ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Arztgeschichte: Mein schönstes Weihnachtsfest

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Mein schönstes Weihnachtsfest

Dtsch Arztebl 2009; 106(51-52): [116]

Reutter, Wolf Peter

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Wir waren eine arme Familie, große Geschenke oder Leckereien gab es nicht.“

Ein alter Herr lag auf meiner Station. Es war klar, dass er aufgrund seiner schweren Erkrankung über Weihnachten in der Klinik bleiben musste. Bei der Visite versuchte ich, ihn aufzumuntern. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte mir die folgende Geschichte aus seiner Kindheit, die ich gern weitergeben möchte:

Es war ein bitterkalter Nachkriegswinter im Sauerland. An Heiligabend saßen wir vier Kinder zusammen mit unserer Mutter in der Küche, dem einzigen warmen Raum im Haus. Wir sangen Weihnachtslieder, aber die Stimmung war gedrückt. Vater lag mit schwerer Lungenentzündung und Rippenfellvereiterung im Krankenhaus; es war nicht sicher, ob er durchkommen würde. Wir waren eine arme Familie, große Geschenke oder Leckereien gab es nicht. Unser Hof lag abseits, es hatte seit Tagen geschneit. Besuch würde also auch nicht kommen.

Als wir Kinder uns gerade zur Nacht fertig machten, hörten wir draußen ein Motorengeräusch. Kurz darauf klopfte es an der Tür, eine Männerstimme war zu hören. Wenig später entfernte sich das Brummen wieder. Mutter kam nach oben und brachte uns zu Bett. Wir konnten sehen, dass sie geweint hatte.

Mitten in der Nacht weckte sie uns, mit einer Kerze in der Hand. Wir waren sehr überrascht, zogen uns aber schnell an. Dann führte Mutter uns hinaus in die verschneite Nacht. Auf einer Waldlichtung hinter dem Haus stand eine einsame große Tanne. Um sie herum lagen kleine Päckchen im Schnee, in Zeitungspapier gewickelt. Der Mond kam hinter einer Wolke hervor, und die schneebedeckte Tanne glitzerte und funkelte im Mondlicht. Was war das für ein wunderschöner Anblick! Ganz ergriffen waren wir, fassten uns an den Händen und sangen „Stille Nacht“. Dann durfte jeder ein Päckchen auswickeln. Da gab es die herrlichsten Leckereien: Büchsenfleisch, Rosinen, Honig, vier Tafeln Schokolade und gezuckerte Aprikosen. Wir trugen die Geschenke nach Hause und setzten uns an den Küchentisch. Jedes Kind bekam eine ganze Tafel Schokolade! Und dann die Aprikosen . . . Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Aprikosen aß, der Geschmack ist mir unvergessen geblieben. Dann erzählte Mutter, dass am Abend unser Landarzt aus dem Nachbardorf dagewesen war. Mit seinem verbeulten Krad war er zwei Stunden durch den Schnee gefahren, um uns gute Nachrichten zu bringen. Vater ging es besser, und er würde wieder ganz gesund werden! Und als ob dies nicht genug gewesen war, hatte uns der Doktor obendrein noch ein Carepaket mitgebracht. Da er einer der wenigen mit Fahrzeug war, hatte man ihn mit der Verteilung der Pakete beauftragt. So wurde es doch noch ein sehr frohes Weihnachtsfest.
Wolf Peter Reutter
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