ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2010Elzacher Notfalltag: Üben für den Ernstfall

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Elzacher Notfalltag: Üben für den Ernstfall

Dtsch Arztebl 2010; 107(1-2): A-53 / B-45 / C-45

Freising, Christiane; Goebel, Ulrich; Schmutz, Axel; Steinmann, Daniel

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Ein realistisches Szenario: Bei Holzarbeiten im Wald erleidet ein Arbeiter ein Schädel-Hirn- Trauma. Da ist auch organisatorisches Geschick der Studierenden gefragt. Foto: privat
Ein realistisches Szenario: Bei Holzarbeiten im Wald erleidet ein Arbeiter ein Schädel-Hirn- Trauma. Da ist auch organisatorisches Geschick der Studierenden gefragt. Foto: privat
Praxistraining statt Theorie: Einmal im Semester organisieren Feuerwehr, Rettungsdienst und das Uniklinikum Freiburg für Medizinstudierende einen Notfalltag.

Die Forderung nach praxisnahen Lehrveranstaltungen ist einer der Kernpunkte der 2002 in Kraft getretenen reformierten Approbationsordnung für Ärzte. Für den Querschnittsbereich Notfallmedizin hat das Freiburger Simulations- und Trainingszentrum (www.simulationszentrum.com) deshalb ein Konzept erarbeitet, das der Komplexität bei der Behandlung von traumatisierten Patienten gerecht wird. Seit 2007 richtet die Anästhesiologische Universitätsklinik Freiburg gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr Elzach und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) den „Elzacher Notfalltag“ aus. Dabei werden unter realistischen Bedingungen Einsatzszenarien simuliert – vom Verkehrsunfall über die Versorgung von Brandverletzten bis hin zur psychiatrischen Notfallsituation.

Die Studierenden sammeln beim Notfalltag Erfahrungen in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Gleichzeitig können sie ihre fachliche Handlungskompetenz unter Beweis stellen. Schauspielpatienten, Simulationspuppen, technisches Gerät und Einsatzfahrzeuge sorgen dabei für ein Abbild möglicher Situationen. Darüber hinaus erhalten die Studenten einen Einblick in die Arbeit von Feuerwehr und Rettungsdienst. Wegen der positiven Resonanz ist der Notfalltag inzwischen fester Bestandteil des Curriculums „Notfallmedizin“ für Medizinstudierende am Universitätsklinikum Freiburg.

Im Rahmen des Notfalltages durchlaufen die Studenten in Kleingruppen acht Stationen mit komplexen Szenarien. Dazu zählen unter anderem ein Sturz in einen Schacht mit Wirbelsäulentrauma (Rettung aus der Tiefe), ein Sturz auf ein Gerüst mit offenen Frakturen (Rettung aus der Höhe), ein Schädel-Hirn-Trauma bei Holzarbeiten im Wald (Unfall in unwegsamem Gelände) und ein Kindernotfall. Die Szenarien sind so gewählt, dass möglichst viele verschiedene, insbesondere traumatologische Notfallsituationen abgebildet sind. Angeleitet werden die Studierenden von Gruppen- und Zugführern der Feuerwehr, Rettungsassistenten des DRK sowie Notärzten der Universitätsklinik. Den Studenten wird somit nicht nur die notfallmedizinische Primärversorgung vermittelt, sondern es spielen auch die organisatorischen Maßnahmen eine Rolle. Am Ende jeder Übung findet eine Nachbesprechung statt.

Die Szenarien stellen zum Teil erhebliche technische und kommunikative Herausforderungen dar. Neben der Auswahl geeigneter Übungsstandorte sind die Bereitstellung von Schauspielpatienten und die Notfalldarstellung durch Mitglieder des Jugendrotkreuzes entscheidend für die realitätsnahe Simulation. Die Studierenden können ihre Kenntnisse aus Vorlesung und Praktikum demonstrieren. Grundlage für die Gestaltung der Notfallsituationen waren die Empfehlungen der Fachgesellschaften zur Versorgung von Traumapatienten.

Neben der Behandlung von polytraumatisierten Patienten sollen die Studenten auch mit der Rettung von eingeklemmten Personen bei einem Verkehrsunfall vertraut gemacht werden. Die Sichtung und Triage bei einem Massenanfall von Verletzten sind ebenfalls wichtige Punkte. Bei der Akutbehandlung von Brandverletzungen kommt ein Kleinkind-Patientensimulator zum Einsatz. Dieser bietet den Studierenden auch die Möglichkeit, invasive Techniken zu trainieren, wie etwa einen intraossären Zugang oder die Intubation. Mit dem Elzacher Notfalltag ist es gelungen, eine Brücke zwischen Theorie und Praxis zu bauen. Die Studierenden bewerten ihn als hilfreiches Angebot, auch wegen des klar strukturierten Tagesablaufs, der guten Betreuung und der realistischen Bedingungen. Aus Sicht der Feuerwehr Elzach bietet die Veranstaltung die Möglichkeit, an einem Tag mehrere Notfallszenarien mit dem Rettungsdienst zu üben.

Die Behandlung lebensbedrohlicher Polytraumata ist ein seltenes Ereignis. Ein bodengebundener Notarzt wird im Durchschnitt nur alle 14 Monate mit der Versorgung eines polytraumatisierten Patienten konfrontiert. Das sollte allerdings kein Grund dafür sein, diese Thematik im Curriculum zu vernachlässigen. Denn eine mangelhafte Behandlung der Betroffenen ist Ursache für eine erheblich erhöhte Mortalität und Morbidität. Realitätsnahe Übungen in einer kontrollierten Umgebung verbessern das Verständnis für die Pathophysiologie eines komplexen Verletzungsmusters und die Anforderungen an die Versorgung.

Seit kurzem liegt den medizinischen Fakultäten ein Curriculum „Katastrophenmedizin“ vor. Ziel ist es, eine katastrophenmedizinische Basisausbildung von Ärzten schon während des Studiums zu etablieren. Entwickelt wurde es unter anderem von der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern und der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin. Beim Notfalltag konnten bereits einige der in diesem Curriculum aufgeführten Themen behandelt werden. Denkbar wären weitere Szenarien mit katastrophenmedizinischem Schwerpunkt, zum Beispiel eine Explosion mit einer Vielzahl von mechanisch und thermisch Geschädigten. Das Konzept des Elzacher Notfalltages kann in jedem Fall schon heute als Vorbild für andere praxisnahe studentische Lehrveranstaltungen dienen.

Dr. med. Christiane Freising, Dr. med. Ulrich Goebel, Dr. med. Axel Schmutz, Dr. med. Daniel Steinmann, Anästhesiologische Universitätsklinik Freiburg
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