ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2009Erzählung: Den Sinn wiederentdecken

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Erzählung: Den Sinn wiederentdecken

Jonitz, Günther

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Michall Bulgakow: Arztgeschichten. Erzählungen. Sammlung Luchtenhand, München 2009, 144 Seiten, Klappenbroschur, 8 Euro
Michall Bulgakow: Arztgeschichten. Erzählungen. Sammlung Luchtenhand, München 2009, 144 Seiten, Klappenbroschur, 8 Euro
Wunderbar. Endlich wieder auf Deutsch. In Amerika eines der „books of a lifetime“, hier seit mehreren Jahren nur noch antiquarisch erhältlich. Was ist das Besondere an dem Buch „Arztgeschichten“ von Michail Bulgakow?

Bulgakow, vielen bekannt als Autor des Buches „Meister und Margarita“, war selbst Arzt. Er begann seine medizinische Laufbahn zu Beginn des 20. Jahrhunderts irgendwo in der russischen Provinz. Völlig auf sich allein gestellt und immer mit dem großen Vorbild seines Vorgängers konfrontiert, übernahm er die gesamte ärztliche Versorgung seines Distrikts, vom Polytrauma in der Flachsbrechmaschine bis zu Suchtproblemen. In außerordentlich schönen, aber auch an Deutlichkeit nichts auslassenden Worten beschreibt er die Stimmungslage des frisch von der Uni kommenden Arztes: „Ich bin gänzlich unschuldig, dachte ich immer wieder qualvoll, ich habe ein Diplom, habe fünfzehn Einsen. Ich habe schon in der Hauptstadt zu verstehen gegeben, dass ich als zweiter Arzt gehen möchte. Aber nein. Man hat gelächelt und gesagt: ,Leben Sie sich ein’. Nun lebe dich mal ein! Und wenn ein Bruch gebracht wird? Wie soll ich mich mit dem einleben? Und vor allem, wie wird sich der Patient mit dem Bruch unter meinen Händen fühlen? Im Jenseits wird er sich einleben. (Es lief mir kalt den Rücken hinunter).“

Auf 141 Seiten wird plastisch und eindrucksvoll die Sozialisation des Arztes, protoypisch für jeden Arzt, beschrieben. Vom angstvollen Anfänger über den trickreichen Routinier, der mit „bereiten Sie schon alles vor. Ich gehe mir noch die Hände waschen“ schnell vor der Durchführung einer komplizierten Entbindung einen Blick in die Lehrbücher wirft, bis zum erfahrenen Arzt, dessen Handwerk Routine geworden ist und der umso mehr den seelischen und sozialen Hintergrund der Leiden seiner Patienten in sein Handeln aufnimmt. In Großbritannien war dieses Buch wegweisend für die „narrative-based medicine“, die sich mit dem richtigen Verstehen der Patienten und damit dem besseren Verständnis zwischen Arzt und Patient widmet. In Deutschland war es das Vorbild zur Serie „Arztgeschichten“ im Deutschen Ärzteblatt, mit zahlreichen Beiträgen aus der Leserschaft. Sowohl als Patient als auch als Arzt wird Patientenversorgung zuallererst erlebt und nicht berechnet oder administriert. Die „Arztgeschichten“ öffnen die Tür zum Erleben aufseiten des Arztes.

Wer also wissen möchte, wer nacherleben möchte, was in einem Arzt vorgeht, wenn er beginnt, Verantwortung zu übernehmen; wer ein Buch lesen möchte, das die Kernaufgaben des Arztseins widerspiegelt; wer nachlesen möchte, worum es in der Medizin eigentlich geht und damit den Sinn seiner Berufswahl wiederentdeckt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Günther Jonitz

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