ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Arzneimittelfälschungen: Durchsichtige Taktik

POLITIK: Kommentar

Arzneimittelfälschungen: Durchsichtige Taktik

Spielberg, Petra

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Petra Spielberg, Journalistin
Petra Spielberg, Journalistin
Es gibt Themen, die eignen sich ideal, um für Aufregung zu sorgen. EU-Industriekommissar Günter Verheugen wäre kein Politprofi, wenn er dies nicht wüsste. Genau auf diese Karte hatte der SPD-Politiker offenbar gesetzt, als er kürzlich mit seinen Äußerungen zum angeblich „besorgniserregenden“ Anstieg von Arzneimittelfälschungen für Schlagzeilen sorgte.

Innerhalb von nur zwei Monaten hätten die europäischen Zollbehörden 34 Millionen gefälschte Präparate sichergestellt, so Verheugen. Dies habe „alle Befürchtungen übertroffen“. Der voraussichtlich im Februar 2010 aus seinem Amt scheidende EU-Kommissar bezeichnete das Herstellen der Plagiate als „Kapitalverbrechen“ und „versuchten Massenmord“. Die EU müsse angesichts dieser Entwicklung dringend handeln.

Die Medien griffen das Thema begierig auf, und Verheugen konnte sich – zumindest kurzfristig – seiner öffentlichen Bedeutung sicher sein. Was allerdings wie eine gute Tat für Europas Patienten aussah, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Marketing in eigener Sache. Das Bedrohungsszenario fußte nämlich mitnichten auf aktuellen Zahlen. Die EU-Kommission hatte vielmehr bereits im Dezember 2008 mitgeteilt, dass die europäischen Zollbehörden im Rahmen einer zwei Monate dauernden koordinierten Aktion 34 Millionen illegale Medikamente sichergestellt hätten. Verheugen hat folglich mit nachweislich alten Daten Alarm geschlagen.

Was also sollte der ganze Popanz? Panikmache scheint jedenfalls mit Blick auf Europa fehl am Platze. Zwar lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Arzneimittelfälschungen ein Verbrechen darstellen, das hart bestraft werden muss. Hierfür angesichts offener Grenzen einheitliche europäische Vorschriften zu finden, macht Sinn. Dennoch sind Arzneimittelfälschungen nach wie vor vor allem für Entwicklungsländer wegen fehlender oder unzureichender Kontrollen ein Problem. Wer sich in Europa an die legalen Vertriebswege (zertifizierter Versandhandel oder Apotheken) hält, hat bislang in der Regel nichts zu befürchten.

Wichtig wäre es daher, in erster Linie das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen, die beim Bezug von Arzneimitteln aus dubiosen Quellen drohen. Hier sind auch die Ärzte gefragt, für Aufklärung zu sorgen. Verheugen jedoch ist es offensichtlich vor allem darum gegangen, vor seinem Abgang aus Brüssel frischen Schwung in die Diskussion um die Reform des europäischen Arzneimittelrechts zu bringen, um zu retten, was zu retten ist. Denn das sogenannte Pharmapaket, das mehrere Vorschläge zur Regelung der Arzneimittelsicherheit in der EU beinhaltet, steckt seit geraumer Zeit im Gesetzgebungsprozess fest.

Viele Europaabgeordnete haben bereits signalisiert, dass sie Verheugens Vorschläge insbesondere zur Lockerung des Informationsverbots über verschreibungspflichtige Medikamente und zur Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen nicht unverändert passieren lassen. Hinzu kommt, dass das Arzneimittelrecht in der neuen EU-Kommission vom Industrie- zum Gesundheitskommissar wandert. Sollte der designierte Gesundheitskommissar John Dalli die Pläne Verheugens ebenso kritisch beurteilen wie seine Vorgängerin Androulla Vassiliou könnte es sein, dass das Paket komplett neu geschnürt wird. Verheugen wäre dann zwar nicht mehr im Amt. Ein gutes Licht würde dies aber auch rückblickend nicht auf ihn werfen.
Petra Spielberg, Journalistin
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