ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Schach: Lob der Kahlheit

SCHLUSSPUNKT

Schach: Lob der Kahlheit

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Vor Kurzem durfte ich bei Prof. Dr. med. Peter Krausenecks 65. Geburtstag und seinem gleichzeitigen Abschied als Chef der Bamberger Neurologie etwas mitfeiern. Nun ist Peter der Letzte, der fortan die Hände in den Schoß legt und nur noch stillvergnügt den Kindern und Enkelkindern zuschaut, wie sie um seinen Lehnstuhl herumwuseln. Einmal verführte ich ihn zu einem Meditationswochenende, doch seine Sache ist mehr die „produktive Unruhe“. Die kann er künftig in eigener Praxis ausleben, vielleicht auch beim Schachspiel ad libidum, frei von allen Klinikumszwängen.

Beim diesjährigen Ärzteturnier wurde er einmal mehr Zweiter. Früher rätselte ich herum, warum der Neurologen Neurone beim Schach besser als die von Normalsterblichen zusammenarbeiten. Das Geheimnis ist nach wie vor ungeklärt, und auch Professor Krausenecks eigene Erklärung, dass Wassertrinken das Denken anrege, erscheint mir wenig überzeugend. Klingt fast wie „Die Milch macht’s“ der deutschen Milchwirtschaft. Der große alte Mann des Schachs, der 78-jährige Viktor Kortschnoi, verlor in einem Werbespot gegen eine Kuh. Kasparow gegen einen Getränkeautomaten. Peter vielleicht gegen einen Dorfbrunnen?!

Natürlich ließ mir dieses Problem keine Ruhe. Bis ich vom „Lob der Kahlheit“ des Synesios von Kyrene hörte, einem „neuplatonischen Denker, aber auch originellen und lebensfrohen Kopf, der im Jahr 410 zum Bischof der nordafrikanischen Hafenstadt Ptolemais ernannt wurde“ (Süddeutsche Zeitung). Früh wurde er kahl. Dummerweise kannte er die hippokratischen Schriften, nach denen schütteres Haar schwere Erkrankungen des Körpers und Geistes ankündige – und zu allem Überdruss hatte sein großes Vorbild, der Redenschreiber Dion von Prusa, ein „Lob des Haupthaars“ verfasst.

„Daher fühlte ich mich“, schreibt Synesios, „gleich nachdem das Verhängnis über mich hereingebrochen war und die Haare zu schwinden begannen, wie mitten ins Herz getroffen.“ Doch ein kluger Mann verzagt nicht. Und Synesios sagte sich, dass es „gar keinen Grund gibt, weshalb ein Mann sich seiner Glatze schämen sollte. Warum auch, wenn einer zwar einen kahlen Kopf hat, die Ideen aber daraus nur so hervorsprießen?!“. Und man Gewährsleute wie den kahlköpfigen Sokrates und Platon hat, welch Letzterer darlegt, dass Haare keinesfalls von Weisheit zeugen. Synesios geht „pro domo“ noch etwas weiter: „Kein Zweifel also, dass dort der Verstand einzieht, wo die Haare weichen.“

Das war die Geburtsstunde des „Lob(es) der Kahlheit“, übrigens zweisprachig griechisch-deutsch in der Übersetzung des Arztes und Philologen Werner Golder erschienen.

Vielleicht ahnen Sie schon, wie es in puncto Haarpracht bei unserem Protagonisten (und seinem Chronisten) ausschaut – und vielleicht erraten Sie auch, welch tiefe und listige Idee zugleich, ungehindert durch störendes Haar, in seiner Partie gegen Dr. med. Thomas Dettler, stets einer der Besten, aus ihm herausspross?!

Übrigens „haargenau“ der gleiche verblüffende Schlüsselzug, mit dem – wenn auch in ganz anderer Stellung – der gar schon 67-jährige Emanuel Lasker (Weltmeister von 1894 bis 1921) in Nottingham 1936 gegen den damaligen Weltmeister Max Euwe gewann. Wie kam Professor Krauseneck als Weißer entscheidend in Vorteil?

Lösung:
Nach 1. b4! war Schwarz, der sicher 1. Ld2 oder 1. Dd2 erwartete, verloren, weil nun die Springergabel 2. Sc7+ mit Einheimsen des Turms a8 nicht mehr zu verhindern war: sowohl bei 1. . . . cxb4 als auch bei 1. . . . Dd8. Nach 1. . . . Dxb4 2. Ld Db2 3. Lc3 hätte sogar die Dame dran glauben müssen.
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