ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Julien Offray de La Mettrie (1709–1752): Lob des Selbstdenkens

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Julien Offray de La Mettrie (1709–1752): Lob des Selbstdenkens

Dtsch Arztebl 2009; 106(50): A-2510 / B-2158 / C-2096

Goddemeier, Christof

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Ein Arzt des 18. Jahrhunderts, dessen Schriften die Zensur in Frankreich verbrennen lässt. Foto: picture alliance-maxppp
Ein Arzt des 18. Jahrhunderts, dessen Schriften die Zensur in Frankreich verbrennen lässt. Foto: picture alliance-maxppp
Vor 300 Jahren wurde der Arzt, Philosoph und Satiriker geboren.

Der Zeichner Georg Friedrich Schmidt hat La Mettrie als „lachenden Demokrit“ porträtiert: Das Bild zeigt ihn in salopper Pose, mit geöffnetem Hemd unter pelzbesetztem Mantel. Den kahlen Schädel bedeckt nicht, wie sonst üblich, eine Perücke, sondern ein üppig gebauschtes Barett. Mit schelmisch dreinblickenden Augen lacht er dem Betrachter geradewegs ins Gesicht. Sein langjähriger Freund Desormes hat den Stich mit ein paar Versen versehen: „In diesen lebhaften Zügen siehst du den Meister/Des Spiels, des Lachens und des Bonmots (. . .).“ Wer war dieser Querdenker und Meister des doppeldeutigen und ironischen Stils, der auch namhafte Vertreter der Aufklärung gegen sich aufbrachte?

Am 23. November 1709 wird Julien Offray de La Mettrie in der bretonischen Hafenstadt Saint-Malo geboren. Nachdem der Vater endlich davon überzeugt ist, dass ein mittelmäßiger Arzt mehr verdient als ein guter Priester, beginnt La Mettrie an der Faculté in Paris mit dem Medizinstudium, das er 1733 in Reims abschließt. Er eröffnet in Saint-Malo eine Praxis und arbeitet nebenbei als Arzt im Hospital. Kurze Zeit später wird er bei Herman Boerhaave (16681738) im niederländischen Leiden noch einmal Student. Boerhaave ist der große klinische Lehrer des 18. Jahrhunderts. Geleitet von einem iatrophysikalischen Zugang zum menschlichen Körper als einem mechanisch funktionierenden Gebilde, ist er im Grunde jedoch Eklektiker. Er verzichtet auf ein eigenes System und stützt sich vor allem auf die praktische Erfahrung am Krankenbett. Zeitlebens betont La Mettrie, wie sehr ihn die umfassende Gelehrtheit und Naturkenntnis Boerhaaves beeinflusst haben. In den nächsten zehn Jahren übersetzt er acht Werke Boerhaaves ins Französische.

Doch La Mettrie begnügt sich nicht mit reiner Übersetzertätigkeit. Bereits der ersten Arbeit fügt der 25-Jährige einen Aufsatz bei, der über einen Kommentar deutlich hinausreicht: Mit seiner Abhandlung über Wesen, Epidemiologie und Heilungsmöglichkeiten der venerischen Krankheiten betritt er tabuisiertes Neuland und gerät erstmalig mit den etablierten Fachkollegen in Streit. Nicht Gottes Strafe für moralische Vergehen „Ungläubiger“ in Afrika, Amerika oder in längst vergangenen Zeiten sieht La Mettrie in den Geschlechtskrankheiten; ihm zufolge ist die Syphilis erstmals im 15. Jahrhundert aufgetreten, die Franzosen hätten sich bei der Belagerung Neapels 1493 mit ihr angesteckt. Jean Astruc, renommierter Vertreter der Pariser Medizinischen Fakultät, hält La Mettrie in seiner lateinisch verfassten Schrift „De morbis venereis“ ein autoritäres „falsum“ entgegen. Dabei interessiert La Mettrie nicht so sehr die Frage, wann und wo Geschlechtskrankheiten sich zum ersten Mal gezeigt haben, sondern wie man ihre schnelle Verbreitung verhindern kann. Astruc argumentiert dagegen auch vor dem Hintergrund der heftigen Kontroverse zwischen Medizin und Chirurgie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zunehmend selbstbewusste Chirurgen nehmen die Überlegenheit der Medizin nicht länger fraglos hin. Venerische Krankheiten sind als externe Erkrankungen indes eine lukrative Einnahmequelle der Chirurgen. Indem Astruc die Syphilis in den Schriften der Mediziner seit Hippokrates nachzuweisen sucht, reiht er sie in die von Medizinern zu behandelnden Krankheiten ein. Wer für die Behandlung der „Lustseuche“ zuständig sein soll, ist für den Mediziner La Mettrie dagegen zweitrangig. Im Dienst der Volksgesundheit ist er bereit, den „hippokratischen Kuchen“ zu teilen. Indem er indirekt für die Chirurgen Stellung bezieht, will er in der Medizin einen stärker empirisch ausgerichteten Zugang zum Menschen fördern.

Mehr als zehn Jahre verbringt La Mettrie nicht nur damit, Kranke zu behandeln; mithilfe von Aufklärung und Reformen einer überholten Medizin will er dazu beitragen, die Welt zu verbessern. Seine Schrift „Über die Kunst, die Gesundheit zu erhalten und das Leben zu verlängern“ (1738) zeugt vor dem Hintergrund der großen Infektionskrankheiten von der Einsicht in die Bedeutung von Prophylaxe und Sexualhygiene. Er erlebt die Cholera- und Ruhrepidemien, die zwischen 1738 und 1741 in der Bretagne 30 000 Menschen das Leben kosten, und eine mit dieser Situation vollkommen überforderte Schulmedizin. Seiner zunehmenden Distanz gegenüber medizinischen Lehrmeinungen korrespondiert bald eine Distanz gegenüber Dogmen aller Art. Hat La Mettrie sich bis dahin mit dem Körper und seinen Dysfunktionen beschäftigt, interessieren ihn nun Geist und Seele. Er verlässt Frau und Kind und geht nach Paris, wo er Denis Diderot und Voltaire trifft. In der Form wechselt er von der wissenschaftlichen Abhandlung zum Essay. Bereits der erste Abschnitt seiner „Naturgeschichte der Seele“ (1745) macht deutlich, dass er sich mit seinem Denken nicht in die Ideengeschichte einordnen wird: „Weder Aristoteles noch Platon noch Malebranche werden Ihnen sagen können, was Ihre Seele denn ist.“ Man könnte hinzufügen: auch René Descartes, Isaac Newton und John Locke nicht.

Gegen Descartes’ Dualismus hält La Mettrie einen Monismus: Materie existiert nur in Bewegung und in bestimmten Formen. Das Prinzip der Bewegung und Empfindung trage sie in sich selbst. Die Annahme eines Gottes als die Welt bewegendes Prinzip ist damit verzichtbar. Auch die Vorstellung von einer besonderen denkenden Substanz (res cogitans, Geist, Seele), wie Descartes sie gefordert hatte, erübrigt sich. Wie andere Funktionen ist das Denken eine natürliche Funktion der Materie. Dabei geht es La Mettrie vor allem um eine Kritik an bestehenden Systemen und nicht darum, ein neues System zu errichten. Vielfalt, Überschuss und das sich selbst ordnende Chaos der Natur lassen sich mit systematischer Vernunft nicht zureichend beschreiben. Damit ist sein Materiemonismus nicht reduktiv, sondern ein Plädoyer für Komplexität. La Mettries Skepsis zielt gegen jeden umfassenden Wahrheitsanspruch. Seine Metaphysikkritik richtet sich gegen die Theologie ebenso wie gegen den Glauben an eine aufklärerische Vernunft, sofern er sektiererische Züge annimmt. Damit erteilt La Mettrie jedem Fanatismus, auch dem säkularen der Aufklärung, eine klare Absage. Erfahrung und Beobachtung führen ihm zufolge nicht zu Wahrheiten, wie sie sämtliche philosophischen Systeme versprechen, sondern zu Wahrscheinlichkeiten. Jedes Wissen, das wir erlangen können, ist vorläufig.

Wie es keine fertigen Wahrheiten gibt, gibt es auch keine abgeschlossenen Texte. So dürfen noch die falschesten Hypothesen „als glückliche Irrtümer gelten“. Dabei schließt La Mettrie sich selbst ausdrücklich ein. Seine im kollektiven Gedächtnis als Hauptwerk bewahrte Schrift „L’homme machine“ (1747) liest sich vor diesem Hintergrund nicht als Abwertung des Menschen, sondern als „heuristische Erkenntnisklammer“ (2): Wenn wir uns die Tiere versuchsweise als Maschinensysteme vorstellen, können wir ein solches Gedankenexperiment auch mit uns selbst – Homme machine – anstellen. Bilder treten an die Stelle unzureichender Erklärungen, etwa das Bild vom Menschen als „erleuchteter Maschine“: „Voilà une Machine bien éclarée.“

La Mettrie ist seiner Zeit voraus. Gut 100 Jahre vor Charles Darwin formuliert er in den „Réflexions philosophiques sur l’origine des animaux“ und im „Système d’Epicure“ (1750) Gedanken einer Evolution und betont die Nähe von Mensch und Tier. Wie Darwin ersetzt La Mettrie den Schöpfergott nicht durch die Natur, indem er sie zum Subjekt erklärt. Die Natur arbeite vielmehr blind und unwissend und verfolge keine Absicht. Im Unterschied zur Schöpfungsgeschichte hätten die Welt, Pflanzen, Tiere und Menschen nicht immer in der Weise existiert, wie sie sich heute zeigten.

In der Kontroverse mit dem Physiologen Albrecht von Haller (17081777) prallen prototypisch zwei diametral verschiedene Wissenschaftsverständnisse aufeinander: Der Naturvermesser Haller sucht durch Vivisektionen Erkenntnis zu gewinnen; dem gegenüber steht La Mettrie für eine ganzheitliche Sicht, die ihre Erkenntniswünsche im Zweifel begrenzt und darauf verzichtet, die Natur auf die Folter zu spannen (Francis Bacon), damit sie ihre Geheimnisse preisgebe.

1746 lässt die Zensur des Ancien Régime zwei Schriften von La Mettrie in Paris verbrennen. Dieser flieht ohne seine Familie nach Holland. Nach dem Erscheinen des „L’ homme machine“ ist er auch dort nicht mehr sicher, und Friedrich II. holt ihn nach Berlin. Auf dem Höhepunkt des Streits mit Haller stirbt Julien Offray de La Mettrie 1752 an einer verdorbenen Pastete. Dass einer seiner zahlreichen Neider und Gegner ihn vergiftet hat, wie gerüchteweise vermutet wurde, konnte nie belegt oder widerlegt werden. Französischen Boden hat La Mettrie nie mehr betreten.
Christof Goddemeier
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1.
Christensen B: Ironie und Skepsis. Das offene Wissenschafts- und Weltverständnis bei Julien Offray de La Mettrie. Würzburg 1996.
2.
Jauch UP: Jenseits der Maschine. Philosophie, Ironie und Ästhetik bei Julien Offray de La Mettrie. München 1998.
3.
Reschika R: Julien Offray de La Mettrie.
1. Christensen B: Ironie und Skepsis. Das offene Wissenschafts- und Weltverständnis bei Julien Offray de La Mettrie. Würzburg 1996.
2. Jauch UP: Jenseits der Maschine. Philosophie, Ironie und Ästhetik bei Julien Offray de La Mettrie. München 1998.
3. Reschika R: Julien Offray de La Mettrie.

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