ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Klinikauswahl: Mein Nachbar hat gesagt . . .

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Klinikauswahl: Mein Nachbar hat gesagt . . .

Meißner, Marc

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Dr. rer. nat. Marc Meißner. Gesundheits- und sozialpolitische Redaktion
Dr. rer. nat. Marc Meißner. Gesundheits- und sozialpolitische Redaktion
Mehr Wettbewerb“, lauten derzeit die Zauberworte für die meisten Probleme im Gesundheitswesen. Der gut informierte und mündige Patient spielt dabei eine zentrale Rolle: Er ist nicht mehr ein Kranker, sondern ein Kunde, der sich zwischen den verschiedenen Kassen, Krankenhäusern und Ärzten für das subjektiv beste Angebot entscheidet. Damit er das kann, wird regelmäßig mehr Transparenz über die Qualität medizinischer Leistungen gefordert.

Für Krankenhäuser ist das nichts Neues. Seit 2005 sind sie verpflichtet, regelmäßig Qualitätsberichte vorzulegen. Im Internet kann der „Kunde“ längst Mortalitätsdaten, Fehlerraten und eine Fülle weiterer Kennzahlen einsehen, anhand derer er sich vor einer stationären Behandlung für eine Klinik entscheiden kann. So zumindest die Theorie. In der Praxis scheitert dies an zweierlei: an der Fülle an Daten in den Qualitätsberichten, die den Laien eher verwirrt als erhellt, und am traditionellen Informationsverhalten.

Studien des Instituts für Soziologie der Universität Heidelberg zeigen, dass sich nicht einmal jeder zehnte Patient eines Krankenhauses vorher online über die Einrichtung erkundigt hat. Der Soziologe Stefan Bär befragte dazu 129 Patienten in Heidelberger und mehr als 500 in Berliner Kliniken. Zwar geben zwei Drittel der Patienten an, dass sie sich aufgrund der Qualität der medizinischen Leistungen für dieses Krankenhaus entschieden hätten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigten, dass sie ihre Informationen größtenteils von Laien beziehen. Nicht Qualitätsberichte und Fachleute prägen ihre Einschätzung der Klinik. Vielmehr wird sie durch das bestimmt, was ihnen andere erzählt oder was sie selbst zum Beispiel als Besucher in einer Klinik erlebt haben. Über Alternativen informiert sich der souveräne Patient ebenfalls kaum. Jeder Dritte hat keine Informationen darüber eingeholt.

Ist das überraschend? Nein. Denn Patienten sind keine Kunden. Sich eine Klinik für eine Operation zu suchen, ist nicht mit einem Autokauf vergleichbar, bei dem man in Ruhe verschiedene Angebote vergleicht. Gerade bei schweren Erkrankungen sind Patienten damit schnell überfordert. Sie überlassen die Entscheidung dem einweisenden Arzt oder ihrem sozialen Umfeld. Dabei spielt der Hausarzt eine wichtige Rolle. Immerhin wählen 70 Prozent der Patienten das Krankenhaus, das dieser ihnen empfohlen hat.

Die Studie zeigt vor allem, dass die Bemühungen um Qualitätsberichte und Transparenz an den Bedürfnissen der Patienten vorbeilaufen. Er ist kein Kunde, der lange recherchiert, bevor er sich für ein Angebot entscheidet. Dennoch sind die Qualitätsberichte sinnvoll: Für die Ärzte, die sich, bevor sie Patienten zu einer stationären Behandlung überweisen, fundiert über Qualitätsunterschiede informieren können.

Dr. rer. nat. Marc Meißner
Gesundheits- und sozialpolitische Redaktion
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