ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Von der Röntgenologie zur Imagiatrie: Die Bildgebung sucht einen neuen Namen

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Von der Röntgenologie zur Imagiatrie: Die Bildgebung sucht einen neuen Namen

Golder, Werner

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Foto: Caro
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Als Folge der Erweiterung der medizinischen Strahlenkunde und vor allem durch die Fortschritte innerhalb der bildgebenden Diagnostik erscheint der Begriff „Radiologie“ nicht mehr angemessen.

Werner Golder
Die Radiologie entwickelt sich so rasch, dass ihre traditionelle Bezeichnung die Leistungen, die das Fach erbringt, nicht mehr ausreichend beschreibt. Viele sprechen daher lieber von Bildgebung oder bildgebender Diagnostik. Mit diesen Begriffen wird aber der therapeutische Zweig der modernen Radiologie, die interventionelle Radiologie, nicht ausreichend erfasst. Gerade in der Tumormedizin macht die Radiologie sowohl diagnostisch als auch palliativ und kurativ gewaltige Fortschritte. Ein neuer Terminus, der die diagnostische und die interventionelle Facette der Bildgebung in gleich einprägsamer Weise vermittelt, wird also gesucht.

„Radiologie“: Der vertraute Terminus für die Wissenschaft von der medizinischen Bildgebung ist nicht ohne Geburtsfehler. In wörtlicher Übersetzung bezeichnet Radiologie grundsätzlich jede Form von Strahlenkunde. Die Art der Strahlen und der Zweck, zu dem sie erforscht und angewandt werden, gehen aus dem Namen nicht hervor. Bedenkt man, wie viele andere Disziplinen sich ebenfalls mit Strahlen befassen, so wäre es für die ärztliche Strahlenkunde sinnvoll gewesen, sich von Anfang an unmissverständlich als medizinische Radiologie zu deklarieren und so von der nicht medizinischen Nutzung abzugrenzen.

Aber selbst dann, wenn unter Radiologie stillschweigend nur die medizinische Strahlenkunde verstanden wird, ist der Terminus unpräzise.

Verschiedene Strahlenarten
Es fehlt vor allem der Hinweis darauf, dass sich die Radiologie mit den ionisierenden Strahlen, also einem Segment aus dem Spektrum der Strahlen beschäftigt; andere zu medizinischen Zwecken verwendete Strahlen gehören nicht zu ihrem Instrumentarium. Vernachlässigt man das Kriterium der Strahlenart, dann könnte man auch die Vertreter der physikalischen Medizin und anderer Fächer als Strahlenärzte bezeichnen, weil sie Strahlung zum Beispiel in Form von Sonnenlicht anwenden. Die Radiologie ist also nicht erst Ende des 19. Jahrhunderts geboren worden, als Physiker und Ärzte begannen, Thoraxorgane und Skelettelemente von Kranken mithilfe der neuen unsichtbaren kurzwelligen elektromagnetischen Strahlen zu untersuchen, und die damit gewonnenen Erkenntnisse in die Theorie und Praxis der klinischen Disziplinen, allen voran der Lungenheilkunde, Eingang fanden.

In den ersten Jahren war unter den Termini technici für das neue Fach die Röntgenologie der stärkste Rivale der Radiologie. Der Weg zu diesem Begriff wurde dadurch gebahnt, dass die von ihrem Entdecker als X-Strahlen bezeichneten Strahlen im Januar 1896 auf Vorschlag des Würzburger Anatomen Albert von Kölliker in Röntgenstrahlen umbenannt wurden und diese Änderung rasch viele Anhänger fand. Das „American X-Ray Journal“ wurde, nachdem es zwischenzeitlich den Titel „Archives of Electrology and Radiology“ getragen hatte, in „American Quarterly of Roentgenology“ und schließlich 1913 in „American Journal of Roentgenology“ umbenannt. Der erste Lehrstuhl für medizinische Strahlenkunde, der 1899 in Amsterdam geschaffen wurde und den Johannes Karl August Wertheim Salomonsen erhielt, war als Professur für Röntgenologie ausgeschrieben.

Die Anwendung von Röntgenstrahlen am Menschen wurde damals auch unter Ärzten noch in erster Linie als eine Sonderform der Fotografie betrachtet. Sydney Rowland bezeichnete die medizinische Radiologie im Vorwort zur ersten Nummer (April 1896) der ältesten britischen Röntgenzeitschrift folgerichtig als „Art which I venture to call Skiagraphy“ und wählte als Titel „Archives of Clinical Skiagraphy“. Der Terminus „Skiagraphie“ hat sich freilich weder im englischen Sprachraum noch in anderen Sprachen durchsetzen können.

Das Ringen um den am besten geeigneten Namen war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zugunsten der Radiologie entschieden. Das von Antoine Béclère im Jahre 1900 in Paris organisierte Treffen von Fachleuten der jungen Disziplin wurde unmissverständlich als First International Congress of Radiology angekündigt. Preston M. Hickey wollte 1904 für die Dokumentation der Röntgenuntersuchung nur noch den Terminus „ radiograph“ gelten lassen. Alle in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gegründeten Fachzeitschriften hatten in der einen oder anderen Form „Radiologie“ beziehungsweise die landessprachliche Variante des Terminus im Titel.

Für eine gewisse Zeit wurden die nachwachsenden Disziplinen der Strahlentherapie und der Nuklearmedizin von der Radiologie terminologisch miterfasst. Beide Fächer haben sich aber seit Langem sowohl inhaltlich wie organisatorisch so sehr verselbstständigt, dass die einigende Wirkung des übergeordneten Begriffs fast nur noch Geschichte ist. Doch weniger die Diversifizierung der medizinischen Strahlenkunde als der Fortschritt innerhalb der diagnostischen Radiologie selbst lässt den vertrauten Terminus als nicht mehr zeitgemäß und den Leistungen, die das Fach erbringt, nicht mehr angemessen erscheinen.

Ein neuer Begriff wird gesucht, der das Potenzial der Disziplin möglichst umfassend wiedergibt und gleichzeitig den alten an Präzision übertrifft. Dazu müssen beide Elemente des Terminus „Radio-logie“ gegen neue ausgetauscht werden; das erste, um zu demonstrieren, dass sich die technischen Mittel der radiologischen Arbeit geändert haben, nicht aber das Resultat, und das zweite, weil sich mit dem Wechsel der Verfahren auch die Art der Leistungen und die fachliche Zielvorgabe gewandelt haben.

Heute wird nur noch ein Teil der radiologischen Arbeit mittels ionisierender Strahlen erbracht. Trotz digitaler Radiografie und Computertomografie wird der Anteil der Strahlendiagnostik an der medizinischen Bildgebung mittel- und langfristig weiter zurückgehen. Die strahlenfreien Methoden werden immer neue Anwendungsbereiche gewinnen. Das Ergebnis der Tätigkeit bleibt aber – unabhängig von den eingesetzten physikalischen Verfahren – unverändert das Bilddokument.

Medizinischer Einsatz von Röntgenstrahlen – die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1904. Foto: ullstein bild
Medizinischer Einsatz von Röntgenstrahlen – die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1904. Foto: ullstein bild
„Bild“ statt „Strahlung“
Es bietet sich daher an, den Wortbestandteil „Strahlung“ durch die Alternative „Bild“ zu ersetzen und so die Bindung des Terminus an die ioni
sierende Strahlung aufzuheben. Dieser Wechsel ist durch Begriffe wie imaging (bildgebende Diagnostik) und image-guided therapy (bildgesteuerte Behandlung) bereits gebahnt.

Den entscheidenden Impuls zur Änderung des zweiten Wortbestandteils gibt die immer stärker werdende therapeutische Orientierung des Fachs in Form minimal verletzender bildgesteuerter Eingriffe. Der Radiologe ist dadurch an der Versorgung der Patienten nicht mehr nur als Diagnostiker beteiligt, sondern er leistet einen Beitrag zur Behandlung. Den neuen, bisher weniger beachteten Aspekt des Fachs kann man dadurch hervorheben, dass der Wortbestandteil „Wissenschaft“ durch „Heilkunde“ ersetzt wird. Auf diese Weise wird die „Wissenschaft von den Strahlen“ von der „Behandlung durch Bilder“, das heißt die „Radiologie“ von der „Imagiatrie“ abgelöst. Die medizinische Strahlenkunde bringt sich mit dieser Umbenennung terminologisch in die Nähe klassischer Disziplinen wie der Pädiatrie oder der Psychiatrie.

Die neue Fachbezeichnung entlehnt ebenso wie die alte ihre beiden Elemente der lateinischen beziehungsweise griechischen Sprache. Die Verwurzelung in den klassischen Fundamentalsprachen der medizinischen Terminologie sichert ihr Verständnis, Akzeptanz und die Möglichkeit der Übertragung in andere Sprachen, vor allem ins Englische. Die entsprechenden Adjektive (wie radiologisch – imagiatrisch), Substantive (zum Beispiel Radiologe – Imagiater) und die Bezeichnungen für die Spezialdisziplinen (zum Beispiel Neuroradiologie – Neuroimagiatrie) können der neuen Wortschöpfung ohne Mühe angepasst werden. Die mit dem Stamm „Radio-“ gebildeten Termini, die sich ausschließlich auf ionisierende Strahlen beziehen (wie Radiobiologie oder Radiotherapie), bleiben unverändert erhalten und gewinnen durch die neue Bezeichnung für die medizinische Bildgebung und bildgesteuerte Behandlung sogar noch an Präzision und Trennschärfe.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2009; 106(50): A 2508–9

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Werner Golder
Arzt für Radiologie
65, rue Raymond-Poincaré
F-10000 Troyes
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Kommentare

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Avatar #596753
dr.hunni
am Freitag, 22. Februar 2013, 13:27

Ohne Worte!

Wird im Ärzteblatt jetzt eigentlich alles veröffentlicht, was so "reinkommt?" Auf welchem Niveau bewegen wir uns hier? Als Radiologin muß ich mich immer wieder darüber wundern, wie minimal das Fachwissen auch bei Fachkollegen z.B. aus der Orthopädie ist! Das betrifft schon die Wahl der Untersuchungsmethode. Der ganze Artikel eine einzige Unverschämtheit!

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