ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2009Depressive Verstimmungen: Urlaubszeit – Krisenzeit

THEMEN DER ZEIT

Depressive Verstimmungen: Urlaubszeit – Krisenzeit

Sonnenmoser, Marion

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Es gelingt nicht jedem, seine freie Zeit sinnvoll zu nutzen. Gerade an Feiertagen kommt es in vielen Familien zu vermehrten Konflikten.

Urlaub, Wochenende, Feiertage – darauf freuen sich viele Menschen. Freie Zeit sinnvoll zu nutzen oder zu genießen gelingt jedoch nicht jedem. Im Gegenteil, freie Zeit wird für manchen zur Krisenzeit. Beispielsweise kommt es an Feiertagen und im Urlaub in vielen Partnerschaften und Familien zu mehr Konflikten als im Alltag. Nach den Feiertagen steigt daher die Zahl der Krankenhauseinlieferungen und eingereichten Scheidungen oft sprunghaft an. Ein Grund dafür ist, dass sich ungelöste Probleme im Alltag relativ einfach verdrängen oder negieren lassen. An freien Tagen kann man sich jedoch kaum aus dem Weg gehen, sodass eine Konfrontation unvermeidlich wird. Im schlimmsten Fall endet sie mit Mord oder Selbstmord, was bereits der französische Soziologe Émile Durkheim Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb. Für negative Stimmung, Reizbarkeit, soziale Spannungen und Streit sorgen außerdem Stress und Hektik, die etwa durch Dekorieren, Geschenkebesorgen oder Reisevorbereitungen entstehen.

Neben (Über-)Erregung sind auch Niedergeschlagenheit und depressive Verstimmungen, die man umgangssprachlich „Urlaubsblues“ nennt, keine ungewöhnliche Erscheinung in der Urlaubszeit. Nach Meinung eines US-amerikanischen Psychiaters handelt es sich dabei um eine Stressreaktion. Sie wird durch verschiedene Faktoren ausgelöst, beispielsweise durch Schlafmangel, Jetlag und Anpassungsschwierigkeiten an Klima, Ernährung und Sitten fremder Länder. Darüber hinaus dämpfen Mängel (zum Beispiel lautes Hotel), Erkrankungen und unerwartete Komplikationen (zum Beispiel Unfall) die Urlaubsfreude. Der Urlaubsblues ist umso stärker, je größer die Vorfreude und die Erwartungen an den Urlaub waren.

Viele setzen zu hohe Erwartungen in die Urlaubszeit
Enttäuschte Erwartungen spielen vermutlich auch bei der Häufung von Suiziden an bestimmten Wochentagen, Feiertagen und Jahreszeiten eine Rolle. Laut einer Studie der WHO, die in elf europäischen Ländern durchgeführt wurde, ist die Rate der versuchten Selbstmorde vor Weihnachten relativ niedrig, nach Weihnachten und am Neujahrstag jedoch sehr hoch. Neben den letzten Tagen im Dezember sind auch Frühjahr und Frühsommer als Jahreszeiten mit besonders hohen Selbstmordraten bekannt. Darüber hinaus haben israelische Militärforscher festgestellt, dass die Selbstmordrate bei jungen Männern am ersten Werktag nach Wochenenden und Feiertagen um 60 Prozent steigt. Diesen Befund bestätigten ungarische Psychologen. Sie ermittelten, dass die Selbstmordrate an Wochenenden am niedrigsten, an Montagen hingegen am höchsten ist. Als Erklärung wird häufig der „Gebrochenes-Versprechen-Effekt“ herangezogen, den der US-amerikanischen Soziologe Howard Gabennesch entdeckt hat. Danach hoffen Menschen, die leiden und mit ihrem Leben unzufrieden sind, dass ihr Leben durch ein angenehmes, freudig erwartetes Ereignis, wie zum Beispiel Feiertage, Wochenenden oder Beginn der warmen Jahreszeit, eine positive Wendung erfährt. Tritt dies nicht ein, wird das angebliche „Versprechen“ auf bessere Zeiten in den Augen der Betroffenen gebrochen. Diese Enttäuschung können sie kaum verkraften, sodass ein Selbstmord als einziger Ausweg erscheint. Eine weitere Erklärung für die Häufung von Selbstmorden nach freier Zeit ist, dass der Übergang vom Angenehmen (Freizeit, Entspannung, Freiheit) zum Unangenehmen (Arbeit, Anstrengung, Pflicht) nicht adäquat gemeistert wird.

Steht eine Urlaubsreise an, kann dies ebenfalls mit erheblichem Stress und Ängsten verbunden sein. Schon die Reisevorbereitungen sind oft mehr Qual als Vergnügen. Besonders Frauen fühlen sich für Haus, Buchung, Proviant und Gepäck verantwortlich. Während Männer recht sorglos ans Packen herangehen und nicht viel Zeit darauf verschwenden beziehungsweise es lieber gleich ihren Frauen überlassen, beginnen diese in der Regel schon mehrere Tage vor der Abreise mit den Vorbereitungen. Sie arbeiten Listen mit Erledigungen ab, setzen sich unter Druck und prüfen immer wieder, ob sie auch wirklich nichts vergessen haben. Aus diesen Gründen fahren Frauen laut einer Umfrage wesentlich gestresster und besorgter in den Urlaub als Männer. Kaum ist das Haus verlassen, kreisen die Gedanken jedoch um das vielleicht noch brennende Bügeleisen oder die nicht abgeschlossene Haustür. Manch einer kehrt dann wieder um, um alles zu prüfen, oft sogar mehrmals. Der Drang nach Kontrollen und die Angst, dass in der Abwesenheit etwas passieren könnte, können so stark werden, dass sie Zwangshandlungen auslösen und das Verreisen unmöglich machen.
Für einige wird bereits die Anreise zu einer Strapaze
Auch auf der Fahrt zum Urlaubsort ist nicht jeder entspannt. Viele Reisende kostet es erhebliche Überwindung, sich als Passagier einem Fahrer anzuvertrauen. Schon das Beifahren im Auto oder das Reisen mit Bus und Zug treibt vorsichtigen Naturen den Angstschweiß auf die Stirn. Besonders große Ängste und Panik lösen aber Flugreisen aus, weil hierbei Pannen und Unfälle mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich enden. Flugangst („Aviophobie“) veranlasst daher viele Menschen, nur Urlaubsziele auszuwählen, die mit Auto, Bahn oder Schiff erreicht werden können. Nicht zu unterschätzen sind darüber hinaus Ängste vor Entführungen und Terroranschlägen, denn auch sie sind dafür verantwortlich, dass Urlaube nicht genossen oder gleich gar nicht angetreten werden.
Am Urlaubsziel kann es vorübergehend zu Anpassungsschwierigkeiten auf körperlicher und mentaler Ebene kommen, vor allem wenn eine „Neophobie“ vorliegt. Darunter versteht man die Angst vor allem Neuen. Die Betroffenen sind in der Regel überdurchschnittlich unflexibel und rigide und fühlen sich von Neuem und Ungewohntem überfordert, verwirrt und bedroht. Sie bestehen darauf, ihre Gewohnheiten beizubehalten und ausschließlich Bekanntes zu nutzen oder zu konsumieren (zum Beispiel Straßen, Essen, Hotelzimmer). Dar-über hinaus sind sie unfähig, sich allgemein anzupassen und auf veränderte Bedingungen einzustellen. Ihre Angst vor Neuem ist oft so übermächtig, dass sie immer an denselben Ort fahren oder das Reisen gänzlich meiden.
Das Gegenteil, nämlich zu wenig Angst und stattdessen zu viel Unbedarftheit und Leichtsinn, muss man hingegen Urlaubern unterstellen,
die den Urlaub ausnutzen, um über die Stränge zu schlagen und sich beispielsweise auf Alkohol- und Drogenexzesse oder auf sexuelle Abenteuer einlassen. Angesichts der vielen unerwünschten Unfälle, Krankenhauseinlieferungen, Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten infolge solcher Urlaube muss gemutmaßt werden, dass freie Zeit, eine veränderte Umgebung und eine gewisse Anonymität manche Personen enthemmen und zu fahrlässigem, verantwortungslosem Verhalten ohne Rücksicht auf Gefahren für die psychische und körperliche Gesundheit verleiten.
Dass viele Reisende Urlaub nicht nur als erholsam, sondern (auch) als stressreiche Zeit erleben, lässt eine Studie vermuten, die kürzlich an der Virginia Polytechnic Institute and State University durchgeführt wurde. Im Rahmen der Studie wurden 260 Touristen zu ihrer Zufriedenheit und ihrem Erholungszustand nach Urlaubsreisen befragt. Die Touristen fühlten sich vor allem dann gut erholt und waren mit ihrem Urlaub zufrieden, wenn verschiedene Befürchtungen im Hinblick auf Gesundheit, Hygiene und Sicherheit nicht eingetroffen waren. Beispielsweise waren sie froh, dass das Hotelzimmer frei von Kakerlaken war, dass sie nicht erkrankt waren und dass sie sich weder körperlich verausgabt noch zugenommen hatten. Befriedigend war offenbar auch das Gefühl, nie ohne Geld dagestanden zu haben und nicht bestohlen oder betrogen worden zu sein, das Konto nicht überzogen zu haben und nicht leichtfertig Geld ausgegeben zu haben. Nach Meinung der Wissenschaftler ist die Abwesenheit negativer Gefühle und Stressmomente bei einer Urlaubsreise offenbar der eigentliche Gewinn und beeinflusst deren Erholungswert stärker als positive Erlebnisse.
Ist der Urlaub überstanden, heißt das noch lange nicht, dass man aufatmen kann – das dicke Ende kommt nämlich in Form des „Nach-Urlaubs-Syndroms“. Daran leiden laut einer Studie der University of Granada circa ein Drittel aller Berufstätigen. Es äußert sich in körperlichen Symptomen wie Müdigkeit, Appetitmangel, Unwohlsein, Konzentrationsschwäche, Schlaflosigkeit, erhöhtem Puls und Muskelschmerzen. Daneben gibt es zahlreiche psychische Symptome wie Reizbarkeit, Angst, Traurigkeit, Lustlosigkeit und innere Leere. Verstärkt werden diese Symptome durch das Gefühl, nicht in der Lage zu sein, sich wieder den Herausforderungen des Arbeitsalltags stellen zu können. Die Ursachen für das Syndrom liegen unter anderem in mangelnder Motivation, fehlenden Anreizen, Angst sowie Unter- oder Überforderung.
Die Regeneration wird
durch Stress verhindert
Laut einer deutschen Studie könnten aber auch die Gedanken, Gefühle und Erlebnisse im Urlaub verantwortlich für den Zustand danach sein. Es zeigte sich, dass Personen, die während ihres Urlaubs über Job und Arbeitsumfeld nachdenken, sich ärgern und unzufrieden sind, meistens wenig erholt aus dem Urlaub zurückkehren. Sie können sich außerdem schlechter in den Arbeitsalltag eingewöhnen, sind weniger leistungsfähig und schneller erschöpft. Die Regeneration während des Urlaubs wird zusätzlich durch Stress verhindert, der nichts mit dem Beruf zu tun hatte, wie etwa Ehekrach, Ärger mit dem Hotel oder Autopannen. Im Gegensatz dazu sind Personen, die während des Urlaubs positiv über ihren Job denken, abschalten und sich entspannen können, bereits am ersten Arbeitstag wieder fit und leistungsfähig. Das ist allerdings nur ein kleiner Trost, denn der Erholungseffekt ist meist nach drei bis vier Wochen fast verschwunden, und es stellen sich die alten Gesundheitsbeschwerden wieder ein.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit1209
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