ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2009Arzneimitteltherapie: Empathie fördert die Motivation

BERUF

Arzneimitteltherapie: Empathie fördert die Motivation

Jürgens, Ute

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LNSLNS Bis zu 50 Prozent der Patienten nehmen ihre Medikamente nicht oder in falschen Mengen ein. Die Autorin gibt Hinweise, wie der Arzt durch eine geeignete Kommunikation die Compliance verbessern kann.

Die Non-Compliance gehört zu den größten Problemen bei der Arzneimitteltherapie. Bei der Ursachenforschung, warum Patienten ihre Medikamente nicht oder in falschen Mengen einnehmen, stößt man häufig auf die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Diese beinhaltet nicht nur die Information (also das Verstehen), sondern auch die Motivation, die auf dem „Wie“ der Mitteilung und den Begleitumständen beruht.

Die Compliance sinkt bei längeren Wartezeiten, Unfreundlichkeit, Desinteresse des Arztes und ähnlichen Faktoren, die Unmut oder Unlust beim Patienten auslösen. Diese äußert sich allerdings nur in den seltensten Fällen. Meistens „rächt“ sich der Patient, teils unbewusst, indem er empfohlene Verhaltensweisen unterlässt. Das erscheint in der Logik überraschend, weil er dabei gegen sich selbst und seine Gesundheit handelt. Ein enttäuschter Patient agiert aber oft mehr emotional denn rational. Beim Umsetzen des Arztgesprächs kann er selbst entscheiden, er hat Macht und Einfluss. Vorher war er den Umständen ausgeliefert.

Offene Fragen geben eher Hinweise auf Probleme
Es empfiehlt sich, das Gespräch über die Compliance mit einer offenen Frage zu eröffnen: „Wie sind Sie mit der Einnahme zurechtgekommen?“ oder „Wie haben Sie die Medikamente eingenommen?“. Bei der geschlossenen Frage „Haben Sie die Tabletten wie vereinbart eingenommen?“ äußert der Patient öfter ein spontanes „Ja“, als es tatsächlich der Fall ist. Bei der offenen Fragestellung zeigt ein kurzes Zögern und Überlegen dem Arzt bereits, dass die tägliche Einnahme noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Außerdem spricht der Patient Schwierigkeiten mit den Arzneimitteln eher an.

Generell stellt sich die Frage, ob die Ärzte die Grenzen ihrer Verantwortung für den Patienten immer richtig wahrnehmen. Einerseits gibt es die Pflicht zur Erläuterung des Medikationsplans, andererseits sind sie nicht allein für die Gesundheit des Patienten zuständig, er hat selbst die Hauptverantwortung.

An die Sprechweise des Gegenübers angepasstes Formulieren erhöht die Aufnahmefähigkeit. Bei Beschwerdefreiheit ist es für den Patienten oft nicht nachvollziehbar, warum er etwas grundsätzlich und regelmäßig tun soll. Was erreicht oder verhindert der Patient damit? Warum ist es so wichtig? Aufgabe des Arztes ist es dann, dem Patienten klarzumachen, dass er es jetzt in der Hand hat und ganz allein entscheidet, wie es ihm in der Zukunft ergehen wird. Es geht um seine Gesundheit, er nimmt die Medikamente nicht für das Wohlwollen des Arztes ein. Erkennt man das Interesse des Patienten an seinen Präparaten als gesundheitsbewusstes Verhalten an, unterstützt das die Motivation ebenso wie ein freundliches, zugewandtes Auftreten und eine verständliche Ausdrucksweise.

Man weiß heute aus Forschungen in der Psychologie, dass Verlockungen allgemein mehr Effekt haben als Bedrohungen. Daher ist es überflüssig, die Nachteile des Nichteinhaltens des Medikamentenplans zu betonen. Besser: Der Patient versteht, wie groß sein Einfluss auf die eigene Gesundheit ist. Schwärmt Frau Meier etwa vom Spiel mit ihren Enkeln und erzählt dabei, dass sie leider Schwierigkeiten hat, auf dem Boden zu sitzen, könnte der Arzt ihr ausmalen, wie viel besser es gehen wird, wenn sie die Medikamente nimmt. Jemand anderes beklagt vielleicht seit Längerem, dass er bei der Gartenarbeit so kurzatmig ist. Jetzt bekommt er Arzneimittel, die die Herzfunktion unterstützen, den Blutdruck senken et cetera. Er ist noch misstrauisch, „Arzneimittel sind Gift, weiß man ja . . .“. Bei der Besprechung schildert der Arzt, wie er beschwerdefrei neue Pflanzen setzt oder die Obstbäume beschneidet. Auf diese Weise fällt es leichter, der Medikation zu folgen, als wenn es nur aus Angst geschieht. Dr. Thomas Bergner beschreibt Compliance als Leistung, diese korreliert immer mit dem Grad der Selbstbestimmung. Intrinsische Motivation entsteht hier und ist dauerhaft.

Erkenntnisse aus der Gedächtnisforschung
Manchmal vergessen die Patienten die Einnahme, weil der Plan nicht passt. Manche Menschen gehen beispielsweise ohne Frühstück aus dem Haus und sind in der Arbeitspause so abgelenkt, dass die Tabletten in der Tasche bleiben. Der Einnahmeplan ist an die täglichen Abläufe anzupassen, kaum einer ändert wegen der Medikamenteneinnahme seine Gewohnheiten.

Ein paar Ergebnisse aus der Gedächtnisforschung: Patienten, die sich gut an die ärztlichen Instruktionen erinnern konnten, sind dreimal therapiemotivierter als Patienten mit Erinnerungsfehlern. Wer Namen und Applikationsmodus seines Arzneimittels kennt, vergisst seltener die Einnahme. Zwei Erklärungen werden gut erinnert, von vieren wird eine, von acht Erläuterungen die Hälfte vergessen.
Ute Jürgens
E-Mail: www.kommed-coaching.de
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