ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2009Familienberatung: Unerkanntes Potenzial

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Familienberatung: Unerkanntes Potenzial

Kattermann, Vera

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Nicht nur individuelle Biografien sind von Wiederholungen geprägt, sondern auch Familiensysteme. Was Sigmund Freud in der Einzelpsychotherapie als Wiederholungszwang erkannte und benannte, nämlich die Gesetzmäßigkeit, dass pathologische Beziehungserfahrungen solange wiederholt werden, bis sie eine befriedigendere Lösung erfahren, trifft im weiteren Sinn auch auf Familien zu. Denn auch hier werden die gleichen Themen in unterschiedlichen Ausprägungen und Variationen von Generation zu Generation gelebt und zu lösen versucht. Die systemische Familientherapie interessiert sich für die Entschlüsselung solcher familiärer Muster und hat als Methode ihrer Bearbeitung die Genogrammarbeit entwickelt. Mittels eines familiären Genogramms lassen sich die intergenerativen, familiären Beziehungen eines Patienten grafisch darstellen und interpretieren. Durch die grafische Aufarbeitung von Informationen über das Familiensystem und seine bisherigen Krisen lassen sich aktuelle Konflikte als Ausdruck dysfunktionaler familiärer Muster neu einordnen und verstehen.

Die Neuauflage des Klassikers „Genogramme in der Familienberatung“ bietet hierfür eine umfassende und fundierte Zusammenschau zur Methode und zu den Hintergründen dieses Verfahrens. Man lernt, wie man Genogramme einsetzt, zeichnet und gemeinsam mit den Patienten auswertet und entschlüsselt. Vor allem die vielen anschaulichen Beispiele machen das Buch zu einer richtiggehend spannenden Lektüre: Denn die Autoren untersuchen die Familiengeschichten zahlreicher berühmter Persönlichkeiten wie etwa Sigmund Freud, Louis Armstrong, George Bush, Woody Allen, der Familie Kennedy oder auch der britischen Königsfamilie. Die dadurch gewonnenen Einsichten sind ebenso faszinierend wie aufschlussreich und schüren die Neugier auf Anwendung und Umsetzung der aufgeführten Perspektiven in den therapeutischen Alltag.

Das Buch ist klar und verständlich formuliert, gut gegliedert und nachvollziehbar aufgebaut – allein das Inhaltsverzeichnis lässt Detailtreue vermissen und erschwert damit das Auffinden inhaltlicher Unterpunkte. Für die dritte Auflage wurde der Band aktualisiert und stark erweitert. Einzelne thematische Schwerpunkte, wie beispielsweise die Bedeutung eines Migrationshintergrunds für die Familiengeschichte, werden eingehend vorgestellt und sensibilisieren für die weitreichenden Folgen und Facetten familiärer Dynamiken. So stellen die Autoren abschließend fest, dass das Potenzial der Familiengenogramme auch heute noch nicht annähernd erkannt und ausgeschöpft ist. Man darf also auch nach der Lektüre dieses empfehlenswerten Buches auf die Weiterentwicklungen gespannt bleiben. Vera Kattermann

Monica McGoldrick, Randy Gerson, Sueli Petry: Genogramme in der Familienberatung.
3. Auflage, Huber, Bern 2008, 346 Seiten, kartoniert, 34,95 Euro
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