ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Kunst und Anatomie: Was passiert, wenn Mediziner und Maler auf das Gleiche gucken

KULTUR

Kunst und Anatomie: Was passiert, wenn Mediziner und Maler auf das Gleiche gucken

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Ein Maler deutet und ergänzt die anatomischen Präparate des Medizinhistorischen Museums der Berliner Charité. Eine Ausstellung

Vor dem Bild eines Embryos, vermeintlich originalgetreu in Öl gemalt, platziert auf einer großen weißen Holzscheibe, steht der Maler Frank Schäpel und antwortet auf die Frage, weshalb er sich derart für die Anatomie interessiere, mit dem schlichten Satz: „Weil ich Mensch bin.“ Die Realität des Körpers beschäftigt Schäpel (Jahrgang 1973) seit Jahren. Zunächst malt er ihn von außen, dann aber sucht er tiefer und nimmt, ganz konsequent, zwei Jahre an Präparierkursen im Centrum für Anatomie der Charité in Berlin teil.

Frank Schäpel: Defibrillator, 2008, Öl, Graphit, Asphalt/Holz
Frank Schäpel: Defibrillator, 2008, Öl, Graphit, Asphalt/Holz
Ergebnis sind 37 Bilder; eine Auswahl ist jetzt im Medizinhistorischen Museum der Charité zu sehen. Inmitten der berühmten virchowschen Präparatesammlung, zwischen den Vitrinen mit den 750 konservierten Organen. Schäpel „scannt“ seine Objekte mit den Augen und gibt sie in exakter Lebensgröße wieder. Im Zeitalter der digitalen Fotografie erscheine das zunächst anachronistisch, bemerkt Prof. Dr. med. Thomas Schnalke, der Direktor des Museums, der schon manchen Künstler und so auch erneut den Baselitz-Schüler Schäpel in sein Haus holte. Doch dessen Bilder sind zwar exakt, aber nicht fotografisch. Das liegt daran, wie er die Perspektive behandelt, nämlich ohne Fluchtpunkt, und die Details herausholt. Die Objekte werden daher bei aller Exaktheit interpretiert und nicht dokumentiert. Die Sicht der Medizin auf den Körper sei heute „funktionell“, meint Schäpel und weist auf sein Embryo-bild: „Die Makroanatomie hat in der Medizin heute nicht mehr den Stellenwert wie früher. Man sieht sich statt des Embryos mehr die Zellen an.“ Den Maler Schäpel aber interessieren die Gesamtheit wie auch die Teile, aus denen sie sich zusammensetzt.

Ja, so geht’s, „wenn zwei verschiedene Berufe, Wissenschaftler und Künstler, auf das Gleiche gucken“, erklärt Wolfgang Knapp von der Akademie der Künste in Berlin. Ihm liegt wie Schnalke daran, Wissenschaftler, Mediziner und Künstler (wieder) zueinanderzuführen. Die Sichtweise des jeweils anderen könne dazu verhelfen, die eigene Position zu überprüfen. Knapp erinnert sich an eine Lehrveranstaltung über Krankheit, Sterben und Tod, bei der sich überraschenderweise etwa die Hälfte der Teilnehmer als ärztliche Gasthörer entpuppte. In ihrer Ausbildung habe die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod gefehlt, begründeten sie das Interesse an dem Kunstseminar.

Frank Schäpel steht mit seinem Interesse für die Anatomie, so eigenwillig es erscheinen mag, auf solidem Boden. Man muss die Tradition nicht bis zu Leonardo oder Rembrandt zurückverfolgen, denn noch bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde an der Hochschule für die Bildenden Künste in Berlin Anatomie gelehrt und mittels Sezierübungen praktiziert. Der anatomische Zeichensaal lag neben dem Akt-Zeichensaal. So benachbart waren Leben und Tod. Den Unterricht besorgten führende Anatomen der Charité, unterstreicht Wolfgang Knapp das interdisziplinäre Miteinander.
Norbert Jachertz


Informationen
Die Ausstellung „Frank Schäpel: Die Teile und das Ganze“ ist Auftakt einer Serie von „Interventionen“ in den Museumsbestand und läuft bis 10. Januar 2010. – Berliner Medizinhistorisches Museum, Charitéplatz 1, 10117 Berlin (vom Hauptbahnhof aus zu Fuß zu erreichen), geöffnet Di–So 10–17 h, Mi und Sa bis 19 h. Telefon: 0 30/4 50 53 61 56. www.bmm.charite.de
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