ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1997Ansprache des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages: zur Eröffnung des 100. Deutschen Ärztetages Medizinischer Fortschritt nutzt Patient und Arzt Sachkundige Regeln durch Selbstverwaltung

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Ansprache des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages: zur Eröffnung des 100. Deutschen Ärztetages Medizinischer Fortschritt nutzt Patient und Arzt Sachkundige Regeln durch Selbstverwaltung

Vilmar, Karsten

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LNSLNS Der 100. Deutsche Ärztetag in Eisenach, an diesem allgemein und für die Ärzteschaft insbesondere geschichtsträchtigen Ort, ist nicht einfach eine Jubiläumsveranstaltung. Die Delegierten müssen vielmehr über wichtige, aktuelle Fragen zur Sicherung der Leistungsfähigkeit und Finanzierbarkeit unseres Gesundheitswesens beraten, sie müssen sich mit ethischen Grenzfragen in der Medizin auseinandersetzen, die durch viele früher undenkbare Möglickeiten der Forschung und ihrer Anwendung - insbesondere am Anfang und am Ende des Lebens - entstanden sind und einer Antwort harren. Der 100. Deutsche Ärztetag ist aber auch Anlaß zur Rückschau auf das in der jetzt 124jährigen Geschichte Geleistete und zur Standortbestimmung für die Zukunft.
Ärztliche Zusammenschlüsse haben in Deutschland eine lange Tradition. Sucht man nach den Gründen dieser Zusammenschlüsse, so waren dies von jeher das Bemühen um eine der Entwicklung der Medizin entsprechende Fortbildung, um die Einhaltung der Berufsregeln, aber auch um die Sicherung einer Hinterbliebenenversorgung. Die eigenen Angelegenheiten des beruflichen Umgangs miteinander, des Funktionierens der Gemeinschaft und schließlich die Festlegung künftiger Aufgaben durch die Betroffenen wurden damit frei und eigenverantwortlich gegenüber den Mitgliedern und der Allgemeinheit geregelt. Die ärztlichen Vereine sind die Wurzeln der heutigen ärztlichen Selbstverwaltung.
Ziele der Deutschen Ärztetage waren von Anfang an die gesetzlich geregelte Mitwirkung der Ärzteschaft bei der Gestaltung des Gesundheitswesens sowie - nach Gründung der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung durch die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 - die Mitwirkung an der Gestaltung der gesetzlichen Krankenkassen, insbesondere der vertraglichen Regelungen mit Ärzten.


Unterbrechung in der NS-Zeit
Dieser Zielsetzung entspricht bereits die Tagesordnung des 2. Deutschen Ärztetages am 9. und 10. Juli 1884 in Eisenach unter Vorsitz von Sanitätsrat Dr. Eduard Graf. Es war nach Beschlußfassung über die Satzung 1873 in Wiesbaden gleichsam der erste Arbeits-Ärztetag. Der 50. Deutsche Ärztetag 1931 in Köln war der letzte Deutsche Ärztetag vor der Zwangspause durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Von diesen 50 Deutschen Ärztetagen fanden allein 13 in der Wartburg-Stadt Eisenach statt, die seinerzeit also gewissermaßen der zentrale Versammlungsort der deutschen Ärzteschaft war.
Der 51. Deutsche Ärztetag 1948 in Stuttgart setzte sich mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch von Ärzten im NS-Regime und insbesondere mit dem Nürnberger Ärzteprozeß auseinander. Eine Folge der aufgedeckten Verbrechen und des Ärzteprozesses war weltweit eine größere Aufmerksamkeit gegenüber den Individualrechten des Menschen. Sichtbaren Ausdruck fand dies in der Formulierung des Genfer Gelöbnisses 1948 durch den 1947 gegründeten Weltärztebund, dem die deutsche Ärzteschaft 1951 beitrat, aber auch durch die Deklaration von Helsinki zur biomedizinischen Forschung am Menschen aus dem Jahr 1964, die besonders in der Fassung von Tokio 1976 auch das deutsche Arzneimittelrecht mitgeprägt hat.
Die Arbeit der Deutschen Ärztetage ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer rapiden Zunahme wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Möglichkeiten gerade seit dem 19. Jahrhundert zu sehen. Faszinierende Fortschritte wurden trotz vieler staatlicher Umbrüche erreicht - man denke nur an die deutsche Einigung im vorigen Jahrhundert, aber auch an Zerstörungen und Aufbau nach zwei Kriegen. Hinzu kamen äußere Veränderungen, wie zum Beispiel der Wandel von einer ursprünglich vielleicht allzu unkritischen Wissenschafts- und Technikgläubigkeit der Gesellschaft zu einer seit den 70er Jahren unseres Jahrhunderts zunehmenden Skepsis oder sogar Fortschritts-, Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit. Die tiefgreifenden Veränderungen gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen wirkten sich ebenso auf das Bewußtsein und Selbstverständnis der Ärzteschaft insgesamt wie auf die Arbeitsbedingungen des einzelnen Arztes aus. Während ursprünglich nahezu ausschließlich freiberufliche Tätigkeit die Regel war, ist heute der größere Teil der Ärzteschaft im Status des Angestellten oder Beamten tätig. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Ärzte, entsprechend der in der Bundesärzteordnung enthaltenen Definition "Der Arztberuf ist seiner Natur nach ein freier Beruf", ist jedoch bis heute, trotz vielerlei unterschiedlicher Interessen, weitgehend erhalten geblieben.


Herausforderungen und Probleme durch Fortschrittsdynamik
Die faszinierende Entwicklung der Medizin hat nicht nur dazu beigetragen, vielfach vorzeitigen Tod zu verhindern, sondern sie hat auch neue Herausforderungen und Probleme mit sich gebracht. Sie läßt häufig die Frage aufkommen, ob der Arzt heute in jedem Fall alles tun darf oder tun muß, was medizinischwissenschaftlich oder -technisch möglich wäre.
Die Antwort darauf erfordert sicher keine neue Ethik, sie ist jedoch auf der Grundlage bewährter ethischer Prinzipien nicht immer leicht und nicht allgemeingültig für alle denkbaren Möglichkeiten und Herausforderungen zu geben. Im Prinzip geht es nicht darum, in jedem Fall schlichtweg die neuesten und schon gar nicht immer alle Methoden einzusetzen, die menschlicher Erfindungsgeist ersonnen hat. Gefragt ist vielmehr die sorgfältige, verantwortungsbewußte Abwägung, um die jeweils individuell erforderliche wirksame, zweckmäßige und ausreichende Therapie zu sichern oder zu erforschen und vielleicht zu Regelverfahren zu entwickeln. Es wäre jedenfalls zutiefst inhuman, Patienten die notwendigen Behandlungsverfahren unter Nutzung neuester medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Möglichkeiten, die vielleicht lebensrettend wären, vorzuenthalten.
Ergebnisse menschlichen Erfindungsgeistes müssen daher mit Verstand - rational und rationell - unter Beachtung ethischer Grundnormen genutzt werden. Weitere Forschung zur Verbesserung von Behandlungsmethoden und zur Aufklärung bislang unbekannter Zusammenhänge wird immer mit Risiken verbunden bleiben. Trotz aller Bemühungen um ein Höchstmaß an Sicherheit wird es kaum gelingen, alle Unsicherheitsfaktoren völlig auszuschließen. Die erstmalige Anwendung neuer Methoden erfordert neben Wissen und Erfahrung daher auch immer Risikobereitschaft - sowohl beim Arzt als auch bei dem selbstverständlich über alle Möglichkeiten und Gefahren voll aufzuklärenden Patienten.


Kein Anlaß zu Hybris
Bei allem Vertrauen in die Wissenschaft und in die Kreativität der Forschung darf nicht vergessen werden, daß es auch bei gesicherten ethisch-moralischen Grundlagen und trotz noch so großen wissenschaftlichen Fortschritts keinen Anlaß zur Hybris gibt, sondern daß es auch Grenzen geben kann. Das Wissen um Möglichkeiten und Grenzen der Medizin, um die "ärztliche Kunst" und die sich daraus für den einzelnen Arzt gegenüber dem Patienten, aber auch gegenüber der Allgemeinheit ergebenden Verpflichtungen war für die Ärzteschaft schon frühzeitig Anlaß, wesentliche Grundsatzfragen in eigener Verantwortung zu regeln. Ethische Normen begrenzen bei solchen Überlegungen Art und Ausmaß der Gefährdungsmöglichkeiten für den Patienten, des aufgrund seiner Erkrankung bestehenden Risikos und der möglicherweise aus neuen Verfahren für den Patienten zu erwartenden Vorteile.
In ärztlicher Selbstverwaltung wurden deshalb zahlreiche Richtlinien entwickelt, oft schon frühzeitig. Ein gutes Besipiel ist die Richtlinie zur Forschung an frühen menschlichen Embryonen. Im Wege der Selbstverpflichtung hat eine bei der Bundes­ärzte­kammer eingerichtete "Zentrale Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Reproduktionsmedizin, Forschung an menschlichen Embryonen und Gentherapie", in der auch Abgeordnete des Deutschen Bundestages mitgewirkt haben, Parlamenten und Regierungen jährlich Arbeits- und Erfahrungsberichte vorgelegt. Viele Vorstellungen und Forderungen dieser interdisziplinären berufsübergreifenden Kommission fanden später Eingang in das 1991 verabschiedete Embryonen-Schutzgesetz.
Eindeutig abgelehnt wurde schon vom 88. Deutschen Ärztetag 1985 in Lübeck-Travemünde eine künstliche Mehrlingsbildung (Klonierung), die Vereinigung von mehreren Embryonen oder Teilen davon (Chimärenbildung) sowie die Erzeugung von Mischwesen aus Mensch und Tier (Interspezies-Hybridisierung). Die gerade in diesen Monaten durch das Schaf "Dolly" in die öffentliche Diskussion gekommene Klonierung aus Körperzellen ist ethisch nicht anders zu beurteilen. Auch die Sachverständigen kommen im April 1997 in einem Gutachten für den Rat für Forschung, Technologie und Innovation beim Bundeskanzler zu dem Schluß, daß "in rechtlicher Sicht eine Klonierung beim Menschen - sowohl in Form der Embryonen-Teilung als auch der Kerntransplantation - nach deutscher Gesetzeslage verboten ist. Zur Klarstellung sind allenfalls technische Anpassungen des Wortlauts des Gesetzes erforderlich."
Zukunftsweisende Fortschritte sind in der Medizin auch weiterhin zu erwarten, so insbesondere in der Molekularbiologie und in der Humangenetik sowie der Gentechnik. Wiederum sind dafür von der ärztlichen Selbstverwaltung Richtlinien erarbeitet worden, so etwa zur Somatischen Gentherapie. Mit fachkundigem Sachverstand können mögliche Chancen, Risiken oder gar Gefahren viel früher erkannt werden, als dies Parlamenten oder der allgemeinen Öffentlichkeit jemals möglich wäre.


Neue Aufgabenfür die Selbstverwaltung
Die Ärzteschaft und ihre Selbstverwaltung werden auch in Zukunft vor ständig neue Aufgaben gestellt, häufig werden dann jedoch nicht nur nationale, sondern europäische, wenn nicht gar weltweite Übereinkommen erforderlich sein. Dabei werden nicht immer die gleichen ethischen Beurteilungen und Sicherheitsanforderungen erreicht werden können. Dies zeigt die Diskussion über die Menschenrechtskonvention zur Biomedizin des Europarates, die sogenannte "Bio-Ethik-Konvention" des Europarates. Die Bemühungen um internationale Regelungen sind dennoch nicht sinnlos, weil es vielfach eben doch gelingt, jedenfalls einen international anerkannten Mindeststandard zu vereinbaren und krasse Fehlentwicklungen zu vermeiden, wie zum Beispiel die Diskussion über Patentierbarkeit und NichtPatentierbarkeit menschlicher Gene, Genome und Gensequenzen zeigt. Mit Nachdruck ist darauf zu bestehen, daß der Mensch, oder Teile des Menschen, nicht patentierbar sind. Neue Erkenntnisse von natürlichen Gegebenheiten sind nämlich Entdeckungen, aber niemals Erfindungen. Patente können jedoch lediglich auf Erfindungen erteilt werden. Probleme können auch aus dem Umgang mit neu gewonnenem Wissen und dessen Anwendung in der täglichen Praxis entstehen, so durch die Möglichkeiten einer prädiktiven Medizin. Zu umgehen sind die damit verbundenen Fragen nicht.
Es muß uns zu denken geben, daß Fortschritts- und Forschungsangst, zusammen mit langen bürokratischen Genehmigungsverfahren in Deutschland, neue Entwicklungen nicht verhindern, sondern lediglich bewirken, daß solche Vorhaben in anderen Ländern der Welt durchgeführt werden. Ethisch nicht zu vertreten wäre es allerdings, bestimmte Forschungsvorhaben mit moralischer Entrüstung in Deutschland zu verbieten, die dabei im Ausland gewonnenen Erkenntnisse jedoch hier nutzen zu wollen. Die deutsche Industrie nimmt wegen der zahlreichen Hemmnisse inzwischen in Milliardenhöhe Investitionen im Ausland vor mit Geld, das in Deutschland verdient worden ist; der wirtschaftliche Nutzen geht hier somit verloren. Die soziale Sicherheit erfordert jedoch eine Minderung der Arbeitslosenzahl sowie gesicherte wirtschaftliche Grundlagen; die aber werden durch Abwanderung von Forschungs- und Industriepotentialen geschwächt. Durch Fortschrittsverweigerung kann so schließlich nicht nur unsere soziale Sicherheit, sondern auch der innere Frieden gefährdet werden.


Grenzen des Sozialstaates
Die derzeitige Diskussion um die dauerhafte Sicherung von Leistungsfähigkeit und Finanzierbarkeit unserer sozialen Sicherungssysteme muß deshalb auch unter diesen Aspekten geführt werden. Ebenso ist freilich zu überlegen, wo die Grenzen des Sozialstaates gezogen werden müssen. Nicht alles, was wissenschaftlich oder technisch möglich, vielleicht auch angenehm und wünschbar ist, kann von der Solidargemeinschaft der Beitragszahler oder von den Steuerzahlern bezahlt werden. Statt einem utopischen Wohlfahrtstaat mit erdrückender Rundumbetreuung das Wort zu reden, sind Eigeninitiative und Eigenverantwortung wieder zu stärken. Das gilt auch für das Gesundheitswesen. Jeder Mensch ist zunächst für seine Gesundheit und die seiner Familie selbst verantwortlich. Gemäß dem Subsidiaritätsprinzip soll die jeweils übergeordnete Gemeinschaft nur dann Aufgaben an sich ziehen, wenn diese von kleineren Gemeinschaften nicht erfüllt werden können. Diesem Subsidiaritätsprinzip sollten wir wieder größere Geltung verschaffen, ist es doch ein Strukturprinzip unserer freiheitlichen Gesellschaft und des föderalistischen Staatsaufbaus.


Eigenverantwortung und Subsidiarität
Die Solidargemeinschaft der Beitragszahler oder die Steuerzahler können durch eine Rückbesinnung auf die Prinzipien Eigenverantwortung und Subsidiarität entlastet werden und dadurch um so wirksamer den wirklich Bedürftigen helfen. Auch in einem Sozialstaat wie der Bundesrepublik Deutschland hat nicht jeder Anspruch auf alles. Ein allumfassender Anspruch hätte zwangsläufig eine Verteilung nach dem Gießkannenprinzip zur Folge und wäre mit entsprechend allumfassender staatlicher Fürsorge und Reglementierung verbunden. Ein solcher Wohlfahrtsstaat ist zwar zu finanzieren, jedoch nicht zu bezahlen. Deshalb hat in einem Sozialstaat wie Deutschland nur der Bedürftige Anspruch auf die Hilfe der Solidargemeinschaften.
Nach dem Subsidiaritätsprinzip erfüllt die Selbstverwaltung wichtige Aufgaben. Der Staat kann Selbstverwaltungskörperschaften - wie zum Beispiel die Ärztekammern - wegen ihres besonderen Sachverstandes spezielle Aufgaben übertragen und den dafür vorgesehenen Rahmen gesetzlich festlegen. Der Gesetzgeber sollte sich auf die Gestaltung solcher Rahmenbedingungen beschränken. Ins Detail gehende Vorschriften könnten den weiterhin stürmischen Entwicklungen wegen des im Einzelfall fehlenden Sachverstandes - aber auch wegen des vergleichsweise langsamen Gesetzgebungsverfahrens - nicht gerecht werden. Sie könnten sogar wünschenswerte Entwicklungen eher behindern als fördern. Selbstverwaltung setzt ein hohes Maß von Initiative und ehrenamtlichem Engagement voraus. Wollte all dieses der Staat mit seiner Verwaltung regeln, wären vielfache Millionen-Ausgaben unausweichlich.
Der Staat darf allerdings Selbstverwaltung nicht als staatliche Auftragsverwaltung betrachten und erst recht nicht für die Regelung von unlösbaren Problemen mißbrauchen, für die es nach objektiven Kriterien entweder keine Lösung gibt oder aber für deren Lösung den verantwortlichen Politikern Einsicht, politischer Wille oder Mut - vielleicht auch alles zusammen - fehlen.
Selbstverwaltung kann allerdings nur dort Verantwortung übernehmen, wo sie Regelungskompetenzen hat und auf erkennbare Entwicklungen Einfluß nehmen kann. Selbstverwaltung kann auch nur so lange wirksam werden, wie ihre Regelungen durch die Mehrheit der Mitglieder akzeptiert werden. Selbstverwaltung darf sich allerdings nicht ausschließlich als Pressure-Group zur Durchsetzung von Eigeninteressen wirtschaftlicher oder sonstiger Art verstehen, sie steht vielmehr zunächst im Dienste des größeren Ganzen, der Gesellschaft.
Für eine möglichst gute Versorgung des einzelnen Kranken und der gesamten Bevölkerung hat sich das selbstverwaltete und beitragsfinanzierte deutsche Gesundheitssystem auch im internationalen Vergleich als ausgesprochen leistungsfähig und preisgünstig erwiesen. Das sollte bei der Lösung mancher zur Zeit bestehender Probleme bedacht werden. Wichtige Voraussetzungen für eine individuelle Versorgung des einzelnen Kranken sind berufliche Unabhängigkeit der Ärztinnen und Ärzte und ihrer Selbstverwaltungskörperschaften. Vorrang bei allen Entscheidungen des Arztes hat der einzelne Mensch. Wohin es führt, wenn etwa dem Staat oder der "Volksgemeinschaft" Vorrang eingeräumt wird, haben die schrecklichen Vorgänge in der nationalsozialistischen Diktatur gezeigt, die sich anmaßte, über den "Wert" oder "Unwert" eines Lebens zu befinden.
Die Erarbeitung von Richtlinien durch die ärztliche Selbstverwaltung mit Hilfe interdisziplinärer Kommissionen mit fachlich kompetenten Ärzten und Wissenschaftlern unter Beteiligung von Juristen, Philosophen, Moraltheologen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen hat nicht nur den großen Vorteil, fachliche Kompetenz zu vereinen, sondern auch unabhängig von der Tagespolitik zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen. Hingegen könnten die Fortschritte in der Medizin mit der Möglichkeit noch wirksamerer Behandlung von Krankheiten und deren Verhütung behindert werden, wenn die in der Öffentlichkeit häufig sehr emotional, mehr von unbestimmter Angst als von notwendigem Sachverstand geprägte Diskussion über die Zukunft der Forschung entscheiden würde.
Der Gesetzgeber sollte auch nicht versuchen, jedes von der Selbstverwaltung erkannte Problem an sich zu ziehen, um es gesetzlich zu regeln, weil dies angeblich der Selbstverwaltung nicht in eigener Verantwortung überlassen werden könne. Dem Gesetzgeber ist es häufig wegen der außerordentlich diffizilen und differenzierten Tatbestände und auch wegen des immer stärker parteipolitisch geprägten Meinungsstreites kaum möglich, zu sachgerechten Lösungen zu kommen. Außerdem besteht die Gefahr, Eigeninitiative und Motivation für ein ehrenamtliches Engagement an verantwortlicher Stelle in der Selbstverwaltung zu behindern.


Aktive Sterbehilfe - unärztlich und unzulässig
In klarem Widerspruch zu unserem Rechtsbewußtsein stehen die häufiger zu hörenden Forderungen nach Rationierung - also nach Zuteilung von Gesundheitsleistungen, wie sie in manchen anderen Gesundheitssystemen der Welt üblich ist. Geradezu erschreckend ist die schon gestellte Frage, ob man nicht angesichts der in den letzten beiden Lebensjahren anfallenden hohen Kosten dort sparen könne. Eine derart utilitaristische Betrachtung mit einer Gegenüberstellung der Kosten für die weitere Behandlung und des Nutzens der Restlebenserwartung könnte sehr rasch zur Forderung nach aktiver Sterbehilfe oder nach Tötung sogenannten lebensunwerten Lebens führen. Solche Absichten sind in der veröffentlichten Meinung - wenn auch nur von wenigen - der Bundes­ärzte­kammer nach Verabschiedung des Entwurfs von "Richtlinien zur ärztlichen Sterbebegleitung und Grenzen zumutbarer Behandlung" zum Vorwurf gemacht worden, obwohl dort ausdrücklich steht, daß aktive Sterbehilfe unzulässig ist und mit Strafe bedroht wird, auch dann, wenn sie auf Verlangen des Patienten erfolgen sollte. Selbstverständlich ist aus den Richtlinien auch nicht zu folgern, daß etwa unheilbar Kranke oder Behinderte künftig verhungern sollen, wie von einigen in geradezu böswilliger Unterstellung behauptet wurde. Man hat den Eindruck, daß sich manche Kommentatoren ohne jegliche Kenntnis der vorliegenden Texte lediglich mit ihren Vorurteilen lautstark zu profilieren versuchen. Ebenso merkwürdig ist, daß oft Kritik gerade von denen kommt, die auf der anderen Seite beklagen, daß Menschen angeblich wegen des Profitstrebens der Ärzte allzu lange einer sogenannten "inhumanen Maschinenmedizin" ausgesetzt seien. Ebenso unrealistisch ist die Forderung, der ärztlichen Selbstverwaltung die Berechtigung zur Formulierung derartiger Richtlinien als Entscheidungshilfe für den Arzt zu entziehen und diese einer Regelung durch den Gesetzgeber zuführen zu wollen. Zwar ist der Tod für alle gleich; das Sterben aber ist ein höchst individueller Prozeß, bei dem auch das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zu achten ist und das niemals vom Gesetzgeber abschließend geregelt werden kann.
Die in nächster Zeit anstehenden politischen Entscheidungen erfordern mehr denn je eine intensive Kooperation aller in der Gesundheits- und Sozialpolitik an verantwortlicher Stelle Tätigen. Je länger die Lösungen auf sich warten lassen, um so schmerzhafter werden eines Tages die Einschnitte sein müssen. Jeder Arzt - und insbesondere jeder operativ Tätige - weiß das. Auch hier gilt das Wort von Rudolf Virchow: "Politik ist Medizin im Großen."
Trotz der zweifellos bestehenden Probleme müssen wir uns jedoch immer wieder klarmachen, daß wir die Folgen der Erfüllung großer Sehnsüchte der Menschen bewältigen müssen. Stets wollten Menschen länger leben. Dies ist durch die Fortschritte der Medizin möglich geworden, allerdings häufig um den Preis der Dauerbehandlungsbedürftigkeit, verbunden mit einer zunehmenden Multimorbidität. Daraus folgt: Je leistungsfähiger die Medizin wird, um so mehr Menschen wird es geben, die erfolgreich behandelt werden können, und damit steigen unausweichlich die Kosten.


Die Chancen entschlossen nutzen
Die Erfüllung der Sehnsucht nach Freiheit hat uns durch den Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs sowie den Fortfall des uns jahrzehntelang bedrohenden Ost-West-Konfliktes Freiheit in ganz Europa gebracht. Verbunden sind damit allerdings die Globalisierung der Märkte und, ähnlich wie in der Europäischen Union, der freie Verkehr von Personen und Dienstleistungen, Waren und Kapital. Zukunftsangst ist jedoch gerade wegen der Erfüllung dieser alten Sehnsüchte der Menschen nicht angebracht. Wir müssen nur gemeinsam wieder Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit entwickeln und die trotz Risiken und Gefahren dennoch positiven Chancen entschlossen nutzen. Gelingt uns dies, können wir zuversichtlich in die Zukunft gehen und einen wichtigen Beitrag für Frieden, Freiheit und soziale Sicherheit in Deutschland und in Europa leisten.


Dr. med. Karsten Vilmar
Präsident der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages
Herbert-Lewin-Straße 1
50931 Köln

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