 73-c-Vertrag über eine kardiologische Vollversorgung unterzeichnet, der 2010 wirksam wird. Beteiligt sind Medi Baden-Württemberg, der Bundesverband der niedergelassenen Kardiologen und der Berufsverband niedergelassener Fachinternisten ohne Schwerpunkt sowie die AOK Baden-Württemberg.

Ebenfalls zum Januar 2010 soll ein Modul über die gastroenterologische Versorgung auf Basis eines 73-c-Vertrags in Kraft treten. Es ist bereits durch einen bis Ende 2009 befristeten Integrationsvertrag nach § 140 SGB V zwischen der AOK Baden-Württemberg, dem Medi-Verbund und dem Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen vorbereitet worden. Teilnehmen können AOK-Versicherte, deren Hausarzt in das AOK-Hausarztprogramm eingeschrieben ist.

In Brandenburg hat die AOK bereits im Frühjahr einen Vertrag nach § 73 c mit einer Genossenschaft geschlossen, die mehr als 100 Augenärzte vertritt. Er umfasst die ambulanten Kataraktoperationen, Glaskörper- und netzhautchirurgische Eingriffe. Gezahlt werden Komplexfallpauschalen. Um die Bereinigung des Gesamthonorars ringen AOK und KV Brandenburg noch.
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