ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Die Waldheim-Story: Psychiatriemissbrauch selbst erlebt
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1970 war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Leipziger Psychiatrischen Universitätsklinik. Das MfS hielt mich ab 1970 für 23 Monate in Untersuchungshaft, unter anderem, da ich 1968 am Plakatprotest in der Leipziger Kongresshalle gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche beteiligt war. Da ich nicht geständig-kooperativ zu machen war, wollte die Stasi meine Psychiatrisierung. Den Gutachtensantrag stellte MfS-Major Etzold, Leiter der Untersuchungsabteilung Leipzig. Das Gutachten dazu fertigte Leutnant Dr. P. im Psychiatrischen Haftkrankenhaus Waldheim an. Daraufhin wurde ich als „erheblich vermindert Zurechnungsfähiger“ zu zweieinhalb Jahren Haft und anschließender Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt, „um dem Wiederholen derartigen Verhaltens vorzubeugen und damit die Gesellschaft vor staatsfeindlichen Angriffen zu schützen“ (Urteil 1a-Strafsenat Leipzig, 13. 3. 1972). Nach etwa einem halben Jahr im Psychiatrischen HKH kaufte mich die Bundesregierung frei. Ich promovierte bei Carl Friedrich von Weizsäcker und war an der Universität Essen im Fach Philosophie tätig. Mein Erfahrungsbericht steht in Dietrich Koch: Das Verhör. Zerstörung und Widerstand. Drei Bände. Dresden 2000 und 2001. Zu meinem Buch hat Prof. Dr. Bach, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Dresden, eine Rezension im Ärzteblatt Sachsen 1/2001 geschrieben.

Durch Rehabilitierungsbeschluss des 1. Senats für Rehabilitierung des Bezirksgerichts Leipzig vom 21. 10. 1992 wurde das DDR-Urteil vom 13. 3. 1972 vollständig aufgehoben, einschließlich der psychiatrischen Teile. Prof. Dr. Klaus Weise, Leipzig, sagte mir nach 1990, dass die DDR-Gerichte keine Neigung zur Überprüfung solcher Einweisungsbeschlüsse hatten, sodass dieses Gutachten über mich praktisch lebenslänglich bedeutete, und empfahl mir, mich an die sächsische Psychiatriemissbrauchs-kommission zu wenden. Diese urteilte 1995, dass das Waldheimer Gutachten „Psychiatriemissbrauch“ war (Das Verhör, S. 648). Das Kommissionsgutachten sagt, „dass das Gutachten des Dr. P. in seinen Grundlagen wie im Ergebnis fehlerhaft war“, und kommt zum Ergebnis: „Die Unterbringung des Antragstellers im Haftkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Waldheim war nicht gerechtfertigt.“ . . .

Gutachter für die Kommission war Prof. Dr. Klaus Foerster, Tübingen. Er sagte mir unter anderem: „Das Gutachten Dr. P.s ist fachlich eine Katastrophe.“ Das Gutachten von 1972 wurde auch vom Chefarzt des HKH Waldheim Oberstleutnant Dr. O. und seiner Stellvertreterin Frau Oberleutnant Dr. P. unterschrieben, eine für das HKH ungewöhnliche Verhaltensweise. Für ein „methodisch ungenügendes, inhaltlich falsches“ (Kommissionsgutachten von 1995) Gutachten, das von drei Ärzten unterschrieben wird, muss es meines Erachtens einen externen Grund geben.

Nach Dr. S. Süß bestand politischer Psychiatriemissbrauch in der Sowjetunion gerade darin, „dass -politisch missliebige Personen von KGB-Psychiatern als angeblich psychisch krank falsch diagnostiziert, zwangsmediziert und ohne Zeitbegrenzung inhaftiert wurden“. Diese vier Kriterien sind in meinem Fall erfüllt. Nur statt KGB-Psychiatern fand meine Psychiatrisierung durch Gutachten eines DDR-Oberstleutnants, einer Frau Oberleutnant und eines Leutnants statt, auf Antrag eines MfS-Majors, durch Urteil eines Strafsenats.

Dr. phil. Dietrich Koch, Kurfürstenstraße 43, 45479 Mülheim
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