ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im Himalaya: Medizin auf dem Dach der Welt

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Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im Himalaya: Medizin auf dem Dach der Welt

Dtsch Arztebl 2009; 106(50): A-2527 / B-2179 / C-2111

Rommelfanger, Klaus W.

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LNSLNS Nach dem Ausscheiden aus der eigenen HNO-Praxis wollte der Autor einmal ohne evidenzbasierte Qualitätskontrollen bedürftigen Patienten helfen – und hat es nicht bereut.

Wunderschön abgelegen: Nur etwa sieben Monate im Jahr ist die Region Zanskar, im Himalayagebirge gelegen, zugänglich. Foto Mauritius Images
Wunderschön abgelegen: Nur etwa sieben Monate im Jahr ist die Region Zanskar, im Himalayagebirge gelegen, zugänglich. Foto Mauritius Images
Zanskar ist eine indische Region im westlichen Teil des Himalayagebirges mit Siedlungen in einer Höhe von 3 500 bis 4 400 Metern. Sprache, Sitten und Bevölkerung sind dem Tibetischen verwandt. Elektrizität gibt es nur in den größeren Orten und dann auch nur für einige Stunden am Abend. Die medizinische Versorgung obliegt weitgehend den Amchis, Naturärzten nach tibetischer Medizinausbildung, die traditionsgemäß kostenfrei behandeln. Vom indischen Staat werden zwar in die großen Orte Ärzte abgeordnet, die jedoch nur selten vor Ort sind. Westliche Ärzte kommen gelegentlich nach Zanskar, das nur in den Sommermonaten von Ladakh aus erreichbar ist. Während des harten Winters ist die Bevölkerung dagegen fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Nur ein Weg über einen zugefrorenen Fluss verbindet dann das Land mit der übrigen Welt.

Ich wollte nach Zanskar, um in den Dörfern Sani und Karsha Hals-, Nasen- und Ohrenuntersuchungen durchzuführen und Hörgeräte anzupassen. Dazu musste ich erst einmal eine LED-Stirnlampe und ein Audiometer auf Basis eines MP3-Players mit Batterien herstellen, weil in den beiden Dörfern kein Strom zur Verfügung steht. Zehn neue Hörgeräte wurden von der Firma Auric gesponsert (inklusive der Batterien).

Nach dem Flug über Dubai, Delhi nach Leh in Ladakh erfolgte erst einmal eine Höhenanpassung auf 3 500 Meter. Dann ging es mit dem Jeep zunächst einen Tag lang bis Kargil, wo schon zwei Patienten abends im Hotel den Arzt aus Deutschland erwarteten. Am nächsten Tag fuhren wir über den Penzi-La-Pass – mit 4 401 Metern weltweit einer der höchsten Pässe überhaupt –, um dann abends in Sani bei der Familie anzukommen, die uns vier Wochen beherbergen und verpflegen sollte.

Schwerhörige Schüler, die von Klaus W. Rommelfanger mit Hörgeräten versorgt wurden, blühten sichtbar auf. Foto: Klaus W. Rommelfanger
Schwerhörige Schüler, die von Klaus W. Rommelfanger mit Hörgeräten versorgt wurden, blühten sichtbar auf. Foto: Klaus W. Rommelfanger
In der Winterschule des Fördervereins Sani Zanskar e.V. aus Aachen (www.sani-zanskar.de) und der SECPAD-Schule in Karsha, die von der Athenstädt-Stiftung aus Bremen (www.athenstaedt-stiftung.de) unterstützt wird, richtete ich dann mein Sprechzimmer ein. Zwei Bänke und Stühle sowie ein Regal mussten ausreichen. Meine Frau übernahm die Aufnahme der Personalien und die Aufzeichnungen der Befunde. Da alle Familienmitglieder völlig verschiedene Vor- und Nachnamen haben, mussten auch der Name des Vaters und das Haus notiert werden, um eine exakte Zuordnung zu gewährleisten. Lehrer übersetzten für uns zanskarisch (ein tibetischer Dialekt) ins Englische.

Die Patienten kamen zahlreich und anfangs gleich zu mehreren in das ärztliche Sprechzimmer. Eine persönliche Sphäre war den Leuten nicht geläufig. Meist klagten sie über Zerumen und Ohrenjucken. Schwerhörigkeit und Tinnitus waren eher selten. Schwindel wurde kaum geäußert. Patienten mit Frakturen und Platzwunden suchten den deutschen Hals-Nasen-Ohren-Arzt ebenso auf wie Leute mit Augenproblemen oder Gelenkbeschwerden. Die Schulkinder wurden zunächst mit seitengetrennter Flüstersprache untersucht, wobei schnell schwerhörige Kinder auffielen, die mit Hörgeräten versorgt werden konnten. Großer Andrang herrschte dann noch einmal, als nach einem „Teaching“ des Dalai Lama über die Lautsprecher durchgesagt wurde, dass in Sani ein deutscher Hals-Nasen-Ohren-Arzt arbeite und er Hörgeräte dabeihabe. Die Patienten nahmen zum Teil beschwerliche ein- bis zweitägige Reisen auf sich, um sich von uns untersuchen zu lassen.

Bei der Anpassung und Überlassung von Hörgeräten zeigten sich die Patienten sehr dankbar. Besonders junge Erwachsene erklärten, dass sie durch ihre Schwerhörigkeit sozial abgesondert waren. Die Schüler, die Hörgeräte erhielten, blühten sichtbar auf, als sie besser hören konnten.

Für Patienten mit Trommelfellperforationen vereinbarte ich auf der Rückfahrt im Gouvernment Hospital in Leh Termine zur Tympanoplastik in nächsten Sommer. Medikamente konnten meist aus dem mitgebrachten Vorrat mitgegeben werden oder wurden auf einem Blatt Papier verordnet, um sie in der Hauptstadt Padum in der Apotheke zu kaufen.

Rückschauend war die ärztliche Tätigkeit unter einfachsten Bedingungen eine echte Herausforderung, die aber durch die aufrichtige Dankbarkeit der Behandelten sehr belohnt wurde. Ich hoffe, durch diesen kurzen Bericht auch andere Kollegen zu ermuntern, nach dem Ausscheiden aus der eigenen Praxis noch einmal ohne evidenzbasierte Qualitätskontrollen mit Freude bedürftigen Patienten in fernen Gebieten zu helfen.
Dr. med. Klaus W. Rommelfanger
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