ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2009Bildtexte/Textbilder: Timm Ulrichs – Signifikat & Signifikant

KUNST + PSYCHE

Bildtexte/Textbilder: Timm Ulrichs – Signifikat & Signifikant

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die eigenwilligen Bilderfindungen von René Magritte (1898–1967) haben viele Künstler beeinflusst und zu Reaktionen herausgefordert. Dies gilt ganz besonders für sein Gemälde einer Pfeife mit dem berühmten Satz „Ceci n’est pas une pipe“ (1928–1929). Wir haben es hier mit einem Bild zu tun, nicht mit einer Pfeife, die wir stopfen und rauchen könnten. Nicht nur Sprachwissenschaftler und Psychoanalytiker lacanscher Prägung haben sich an den dazugehörigen Begriffen „Signifikat“ und „Signifikant“ abgearbeitet, auch bildende Künstler greifen diese Dialektik auf. So hat zum Beispiel Jîrí Kolář (1914–2002) in einer Postkartenserie die Bildidee überdreht, indem er das Bild der Pfeife ausschnitt und mit einem beliebigen anderen Motiv hinterlegte. Nun handelte es sich nicht einmal mehr um das Bild einer Pfeife, sondern nur noch um deren Umrisse, die den Blick auf etwas ganz Anderes freigeben.

Einen entgegengesetzten Weg beschritt Timm Ulrichs. Er ließ ein Kästchen bauen, gerade groß genug, um eine reale Pfeife darin unterzubringen. Sie sieht der Pfeife auf dem Gemälde von René Magritte zum Verwechseln ähnlich. Die typische Reihenfolge von einem Objekt und seinem Abbild wird auf den Kopf gestellt. Dies könnte nun sowohl Ausdruck der Freude sein („Genau solch eine Pfeife würde ich gern rauchen!“) als auch einer Banalisierung: Die Situation erinnert auf einmal an die unzähligen bebilderten Angebote, die tagtäglich auf uns einstürmen und uns mit verlockenden Bildern zum Kauf der abgebildeten Objekte verführen wollen. Aber Timm Ulrichs wäre nicht er selbst, wenn er es dabei bewenden lassen würde. Im Unterschied zu Jîrí Kolář, der eine Postkartenabbildung für seine Collagen verwendete, hat Ulrichs das Originalgemälde des tschechischen Künstlers durch einen Zusatz verfremdet. Das im Innendeckel des Kastens eingeklebte Foto trägt den Satz „Ceci n’est pas une pipe de Magritte“. Wir können zwar versuchen, dem Originalobjekt nahezukommen – aber es ist und bleibt nur der Ersatz. Dies erscheint wie eine Illustration des bekannten Satzes von Paul Ricœur: „Der Weg der Realität ist mit verlorenen Objekten gesäumt“. Hartmut Kraft

Biografie Timm Ulrichs
Geboren 1940 in Berlin. 1959–1966 Architekturstudium in Hannover. 1961 Gründung der „Werbezentrale für Totalkunst und Banalismus“.
Interdisziplinäre Arbeit mit Texten, Objekten, Druckgrafik. 1961/1965 Selbstausstellung seiner Person als Gesamtkunstwerk. 1972–2005 Professor an der Kunstakademie Münster. Lebt in Hannover.

Literatur
Holtmann H (Hrsg.): Timm Ulrichs. Retrospektive 1960–1975.
Kunstverein Braunschweig und andere. 1975–1976.
Ricœur P: Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Suhrkamp,
Frankfurt 1965.
T. U.: Totalkunst. Städtische Galerie, Lüdenscheid 1980.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema