ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Arznei­mittel­kommission: Keine Harmonie mit der Industrie

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Arznei­mittel­kommission: Keine Harmonie mit der Industrie

Osterloh, Falk

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LNSLNS Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) machte auf ihrer Mitgliederversammlung deutlich, dass sie auch künftig den Pharmafirmen auf die Finger schauen will – in Deutschland und in Europa.

Der neue AkdÄ- Vorstand: Wilhelm Niebling, Ursula Gundert-Remy, Wolf-Dieter Ludwig, Daniel Grandt und Bernd Mühlbauer (v.l.n.r.) Foto: AkdÄ
Der neue AkdÄ- Vorstand: Wilhelm Niebling, Ursula Gundert-Remy, Wolf-Dieter Ludwig, Daniel Grandt und Bernd Mühlbauer (v.l.n.r.) Foto: AkdÄ
Es gab viele Geschenke in diesem Jahr. Für herausragende Mitarbeit, für das scheidende Vorstandsmitglied Prof. Dr. med. Roland Gugler, für die Mammutarbeit an den neu erschienenen „Arzneiverordnungen“. Der Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, lobte, dass sich mehr als 90 Prozent der ehrenamtlich tätigen AkdÄ-Mitglieder im vergangenen Jahr an der Arbeit der Kommission beteiligt hätten. Und der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Carl-Heinz Müller, bezeichnete die Informationen des Instituts als „aktuell, wissenschaftlich sauber und praxisrelevant“. Doch bei ihrer Arbeit will die AkdÄ keine Geschenke verteilen. „Wir werden uns auch in Zukunft intensiv mit Defiziten in klinischen Studien, die von der Pharmaindustrie gesponsert und durchgeführt werden, und mit unseriösen Marketingstrategien auseinandersetzen“, betonte der Vorsitzende der AkdÄ, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Eine ungetrübte und fragwürdige Harmonie mit der Pharmaindustrie nach dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ könne und dürfe es nicht geben.

Im vergangenen Jahr hat sich die AkdÄ laut Ludwig unter anderem dafür eingesetzt, eine Lockerung des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Medikamente auf europäischer Ebene zu verhindern. Hintergrund ist ein Richtlinienentwurf der Europäischen Kommission zur Information über verschreibungspflichtige Arzneimittel, mit der sich das Europäische Parlament derzeit befasst. Dieser sehe vor, dass Pharmafirmen ohne ausreichende Kontrollmechanismen über ihre Arzneimittel in Internet und Printmedien informieren dürften, erklärte der Berliner Onkologe.

AkdÄ und BÄK wollen mit ihrer Kritik an diesem Entwurf verstärkt an die Öffentlichkeit gehen.

„Drug Facts Box“ soll Patienten besser informieren
Stellung genommen hat die AkdÄ auch zu den Vorschlägen der Europäischen Kommission, das EU-System zur Überwachung von Arzneimitteln zu verbessern. Die AkdÄ hat dabei besonders begrüßt, dass Informationen über Risiken und Nutzen von Arzneimitteln in einem grafisch hervorgehobenen Abschnitt in die Packungsbeilage aufgenommen werden sollen. Einen solchen „Drug Facts Box“ genannten Abschnitt empfahl unlängst auch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA. Zwei randomisierte kontrollierte Studien dazu hatten gezeigt, dass die Box das Wissen von Patienten über Arzneimittel signifkant verbessere. Ludwig hat sich für seine zweite Amtszeit zudem vorgenommen, die Patientenautonomie bei der Verordnung von Arzneimitteln zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern zu verbessern. Diese Themen werden auch auf dem 3. Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie (4. und 5. März 2010) diskutiert, der unter anderem von der AkdÄ in Berlin veranstaltet wird.

Begrenztes Arzneimittelsortiment
Neu im Portfolio der AkdÄ ist die Veröffentlichung „Neue Arzneimittel“, wie die stellvertretende Vorsitzende, Prof. Dr. med. Ursula Gundert-Remy, erklärte. Darin würden seit Januar dieses Jahres Ärzte über neu zugelassene Arzneimittel beziehungsweise Indikationen in der EU informiert. Enthalten seien unter anderem Angaben zu Bewertung, klinischen Studien und unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Bislang hat die Kommission auf diese Weise über 46 Arzneimittel sowie über pandemische Impfstoffe informiert. Zudem hat die AkdÄ vor Kurzem die 22. Auflage der „Arzneiverordnungen“ vorgestellt. Darin empfiehlt sie circa 500 der etwa 2 500 Wirkstoffe, die sich zurzeit auf dem deutschen Markt befinden, und beschreibt sie im Detail. Erstmals macht die AkdÄ zudem einen konkreten Vorschlag zu einer Begrenzung des Arzneimittelsortiments für die hausärztliche Praxis auf 153 essenzielle Wirkstoffe. Möglichst wenige, aber gut dokumentierte Me-dikamente so zurückhaltend wie möglich einzusetzen, könne Nebenwirkungen und Kosten verringern und die Adhärenz verbessern.

Turnusmäßig wählten die AkdÄ-Mitglieder in diesem Jahr ihren Vorstand: Neben Ludwig und Gundert-Remy wurden Prof. Dr. med. Daniel Grandt und Prof. Dr. med. Wilhelm Niebling in ihrem Amt bestätigt. Neu im Vorstand ist der Bremer klinische Pharmakologe Prof. Dr. med. Bernd Mühlbauer.
Falk Osterloh
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