ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Klinikalltag: Fragen über Fragen
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Der tägliche Irrsinn in einem normalen deutschen Krankenhaus heißt Öko­nomi­sierung von Krankheit, zugelassen von leitenden Ärzten, die noch in goldenen Zeiten der sogenannten Ärzteschwemme „geherrscht“ haben. Die Scherben dieser Herrschaft fallen den „Thronfolgern“ jetzt auf die Füße. Wer hat zugelassen, dass die Versorgung von Schwerkranken und Schwerpflegebedürftigen in Minutentakten erfasst wird? Wer unterstützt die Berechnung wunderlicher Zielwerte – neudeutsch Benchmarking –, damit die Zuwendung für einen Sterbenden in Zeittakte gepresst wird, die der Herstellung eines deutschen Mittelklassewagens ähneln? Wer hat sich die ärztliche Kernkompetenz „Was und wie viel brauche ich, damit ich diesen Patienten angemessen versorgen kann?“ aus der Hand nehmen lassen und diese Kompetenz an Firmen delegiert, die „Prozessoptimierung“ betreiben und sich ansonsten damit befassen, wie bei McDonalds die Burger schneller vom Band kommen? . . .

Wer hat hordenweise Billigärzte („Ärzte im Praktikum“) eingestellt, statt bestehende Ausbildungsverträge zu verlängern und so die Facharztweiterbildung zu gewährleisten? Wer hat jahrzehntelang dieses Missverhältnis als Druckmittel für unbezahlte Überstunden, Knebelverträge (1/2-Stelle bezahlt, 1,5 Stellen gearbeitet), Urlaubssperren bis hin zum Urlaubsverzicht (unbezahlt selbstverständlich!) benutzt? Wer hat höhnisch gelächelt, als die ersten warnenden Stimmen laut wurden und von „Facharztmangel“ in zehn Jahren sprachen? . . .

Und nun ist sie da, die Palastrevolte, getragen von qualifizierten, erfahrenen Fachärzten aus allen Stufen der deutschen Krankenhaushierarchie, die weiterhin Patienten in Deutschland versorgen wollen, denn es ist ihre Heimat, hier haben sie ihren Beruf erlernt, und hier wollen sie auch weiterhin ihre Kompetenz einbringen. Sie haben sich eben nicht „vom ärztlichen Ideal verabschiedet“, sondern von der „Entwertung der Ressource Arzt“. Es sind die sozial kompetenten, flexiblen, kommunikativen Kolleginnen und Kollegen, nach denen sich heute jeder „Abteilungsleiter“ die Finger lecken würde . . .

Die wenigsten „Honorarärzte“ nennen „Geld“ als Hauptmotivation, die Gründe sind Erschöpfung, Frustration (Wozu bilde ich mich fort? Hier will eh keiner was Neues!) und Überfrachtung durch Tätigkeiten, die der ärztlichen nicht ferner sein könnten . . . Honorarärzte sind wenig geschätzt? Nun, wir haben selten so viel Anerkennung für unsere Arbeit bekommen, wir haben selten so viel „Spuren“ hinterlassen, weil unsere Vorschläge und Ideen nicht als „Bedrohung bestehender Strukturen“, sondern vielmehr als „fruchtbare Anregung von außen“ aufgefasst werden. Wir erfahren eine unglaubliche Bereicherung unserer ärztlichen Kompetenz, weil es überall Neues zu erfahren, erleben und erlernen gibt. Dieses „Wir“ steht für mittlerweile 130 Mitglieder des Bundesverbandes der Honorarärzte, die sich lebhaft in unserem Forum mitteilen und austauschen. Wir alle wären nicht gegangen, hätte man uns erträgliche Arbeitsbedingungen geboten, hätte man uns nicht schikaniert, getreten und ausgebeutet. Und nun ist es gar nicht mehr so schön Chefarzt zu sein? Na, ich kann wenigstens meinen Namen unter diesen Beitrag setzen lassen.
Constanze Rumpel-Sodoma, 14552 Michendorf
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