ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Tsunami im indischen Ozean: „Der Wiederaufbau ist abgeschlossen“

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Tsunami im indischen Ozean: „Der Wiederaufbau ist abgeschlossen“

Osterloh, Falk

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LNSLNS Als Jahrhundertkatastrophe ist das Seebeben vor Indonesien in die Geschichtsbücher eingegangen. Etwa 230 000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Fünf Jahre danach ziehen die großen Verbände eine positive Bilanz der Hilfsaktionen.

Beispiellose Zerstörung hinterließ der Tsunami 2004 im indonesischen Aceh –2009 ist die Region weitgehend wiederaufgebaut. Foto: Caro
Beispiellose Zerstörung hinterließ der Tsunami 2004 im indonesischen Aceh –
2009 ist die Region weitgehend wiederaufgebaut. Foto: Caro
Es war 7.59 Uhr am 26. Dezember 2004, als der Meeresboden bebte, keine 100 Kilometer vor der Westküste Sumatras. Das Beben hatte eine Stärke von 9,3 auf der Richterskala. Im Indischen Ozean bildete sich eine enorme, ringförmige Welle, die die Küstenregionen aller umliegenden Länder verwüstete. Die ersten Bilder, die Deutschland erreichten, stammten aus den Urlaubsgebieten Thailands. Erst Tage später realisierte die Welt, dass eine Region weit schlimmer betroffen war, die abgeschottet und von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg ausgezehrt im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit lag: die Region Aceh im nordwestlichen Teil Sumatras mit ihrem Hauptort Banda Aceh. Täglich wurde die Zahl der Todesopfer in dieser Region nach oben korrigiert. Bald brachten Kamerateams Bilder von verwüsteten Landstrichen in die vielerorts noch weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer und lösten eine nie gekannte Spendenbereitschaft aus.

„In den ersten Tagen nach der Katastrophe mussten die Überlebenden buchstäblich über Leichen gehen“, berichtet Rudi Tarneden von UNICEF. „Aus Angst vor Seuchen wurden die Toten mit Bulldozern in Massengräber geschoben.“ Immer mehr Hilfsorganisationen erreichten das zerstörte Banda Aceh, um den Flutopfern zu helfen. Viele hatten jedoch keine Partner vor Ort und wussten nicht, wie sie die Spendengelder sinnvoll einsetzen konnten. „Die ersten Tage und Wochen nach der Katastrophe waren extrem chaotisch“, sagt Tarneden. „Die gesamte medizinische und soziale Infrastruktur der Region war zusammengebrochen, 500 000 Menschen allein in Banda Aceh waren obdachlos.“ Zudem seien zeitweilig bis zu 1 000 Hilfsorganisationen in der Region gewesen. „Später wurde diese Zeit ‚the crazy times‘ genannt“, so Tarneden. Um die Hilfsmaßnahmen besser zu koordinieren, richtete Indonesien Anfang 2005 die Wiederaufbaubehörde BRR ein. Viele Organisationen hatten ihre Hilfe zu diesem Zeitpunkt aber schon selbst arrangiert.

Unbehandelte Knochenbrüche
Dr. med. Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen erreichte Banda Aceh im Februar 2005. „Wir haben schnell gesehen, dass es genug Helfer in der Stadt gab“, erklärt der heutige Präsident der Organisation. „Deshalb haben wir einen Hubschrauber gemietet und sind die Küste entlanggeflogen, um nach hilfebedürftigen Menschen zu suchen.“ In der Stadt Sigli an der Ostküste Sumatras schlugen sie schließlich ein Lager auf, um die notleidenden Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen: Frisches Wasser und Lebensmittel kauften sie im Landesinneren, Medikamente, Heil- und Hilfsmittel erhielten sie aus ihrem Zentrallager im französischen Bordeaux. Stöbe arbeitete fünf Wochen in einem alten, schlecht ausgestatteten Krankenhaus. „Viele Menschen kamen zu uns mit unbehandelten Knochenbrüchen, Hautverletzungen oder eitrigen Wunden“, berichtet er. Gleichzeitig versuchte Stöbe, den einheimischen Pflegern die Grundlagen moderner Notfallmedizin zu vermitteln. „Bislang haben sie den Patienten streng nach zeitlicher Reihenfolge behandelt. Wir haben dann zusammen Triage trainiert“, sagt der Notfallmediziner. Abends nach der Arbeit hat sich Stöbe die Geschichten seiner indonesischen Mitarbeiter angehört: „Es gab keinen, der nicht Familienmitglieder oder Freunde verloren hat. Es war sehr beeindruckend zu sehen, mit wie viel Enthusiasmus sie dennoch mitgearbeitet haben.“

Fredrik Barkenhammar vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) befand sich einen Monat zuvor etwa 60 Kilometer weiter südlich in Teunom an der Westküste Sumatras. Die Flutwelle hatte hier auch das örtliche Krankenhaus zerstört, sodass das DRK eine mobile Klinik in Form von elf Zelten mit Untersuchungsräumen, einem Operationssaal, einer Apotheke und einem Labor errichtet hatte. „Als wir nach Teunom gekommen sind, haben wir eng mit einer jungen, indonesischen Ärztin zusammengearbeitet, die die Situation und die Menschen vor Ort gut kannte“, sagt der gebürtige Schwede. „Denn ohne solche Helfer ist man als Hilfsorganisation aufgeschmissen.“ Neben den Zelten befanden sich mehrere große, kissenförmige Behälter: eine Trinkwasseraufbereitungsanlage, die das Wasser aus dem nahen Fluss in Trinkwasser umwandelte, 600 000 Liter am Tag.

Hilfe für traumatisierte Kinder
Die Ersthilfe war in Indonesien zur Jahreshälfte 2005 abgeschlossen, und der Wiederaufbau begann. Das Deutsche Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen stellten Handwerker und Bauarbeiter aus der Region an, um Häuser und Straßen wiederaufzubauen. UNICEF wollte mit seinen Projekten in erster Linie Kindern helfen. „Viele Lehrer waren durch den Tsunami getötet worden“, sagt Tarneden. „Deshalb haben wir Notschulen eingerichtet und Hilfslehrer ausgebildet. Diese Ausbildung wurde auch von Psychologen unterstützt. Denn die neuen Lehrer sollten lernen, den traumatisierten Kindern zu helfen, zum Beispiel durch Gruppenspiele oder Zeichnen.“ Während des Wiederaufbaus habe sich daraus ein ganzes Netz an Einrichtungen entwickelt, in denen Kinder beraten und unterstützt werden.

Nach fünf Jahren sind nun nur noch wenige Helfer großer Organisationen vor Ort. Einer von ihnen ist Christian Fischer, Landesbeauftragter von Caritas international in Indonesien. „In diesem Land hat sich seit der Flutkatastrophe viel verändert“, berichtet er. „Es gab freie Wahlen, die Wirtschaft wurde konsolidiert, und die Infrastruktur hat sich wesentlich verbessert.“ Und das im August 2005 geschlossene Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Aufständischen werde eingehalten. Auch Fredrik Barkenhammar vom DRK sagt: „Der Wiederaufbau ist weitgehend abgeschlossen.“ Als er im vergangenen Jahr erneut in Teunom war, hat er es nicht mehr erkannt: „Es ist jetzt eine ganz normale Stadt. Die Häuser stehen wieder, und vom Tsunami sind keine Spuren zurückgeblieben.“ Die letzten Projekte des DRK gelten der Katastrophenvorsorge. Der Verband schult beispielsweise Kinder darin, wie sie sich bei einem erneuten Tsunami oder bei einem Erdbeben richtig verhalten. Nach der Frage, was bei der Hilfsaktion hätte besser laufen können, muss Barkenhammar lange überlegen. „Es ist schade, dass wir die Spenden ausschließlich für die Tsunamiregion verwenden durften“, meint er dann. „Nur ein kleiner Teil dieser Spenden hätte zum Beispiel in Afrika viel bewirken können.“ Ärzte ohne Grenzen hat aus diesem Grund frühzeitig darum gebeten, nicht mehr zweckgebunden zu spenden. „Für unsere Nothilfe brauchten wir etwa 25 Millionen Euro. Erhalten haben wir aber international 110 Millionen, die wir in der Region nicht sinnvoll verwenden konnten“, sagt Tankred Stöbe. Deshalb hätten sie jeden Spender persönlich kontaktiert und darum gebeten, die Zweckbindung aufzuheben: „99 Prozent haben zugestimmt, dass ihre Spende innerhalb von zwei Jahren für einen anderen Notfalleinsatz verwendet wird.“

Fünf Jahre nach der Tsunamikatastrophe ziehen die großen Hilfsorganisationen eine durchweg positive Bilanz. „Die Ersthilfe war sehr erfolgreich. Die befürchtete Katastrophe nach der Katastrophe, also der Ausbruch von Seuchen wie Cholera, konnte verhindert werden“, betont Stöbe. „Wir wurden in Indonesien sehr herzlich aufgenommen. Im Moment befinden wir uns am Übergang von der Katastrophenhilfe in eine längerfristige Entwicklungshilfe. Wir unterstützen zum Beispiel Drogenprojekte oder die Arbeit mit Behinderten. Und nach wie vor sind wir als christliche Organisation in diesem muslimischen Land sehr willkommen“, sagt Fischer von der Caritas. Und Rudi Tarneden resümiert: „Die überwältigende Unterstützung aus aller Welt hat für viele Menschen in der Region einen Neuanfang ermöglicht.“
Falk Osterloh


230 000 Todesopfer
In Indonesien verloren Schätzungen zufolge mehr als 165 000 Menschen durch den Tsunami ihr Leben. Viele Todesopfer gab es darüber hinaus in Sri Lanka (39 000), Indien (16 000) und Thailand (8 000). Noch im mehr als 4 000 Kilometer entfernten Somalia starben knapp 300 Menschen durch die Flutwelle. Hinzu kommen etwa 110 000 Verletzte. 1,7 Millionen Menschen wurden obdachlos. Die deutsche Regierung stellte 500 Millionen Euro für die Soforthilfe und den Wiederaufbau zur Verfügung. Auch die Spendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung war mit 670 Millionen Euro im internationalen Vergleich sehr hoch.
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