ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Emil von Behring: „Beste Grüße Dein P. Ehrlich“

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Emil von Behring: „Beste Grüße Dein P. Ehrlich“

Enke, Ulrike; Friedrich, Christoph; Grundmann, Kornelia

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Titelblatt der „Berliner Illustrierten Zeitung“ zu Behrings und Ehrlichs 60. Geburtstag, März 1914, Collage aus zwei verschiedenen Bildern; links Ehrlich, rechts Behring. Fotos: Behringarchiv der Emil-von-Behring-Bibliothek für Geschichte und Ethik der Medizin der Philipps-Universität Marburg
Titelblatt der „Berliner Illustrierten Zeitung“ zu Behrings und Ehrlichs 60. Geburtstag, März 1914, Collage aus zwei verschiedenen Bildern; links Ehrlich, rechts Behring. Fotos: Behringarchiv der Emil-von-Behring-Bibliothek für Geschichte und Ethik der Medizin der Philipps-Universität Marburg
Zum Marburger Briefnachlass des großen Forschers

Der Bakteriologe und Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring (1854–1917) gilt neben Robert Koch (1843–1910) und Paul Ehrlich (1854–1915) als einer der bedeutendsten deutschen Wissenschaftler und Forscher des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Geboren am 15. März 1854 in Hansdorf/Westpreußen, wuchs er als Lehrersohn mit elf Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Wunsch, Medizin zu studieren, konnte nur dadurch erfüllt werden, dass er sich, ähnlich wie der Bakteriologe Georg Gaffky (1850–1918), zu einer längeren Dienstzeit als Militärarzt verpflichtete. Das Thema seiner medizinischen Dissertation aus dem Jahr 1878, „Neuere Beobachtungen über die Neurotomia opticociliaris“, ließ noch keinen Rückschluss auf seine späteren Forschungsinteressen zu.

Als Militärarzt beschäftigte er sich ab 1880 mit Problemen der Sepsis und der Desinfektion mit Jodoform (CHI3). Gemäß dem Stand der durch Robert Koch initialisierten Forschung versuchte er, krankheitserregende Keime durch innere Desinfektion abzutöten, allerdings ohne Erfolg, da alle verwendeten Mittel zu toxisch waren, um sie innerlich zu verabreichen.

1890 gelang ihm mit der Veröffentlichung „Ueber das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität bei Thieren“ in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ der wissenschaftliche Durchbruch. Am Hygienischen Institut in Berlin, an welchem Behring seit 1889 als Assistent Robert Kochs wirkte, hatte er gemeinsam mit seinem japanischen Kollegen Shibasaburo Kitasato (1852–1931) nachgewiesen, dass es möglich war, „Bakterientoxine“ durch „Antitoxine“ zu neutralisieren. Behring wies nach, dass die antitoxische Eigenschaft des Blutes nicht von den darin enthaltenen Zellen, sondern vom zellfreien Blutserum ausgeht. Bei den von ihm als „Antitoxine“ bezeichneten Gegengiften handelt es sich um Antikörper, dem zentralen Bestandteil des humoralen Immunsystems. Aus dem Serum von Genesenden oder Labortieren wie Pferden, Rindern oder Ziegen gewonnen, erweisen sie sich als lebensrettend, wenn sie erkrankten Menschen appliziert werden. Insbesondere bei starken Toxinbildnern wie Tetanus- oder Diphtheriebakterien oder bei Intoxikation mit Schlangengiften hat sich die Serumbehandlung bis heute bewährt.

Dank Behrings Entdeckung der körpereigenen Immunabwehr und mit der Entwicklung der Serumtherapie gegen Diphtherie und Tetanus existierte erstmals ein Mittel, das in der Lage war, bereits ausgebrochene Infektionskrankheiten mithilfe von Antitoxinen zu bekämpfen. Dafür erhielt Behring 1901 den ersten Nobelpreis für Medizin. Sechs Jahre vor Verleihung dieses Preises, im Jahr 1895, war er mithilfe seines Förderers, des Ministerialrats im preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff (1839–1909), auf den Lehrstuhl für Hygiene der Universität Marburg berufen worden, den er bis zu seinem Tod innehatte. In Marburg gründete er zudem 1904 die Behringwerke, ein pharmazeutisches Unternehmen, das noch heute Impfstoffe herstellt. Als Startkapital nutzte er die zwei Millionen Reichsmark, die er mit dem Nobelpreis erhalten hatte (1).

DFG fördert Erschließung des Nachlasses
Welche Bedeutung die Bakteriologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte, zeigt sich unter anderem daran, dass auch Robert Koch im Jahr 1905 und zusammen mit dem Zoologen und Anatomen Ilja Iljitsch Metschnikow (1845–1916) 1908 dem Immunologen Paul Ehrlich (1854–1916) der Medizin-Nobelpreis verliehen wurde. Mit allen drei Forschern arbeitete Behring im Laufe der Jahre wissenschaftlich zusammen und stand in brieflichem Kontakt.

Behring (rechts) 1915 bei der Überwachung der Blutabnahme bei einem Serumpferd.
Behring (rechts) 1915 bei der Überwachung der Blutabnahme bei einem Serumpferd.
Der 1 643 Briefe (circa 8 200 Seiten) umfassende Briefwechsel ist zu einem großen Teil erhalten, dazu ein großes Konvolut von Tagebüchern, Laborbüchern und anderen handschriftlichen Aufzeichnungen. Der bisher nur unzulänglich erschlossene Nachlass ist heute als Depositum in den Räumen der Emil-von-Behring-Bibliothek für Geschichte und Ethik der Medizin der Philipps-Universität Marburg untergebracht. Für die Forschung konnte er bisher nur eingeschränkt genutzt werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ermöglicht nun eine fachlich fundierte Erschließung und eine Online-Präsentation der handschriftlichen Unterlagen, die eine von Ort und Zeit unabhängige benutzerfreundliche Recherche erlauben. Das Projekt sieht vor, den gesamten Nachlass formal und inhaltlich aufzubereiten und vom handschriftlichen Material, insbesondere den Briefen und den Forschungstagebüchern, bis Ende 2011 digitalisierte Abbilder anzubieten.

Die nach Verfassern geordneten, zum Teil mehrseitigen Briefe gewähren direkte, unmittelbare Ein-blicke in die alltägliche Arbeit, fassen Ergebnisse zusammen, notieren Zwischenergebnisse, teilen Privates mit, vermitteln also insgesamt einen Eindruck von Behrings Alltag und Forschungstätigkeit in Berlin und Marburg, zeigen aber auch, welche Forschungsfragen die scientific community des späten 19. Jahrhunderts bewegten und auf welche Weise deutsche, französische und russische Institute und ihr Personal miteinander vernetzt waren.

Zu den Besonderheiten zählt neben dem Briefwechsel mit Metschnikow die Korrespondenz mit Paul Ehrlich. In Marburg liegen 32 Schriftstücke aus den Jahren 1894 bis 1915, Ehrlichs Todesjahr, vor. Ehrlichs Briefe sind durchweg handschriftlich, jedoch ohne genaues Datum; die chronologische Festlegung erfolgte nachträglich durch Hans von Behring, einen der sechs Söhne Behrings. Neun Briefe, sämtlich aus dem Jahr 1898, lagern im Archiv des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen, weitere Schreiben befinden sich in der Handschriftenabteilung des Staatsarchivs Berlin und im Ehrlich-Nachlass der Rockefeller Archives, New York (2).

Einer der Briefe Ehrlichs soll hier vorgestellt werden, er stammt nach der Datierung Hans von Behrings vom Juni 1896. Ehrlich war 1891 von Koch als Extraordinarius mit völliger Forschungsfreiheit an das neu gegründete Institut für Infektionskrankheiten in Berlin berufen worden. Am 20. Februar 1895 begann er dort mit der Prüfung von Diphtheriesera; hier erarbeitete er genaue Methoden zur quantitativen Antikörperbestimmung. Mit dem bereits nach Marburg übersiedelten Behring war er zu dieser Zeit sowohl auf privater als auch wissenschaftlicher Ebene freundschaftlich verbunden.

Konkurrenz zu Calmette
In diesem Brief (Behring-Nachlass, Inventarnummer 0181) beschreibt Ehrlich, dass er Sera aus dem französischen Pasteur-Institut in Lille getestet und sie auf ihren Gehalt an Antikörpern überprüft habe. Er bezieht sich dabei als Maß für die Wertbestimmung der Sera auf die von ihm und Behring definierten Immunitätseinheiten (1 IE = ein cm3 eines Normalserums, von dem 0,1 cm3 genügen, um zehn tödliche Minimaldosen des Toxins zu neutralisieren) und deren Vielfache, und er stellt fest, dass das von dem französischen Arzt und Bakteriologen Léon Charles Albert Calmette (1863–1933) in Lille am Institut Pasteur hergestellte Serum nur ein Bruchteil der Antitoxine enthält, die von diesem angegeben wurden.

Das dürfte Behring gefreut haben, der in den Sera des Institut Pasteur ein Konkurrenzprodukt zu seinen in den Hoechster Farbwerken hergestellten Impfstoffen sehen musste, die zu diesem Zeitpunkt 250 IE und mehr enthielten (3). Da Behring kein Patent für sein Diphtherieserum besaß, war jedermann berechtigt, das Serum herzustellen. Auf dem französischen Markt wurden dementsprechend die Produkte des staatlichen Institut Pasteur verkauft, wohingegen in Deutschland privatwirtschaftliche Betriebe mit der Herstellung begannen, die jedoch unter staatlicher Kontrolle von Ehrlichs Institut standen (4).

Das erwähnte Schlangenserum gegen die Wirkung von Schlangenbissen und das Streptokokkenserum waren für Behring weniger interessant. Bei der am Briefende genannten marmorekschen „Originalcultur“ handelt es sich wohl um das von dem Pasteur-Schüler Alexander Marmorek (1865–1923) in Louis Pasteurs Pariser Institut entwickelte Streptokokkenserum zur Bekämpfung von Scharlach. Marmoreks „Versuch einer Theorie der septischen Krankheiten“ war ein Jahr zuvor in Stuttgart erschienen.

Im Anschluss an das Digitalisierungsprojekt ist geplant, auf der Grundlage des dann für die Forschung erschlossenen Materials ein weiterführendes Projekt zu Behrings wissenschaftlichem Wirken zu initiieren.

Dr. phil. Ulrike Enke
Prof. Dr. rer. nat. Christoph Friedrich
Institut für Geschichte der Pharmazie der Philipps-Universität Marburg
Dr. rer. nat. Kornelia Grundmann
Emil-von-Behring-Bibliothek für Geschichte und Ethik der Medizin der Philipps-Universität Marburg
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1.
Zeiss H, Bieling R: Behring – Gestalt und Werk. Berlin: Schultz 1941.
2.
Grundmann K: Archive stellen sich vor: „Blut ist ein ganz besonderer Saft.“ Das Behring-Archiv in der Emil-von-Behring-Bibliothek der Philipps-Universität Marburg. Archivnachrichten aus Hessen 2008, 8/2, 25–7.
3.
Hardy A: Paul Ehrlich und die Serumproduzenten: Zur Kontrolle des Diphtherieserums in Labor und Fabrik. Medizinhistorisches Journal 2006; 41: 51–84.
4.
Hüntelmann A: Two Cultures of Regulation. The Production an State Control of Diphtheria serum at the End of the Nineteenth Century in France and Germany. Hygiea Internationalis 2007; 6/2: 99–119.
1. Zeiss H, Bieling R: Behring – Gestalt und Werk. Berlin: Schultz 1941.
2. Grundmann K: Archive stellen sich vor: „Blut ist ein ganz besonderer Saft.“ Das Behring-Archiv in der Emil-von-Behring-Bibliothek der Philipps-Universität Marburg. Archivnachrichten aus Hessen 2008, 8/2, 25–7.
3. Hardy A: Paul Ehrlich und die Serumproduzenten: Zur Kontrolle des Diphtherieserums in Labor und Fabrik. Medizinhistorisches Journal 2006; 41: 51–84.
4. Hüntelmann A: Two Cultures of Regulation. The Production an State Control of Diphtheria serum at the End of the Nineteenth Century in France and Germany. Hygiea Internationalis 2007; 6/2: 99–119.

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