ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2009Therapeutische Wohngruppen: Erfolg braucht Zeit

THEMEN DER ZEIT

Therapeutische Wohngruppen: Erfolg braucht Zeit

Meyer, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Therapeutische Wohngruppen für schwer problembelastete Jugendliche sind mittlerweile vielerorts fest etabliert. Erstmals haben acht Berliner Jugendhilfeträger in einer Katamnesestudie die Wirkfaktoren erforscht.

Foto: iStockphoto
Foto: iStockphoto
Bettina kennt ihre leiblichen Eltern nicht. Bis zum dritten Lebensjahr lebt sie im Kinderheim, dann wird sie adoptiert. Doch in der neuen Familie läuft es nicht gut. Beide Adoptiveltern misshandeln das Mädchen seelisch und körperlich schwer und vernachlässigen sie. Im Alter von zwölf Jahren stirbt ihre Adoptivmutter plötzlich, Bettina bleibt allein mit dem Vater zurück, der sie bereits zuvor missbraucht hat. Irgendwann haut der Teenager von Zuhause ab, lebt ein halbes Jahr auf der Straße und landet nach einem psychischen Zusammenbruch schließlich in der geschlossenen Psychiatrie. Als sie dort entlassen wird, zieht sie in Berlin in eine therapeutische Wohngruppe (TWG) ein.

Jugendliche wie Bettina, die in ihrer Entwicklung oder Persönlichkeit stark beeinträchtigt sind, finden in diesen TWG einen geschützten Raum und Hilfe. Denn allein kommen sie nicht mehr klar. Viele sind in ihrem Verhalten stark auffällig oder haben im Laufe ihres Lebens psychiatrische Symptomatiken entwickelt, wie Traumata, Bindungs- und Persönlichkeitsstörungen, Selbstverletzung oder Sucht. Die meisten sind zuvor bereits in psychiatrischen Kliniken oder ambulant psychiatrisch behandelt worden.

Erstmals haben nun acht Berliner Jugendhilfeträger erforscht, was diese TWG wirksam macht und die Ergebnisse in einer Studie veröffentlicht. Das zweijährige Forschungsprojekt, das von der Alice-Salomon-Hochschule unterstützt wurde, hat Interviews mit zehn ehemaligen Bewohnern der TWG und ihren Bezugsbetreuern sowie 237 Betreuungsakten ausgewertet. Die wissenschaftlichen Ergebnisse bestätigten, so Claus-Peter Rosemeier, Leiter der TWG-Koralle, „das Bauchgefühl, das wir in unserem professionellen Alltagshandeln stets gehabt haben“.

Zeit ist ein wichtiger Faktor
Bei zwei Drittel der Jugendlichen stellt die Studie fest, dass sie sich „im Bereich der interventionsbedürftigen Probleme“ durch ihren Aufenthalt in der Wohngruppe eindeutig weiterentwickelt haben. Dabei zeigt sich, dass die Dauer des Hilfsangebots einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg der Maßnahme hat. Werden die Jugendlichen anderthalb bis zwei Jahre betreut und behandelt, ist ihre Chance größer, sich zu stabilisieren und zu wachsen. Entscheidend für den Erfolg ist auch, dass die Jugendlichen ihre Maßnahme planmäßig durchführen. Immerhin 83 Prozent von ihnen gelten als sehr erfolgreich. Dies ist dann der Fall, wenn sie mindestens die Hälfte ihrer Probleme bearbeitet haben. Andererseits zeigt die Studie auch, dass sich bei mehr als 80 Prozent derjenigen, die die Betreuung vorzeitig abbrechen, die Probleme nicht verringern.

Was genau ist es aber nun, dass die TWG so wirksam macht? Rosemeier nennt als erstes das „therapeutische Milieu“. Er meint damit das eng geknüpfte, professionelle Beziehungsnetz, das den jungen Leuten in ihrem strukturierten Alltag angeboten wird. Der Schwerpunkt der TWG liegt zwar darauf, die Jugendlichen in ihrem Alltag zu betreuen und zu begleiten, doch dabei wirken die pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen ebenso unterstützend wie die engen Kontakte zu niedergelassenen Ärzten oder psychiatrischen Kliniken. Damit sich das therapeutische Milieu allerdings positiv auswirken kann, bedarf es Rosemeier zufolge genügend Zeit.

Die Jugendlichen, dies wird in der Auswertung der Interviews sehr deutlich, fühlen sich durch das enge Netz der Betreuer und Therapeuten aufgehoben und öffnen sich dadurch für neue Schritte. Rückblickend beschreibt Bettina dies mit eigenen Worten so: „Das war auch so ein Schwierigkeitsgrad am Anfang, dass ich irgendwie noch nicht ganz realisiert hatte . . ., dass sie mir nichts tun und . . ., dass man nicht mehr lügt und lügen muss.“

Die Bindungs- und Beziehungsorientierung in den Wohngruppen stellt der Studie zufolge den entscheidenden Wirkfaktor für die erfolgreiche Weiterentwicklung der Jugendlichen dar. Alle anderen Faktoren, wie Therapie, der Einfluss der Wohngruppe oder der Peers sowie die Eltern- und Angehörigenarbeit bedürfen dieses Nährbodens. In der Studie heißt es dazu: „Jeder einzelne Schritt, jede Intervention fließt durch die Qualität der Bindungs- und Beziehungsarbeit, durch den aufrichtig geführten Dialog hindurch und entfaltet darüber seine Wirkung.“

Die Studie zeigt, dass stark problembelastete Jugendliche in einer personell und fachlich gut ausgestatteten TWG erfolgreich nachsozialisiert werden können. Aus Sicht von Rosemeier wäre es jedoch dringend erforderlich, die Grenze zwischen Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie fließender zu gestalten. Wünschenswert wäre für ihn daher, dass die Betreuungs- und Behandlungsangebote gemeinsam finanziert werden. „Obwohl wir zur Jugendhilfe gehören, erfüllen wir viele Aufgaben im Rahmen der komplementären jugendpsychiatrischen Versorgung. Doch unser Personalschlüssel ist darauf nicht ausgelegt. Wir stoßen ständig an unsere Grenzen oder überschreiten sie.“

Zulasten der Betreuer
Und so geht die erfolgreiche Arbeit mit den Jugendlichen oft zulasten der Betreuer. Einer von ihnen drückt dies in einem Interview so aus: „Dass man um alles kämpfen muss . . . die Arbeit . . . ist wirklich wichtig, aber zehrt auch ganz schön . . . und wenn man dann noch merkt, man muss auf der anderen Seite kämpfen und . . . bekommt so wenig Wertschätzung.“ Und so schließt die Studie mit einem klaren Appell an eine veränderte Jugendhilfepolitik, die die Erfolge der professionellen Arbeit nutzt anstatt sie mit Sparmaßnahmen zu nichte zu machen.
Petra Meyer

Kontakt:
Ute Meybohm, ajb gGmbH:
U.Meybohm@ajb-berlin.de
Claus-Peter Rosemeier, Koralle – therapeutische Wohngruppen: twg.koralle@pfh-berlin.de

Bezug der Studie:
Verlag allgemeine Jugendberatung, Kottbusser Damm 79 a, 10967 Berlin
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema