ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Neue Influenza: Schnäppchenjagd
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. . . Wer bekommt die Deutungshoheit über die Schweinegrippe? Die Fronten sind verwirrend, Sieger sind nicht auszumachen – abgesehen von den Herstellern der Impfdosen. Sie haben ihr Geschäft gemacht – gemäß ihrer raison d’être. Ansonsten tummeln sich alle üblichen Verdächtigen auf dem Schlachtfeld der Meinungen: Die prinzipiellen Impfgegner, die Sensationspresse, die Apotheken-Rundschau, die Fach- und Hausärzte und die vielen Individuen, die sich interaktiv (Leserbrief, Magazin-Sendungen) äußern. Gemeinsam ist ihnen allen: Sie wissen meist nicht, wovon sie reden. Bestenfalls beteiligen sie sich am Verwechseln von Birnen und Äpfeln, von Statistik und Einzelfall, von relativem Risiko und Hochrechnen inkommensurabler Daten . . . Der Wanderer auf der mühsamen Strecke evidenzbasierter Medizin schwitzt unter der gleißenden Sonne eminenzbasierter Expertisen. Allerorten vage Daten, die in den Niederungen praktizierter Medizin nicht verifizierbar sind.

Wer bleibt auf der Strecke? Hoffentlich wenige Impfgeschädigte, die den Preis einer präsumptiven – noch immer nicht evidenten – Volksfürsorge zahlen müssen. Fairness gebietet es, auch an die zu denken, die wegen der allgemeinen Wirren nicht geimpft sind und infektionsbedingt Schaden nehmen könnten.

Ganz sicher aber wird sich die Politik die Augen reiben müssen: Sie hat die bewährten „Innungen“ der Ärzteschaft außen vor gelassen. Deren Erfahrung in Organisation und Verwaltung der deutschen Ärzteschaft, ihre Qualitätssicherung und den großen Pool ihrer Experten hat sie nicht genutzt, um sich sachgerecht beraten zu lassen. Politiker haben gehandelt, um ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Heraus kam das Chaos, unter dem wir leiden, auch wenn derzeit eine Art „Schnäppchenjagd“ auf verknappte Impfdosen als Erfolg gewertet wird.

Wir Ärzte sollten diese Lektion nicht vergessen. Hier zeigt sich, was unter dem Abstraktum „Staatsmedizin“ höchst konkret werden könnte: Weisungsgebundene Ärzte unter dem Imperativ von Politikern, denen man im – besten Falle – Unkenntnis vorwerfen kann, wenn nicht eine investigative Presse gar Schlimmeres zutage befördert.
Dr. Hans-Georg Fritz, Senftenberger Ring 5 a, 13439 Berlin
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