ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Interview mit Prof. Dr. Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundes­ärzte­kammer: „Wir müssen mit tief greifenden Veränderungen rechnen“

POLITIK: Kommentar

Interview mit Prof. Dr. Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundes­ärzte­kammer: „Wir müssen mit tief greifenden Veränderungen rechnen“

Dtsch Arztebl 2009; 106(51-52): A-2537 / B-2189 / C-2121

Osterloh, Falk; Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Prof. Dr. Hans Lilie erklärt, warum eine EU-Richtlinie die deutsche Transplantationsmedizin verändern wird und wie man Kliniken dazu bringt, sich für die Organspende zu engagieren.

Herr Professor Lilie, seit mehr als zehn Jahren gilt inzwischen das Transplantationsgesetz. Hat es sich nach Ihrer Ansicht bewährt?
Lilie: Es gibt einige Grundstrukturen, die nicht noch einmal diskutiert werden müssen. So muss die Organspende als unentgeltliches, altruistisches Geben von Organen organisiert bleiben. Wir haben den Organhandel in Deutschland erfolgreich ausgesperrt. Sehr wichtig ist, dass wir die Organspende und die Organzuteilung an unterschiedliche Institutionen gegeben haben. Auf diese Weise wird die Organspende niemals personenbezogen organisiert, sondern bleibt immer anonym und objektiv. Der größte Vorteil der deutschen Transplantationsmedizin gegenüber staatlich geregelten Systemen ist jedoch, dass sich das ganze Verfahren am Patienten orientiert und von der ärztlichen Selbstverwaltung getragen wird. Eine Verstaatlichung der Transplantationsmedizin, die ja teilweise gefordert wird, würde zu einer Behäbigkeit des Systems führen, und das wäre gerade für Patienten von größtem Nachteil.

Seit April 1992 ist Hans Lilie Gründungsprofessor für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsvergleichung und Medizinrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit 2001 ist er Mitglied der Gr0ßen Strafrechtskommission des Deutschen Richterbundes.
Seit April 1992 ist Hans Lilie Gründungsprofessor für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsvergleichung und Medizinrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit 2001 ist er Mitglied der Gr0ßen Strafrechtskommission des Deutschen Richterbundes.
Sehen Sie beim Transplantationsgesetz Novellierungsbedarf?

Lilie: Ja, da gibt es eine ganze Reihe von Aspekten. Dazu muss man aber sagen, dass wir sicherlich sehr stark von der EU vorbestimmt werden, wenn die neue Richtlinie zur Transplantationsmedizin im Jahr 2010 kommt. Wenn ich aber etwas gestalten könnte, dann wäre das in erster Linie der Bereich der Zuverlässigkeit des Systems. Das heißt, die bestehenden Widersprüche müssten aufgelöst werden.

Welche Widersprüche sind das?
Lilie: Die sehe ich bei den Kriterien Dringlichkeit und Erfolgsaussicht: Je höher die Dringlichkeit ist, desto kränker ist der Mensch, der das Organ bekommen soll, aber desto schlechter sind auch seine Erfolgsaussichten. Hier besteht ein Widerspruch, der schwer zu überbrücken ist. An dem Punkt sehe ich einen Änderungsbedarf.

Wie könnte man diesen Widerspruch auflösen?
Lilie: Man muss schauen, wie man die Kriterien besser gegeneinander abwägen kann. Möglicherweise findet man konkretere Regelungen. Wir wissen momentan zu wenig über die Erfolgsaussichten, weil viele transplantierte Patienten nicht aus einer Hand, zum Beispiel einem Transplantationszentrum, nachbehandelt werden. Wenn wir die Erfolgsaussicht wirklich als Kriterium haben wollen, brauchen wir jedoch die Verläufe. Eins der großen Probleme also ist die Beschaffung von zuverlässigen Daten über den Verlauf der Gesundung des Patienten nach der Transplantation. Wenn man die hat, könnte man das Kriterium der Erfolgsaussicht besser konkretisieren.

Wer könnte diese Daten beschaffen?
Lilie: Das ist die große Frage. Sie könnten zentral bei Eurotransplant gesammelt werden oder bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation oder bei den Transplantationszentren. Das ist eine Frage, die man diskutieren muss. Daran arbeiten wir auch gegenwärtig vor dem Hintergrund der bestehenden Gesetzeslage. Änderungsbedarf würde ich übrigens auch bei der Ständigen Kommission Organtransplantation sehen, die die Richtlinien entwickelt. Ihre Arbeit sollte etwas stärker formalisiert werden. Der Gesetzgeber hat wenig zur Richtlinienerstellung geregelt, und es wäre mir ein Anliegen, wenn die Ständige Kommission Organtransplantation die Transparenz der Tätigkeit stärken könnte. Sie sollte zum Beispiel – ähnlich wie der Gesetzgeber bei Gesetzesvorlagen – Richtlinienentwürfe publizieren, damit die interessierte Öffentlichkeit zeitnahe Informationsmöglichkeiten hat.

Sehen Sie noch weiteren internen Änderungsbedarf?Lilie: Sicherlich kann man bei der Arbeit der Prüfungs- und Überwachungskommission vieles konkretisieren. Wir haben zwar zwei Kommissionen, die die Deutsche Stiftung Organtransplantation und Eurotransplant kontrollieren. Wir bräuchten hier aber eigentlich ähnlich der Strafprozessordnung klar geregelte konkretere Eingriffsrechte, auch gegenüber den sonstigen Beteiligten. Bei möglichen Verstößen müssten wir auch auf der berufsrechtlichen Seite die Möglichkeit haben, konsequent zu ermitteln und die Sachverhalte zu klären.

Gibt es einen speziellen Anlass für diese Forderung?
Lilie: Es gab immer wieder Verdachtsfälle. Die Überwachungs- und Prüfungskommission muss aber nicht nur im Einzelfall, sondern auch aus präventiven Gründen ermitteln können. So sieht die Ärzteschaft, dass Verstöße gegen das Recht der Transplantationsmedizin nachhaltig untersucht werden und Fehlverhalten auch sanktioniert wird.

Und wie sollte man sanktionieren?
Lilie: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man könnte nachdenken, ob der Katalog der strafbewehrten Verfehlungen an einigen Punkten erweitert wird. Wenn etwa absichtliche Verstöße gegen Allokationsrichtlinien vorliegen, könnte man erwägen, Bußgelder oder Strafen zu verhängen. Aber da ich selbst von Hause aus Strafrechtler bin, glaube ich nicht so sehr, dass Strafen viel bewirken, sondern dass die präventiven Maßnahmen und ein engmaschiges Kontrollsystem das Entscheidende sind.

Eine Möglichkeit wäre also eine Kommission, die für mehr Transparenz sorgt . . .
Lilie: Insbesondere eine, die mehr Eingriffsmöglichkeiten hat und vor der zu erscheinen die Ärzte und Ärztinnen verpflichtet wären. Natürlich hätten sie dann die Möglichkeit zu schweigen, das ist zwingend.

Ein großes Problem ist immer noch der Mangel an Organen. In Deutschland gilt bei der Organspende die erweiterte Zustimmungslösung. Wie stehen Sie zu einer Widerspruchslösung?
Lilie: Der Deutsche Ärztetag hat in Münster 2007 die Frage ausführlich diskutiert und hat sich sehr zurückhaltend geäußert. Ich glaube, dass es letztlich dahinstehen kann, ob wir eine Widerspruchslösung oder eine erweiterte Zustimmungslösung als Regelungsmodell unserer Arbeit zugrunde legen. Viel entscheidender ist eine gute Koordination der Organspende in den entsprechenden Kliniken.

Gibt es in deutschen Kliniken bereits die Inhouse-Koordination?
Lilie: Zurzeit ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation dabei, diese versuchsweise aufzubauen. Man erhofft sich dadurch eine deutliche Steigerung bei der Organspende.

Spanien hat eine sehr hohe Organspenderate. Das Geheimnis ist aber wohl nicht die Widerspruchslösung . . .?
Lilie: Nein, das entscheidende Merkmal Spaniens ist – anders als bei uns – ein staatlich organisiertes Gesundheitssystem, das eine gut bezahlte Inhouse-Koordination eingerichtet hat. Sie ist dort eine respektierte Tätigkeit und nicht irgendein Nebenamt, für das man im Klinikalltag gar keine Zeit hat.

Noch ein anderer Punkt: Die Lebendspende wird ja in Deutschland restriktiv gehandhabt. Sehen Sie da Änderungsbedarf?
Lilie: Der Gesetzgeber hat bei der Lebendspende das Subsidiaritätsmodell für vorzugswürdig gehalten. Das heißt, eine Lebendspende ist nur dann zulässig, wenn zum Zeitpunkt der Transplantation kein Organ von einem verstorbenen Organspender zur Verfügung steht. Der Hintergrund ist, dass Organspende bei Lebenden immer das Risiko einer Gesundheitsschädigung nach sich zieht und deshalb zurückhaltender praktiziert werden soll. Die Zahlen zeigen jedoch heute, dass Schädigungen von Organspendern die Ausnahme geblieben sind. Die Transplantationsergebnisse nach einer Nierenlebendspende sind auf jeden Fall besser, weil man eine extrem kurze Ischämiezeit hat und den Empfänger zum verhältnismäßig besten Zeitpunkt transplantieren kann. Ein Problem ist jedoch, dass die gesetzlichen Regelungen zum Spenderschutz sehr unterentwickelt sind. Der Spender hat momentan die Beweislast im Fall von Folgeerkrankungen. Und dieser Beweis ist faktisch nicht zu führen. Hier brauchen wir eine umfassende Absicherung des Lebendspenders.

Konsequent ermitteln: Strafrechtler Lilie fordert konkretere Eingriffsrechte für die Prüfungs- und Überwachungs- kommission. Fotos: Anja Jungnickel
Konsequent ermitteln: Strafrechtler Lilie fordert konkretere Eingriffsrechte für die Prüfungs- und Überwachungs- kommission. Fotos: Anja Jungnickel
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Was halten Sie von einer Spenderpoollösung, wie sie die FDP in den letzten Jahren häufiger vorgeschlagen hat?
Lilie: Von ärztlicher Seite höre ich, dass von solch einer Poollösung bei der Lebendspende nicht viel zu erwarten ist. Es ist natürlich abzuwarten, wie sich das Ge­sund­heits­mi­nis­terium zu diesen Fragen positionieren wird. Aber ich glaube, dieses Spenderpoolsystem ist ein theoretisches Modell, das in der Praxis kaum zu einer Steigerung der Organspende führen wird. Einen wesentlich positiveren Aspekt könnte die Erhöhung der Kostenerstattung zu postmortalen Spenden für die Krankenhäuser haben, über die gegenwärtig verhandelt wird.

Es gibt immer wieder Kritik, dass Krankenhäuser mit Intensivstationen ihrer Pflicht nicht nachkommen, den Hirntod eines potenziellen Spenders an die Koordinierungsstelle zu melden. Wie kann die Mitarbeit von Krankenhäusern verbessert werden?
Lilie: Zum einen muss man dringend die finanzielle Entschädigung für die Krankenhäuser erhöhen. Denn man darf nicht übersehen, dass kurzfristige Organtransplantationen den täglichen Arbeitsablauf in einer Klinik nicht unerheblich beeinträchtigen und deutliche Kostenfaktoren sind. Zum Beispiel müssen häufig Operationspläne umgestellt werden, wenn in der Nacht ein Organ gespendet oder transplantiert wurde. Wichtig ist auch die bereits erwähnte Inhouse-Koordination.

Halten Sie Sanktionen bei ausbleibender Mitarbeit für sinnvoll?
Lilie: Zurzeit wird darüber diskutiert, den betreffenden Krankenhäusern die Weiterbildungsbefugnis zu entziehen. Ich glaube nicht, dass Sanktionen die Kliniken dazu bringen, sich des Themas Organspende intensiver anzunehmen und sich dort zu engagieren. Ich glaube, mit positiven Anreizen kann man viel mehr für die wartenden Patienten erreichen.

Sie haben viele Vorschläge gemacht, wie man das Transplantationsgesetz erweitern könnte. Wie wahrscheinlich ist eine Änderung des Gesetzes in nächster Zeit?
Lilie: Noch vor zwei Jahren hätte ich gesagt, der Gesetzgeber wird das so schnell nicht anfassen. Nun aber werden wir unter der spanischen EU-Ratspräsidentschaft eine Richtlinie zur Sicherheit der Transplantationsmedizin noch im ersten Halbjahr 2010 bekommen. Bislang sehen alle Entwürfe dieser Richtlinie vor, dass staatliche Einrichtungen die Organisation der Organspende und -transplantation durchführen sollen. Es steht zu befürchten, dass der bisherige Vorrang der Selbstverwaltungsgremien der Ärzteschaft mit ihrer hohen Sachkunde und ausgeprägten Flexibilität Einschränkungen hinnehmen muss. Ich befürchte, dass sich unser gut etabliertes System den europäischen Entwicklungen anpassen muss. Bei der Umsetzung der EU-Geweberichtlinie in deutsches Recht haben wir schon einmal auf belastende Art und Weise erfahren, wie ein in Deutschland gut funktionierendes System für einige Zeit praktisch eingebrochen ist. Hinzu kommt, dass wir in Europa einen Mittelweg suchen müssen zwischen Ländern mit etablierten Strukturen, wie etwa der Bundesrepublik Deutschland, und anderen EU-Staaten, bei denen die Transplantationsmedizin erst am Anfang der Entwicklung steht.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Deutschland seine Strukturen bewahren kann?
Lilie: Nach den Erfahrungen mit der Umsetzung der Geweberichtlinie befürchte ich, dass mit tief -greifenden Veränderungen gerechnet werden muss.

Eine große Mehrheit der Deutschen befürwortet die Organspende. Dennoch besitzen nur wenige einen Organspendeausweis. Wie kann man das ändern?
Lilie: Der Spenderausweis ist ein wichtiges Medium, um die Spendebereitschaft zu dokumentieren. Für die Transplantationsmedizin ist es nach meiner Meinung aber viel wichtiger, dass die Angehörigen wissen, was ein Verstorbener zu Lebzeiten über seine Einstellung zur Organspende gesagt hat. Außerdem glaube ich, dass eine Kombination aus Spenderausweis und Patientenverfügung sehr sinnvoll ist. Wenn Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel zu dem Thema Patientenverfügung befragt werden, könnten sie auch auf die große Bedeutung der Organspende hinweisen. In diesem Punkt haben Ärzte einen großen Spielraum, um sich zu engagieren. Auch die Presse hat hier meines Erachtens eine hohe Verantwortung. Denn die Medien neigen dazu, vor allem über negative Aspekte im Bereich der Organspende zu berichten. Das führt dann häufig dazu, dass weniger Organe gespendet werden. Die Organspende ist und bleibt also eine Gemeinschaftsaufgabe, die alle in der Gesellschaft angeht.

Das Interview führten Falk Osterloh und Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann


Bereits zum zweiten Mal veranstaltet die Bundes­ärzte­kammer ein Symposium zu dem Thema -„Organspende und -transplantation in Deutschland“. Stattfinden wird es vom 26. bis 27. Januar 2010 in Berlin, Infos: 0 30/40 05 64 62.

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