ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2010Verfahren gegen Wegberger Klinikärzte: Gutachterliches Wechselspiel

POLITIK

Verfahren gegen Wegberger Klinikärzte: Gutachterliches Wechselspiel

Dtsch Arztebl 2010; 107(1-2): A-20 / B-16 / C-16

Gerst, Thomas

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Weniger kann manchmal mehr sein – zu dieser Einsicht müsste nach dem bisherigen Prozessverlauf auch die Staatsanwaltschaft gekommen sein.

Der Mammutprozess gegen den ehemaligen Chefarzt und Eigentümer der Wegberger Klinik und fünf weitere Ärztinnen und Ärzte (dazu DÄ, Heft 48/2009) am Landgericht Mönchengladbach geht ins neue Jahr. Der Vorsitzende Richter kündigte in der Verhandlung am 17. Dezember für den Jahresbeginn 2010 ein Rechtsgespräch an, bei dem alle Verfahrensbeteiligten außerhalb der Hauptverhandlung Gelegenheit haben, ihre Einschätzung des bisherigen Prozessverlaufs einzubringen. In aller Regel weist der Richter bei dieser Gelegenheit schon einmal auf Verfahrensprobleme und Erfolgsaussichten einer Klage hin. Beim bisherigen Verlauf der Hauptverhandlung, bei der es ausschließlich um den Fall der am 30. März 2006 im Krankenhaus Wegberg verstorbenen Margarethe W. ging, mag es durchaus sein, dass der Richter seinen Unmut darüber ausdrücken wird, mit welcher Vielzahl unnötiger Anklagepunkte das Verfahren beschwert wurde.

Nicht verwertbare Aussagen
Zwar gibt es nach den bisherigen Zeugenaussagen und Gutachten Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten vor allem des Hauptangeklagten Dr. med. Arnold P., allerdings scheint noch offen, ob und in welchem Umfang dies justiziabel ist. Eine Selbstbeschränkung der Staatsanwälte bei der Anklageerhebung wäre angemessen gewesen und hätte der in der Folge häufig maßlosen Sensationsberichterstattung von vornherein den Nährboden entzogen.

Ein Freispruch der zwei Angeklagten, deren Verfahren in der Sitzung am 7. Januar abgetrennt werden sollen, da sie nur am Komplex um Margarethe W. beteiligt waren, ist wahrscheinlich. Dem Prozessbeobachter erschließt sich aus dem bisherigen Prozessverlauf kein strafwürdiges Verhalten. Überhaupt – dass die fünf Ärztinnen und Ärzte neben dem Hauptangeklagten auf der Anklagebank sitzen, scheint der Sache der Staatsanwaltschaft wenig förderlich. Deren frühere, angeblich den ehemaligen Chefarzt belastende Zeugenaussagen dürfen nicht in den Prozess eingebracht werden, da ihnen als Beschuldigte ein Zeugnisverweigerungsrecht zugestanden hätte; eine Belehrung darüber war jedoch nicht erfolgt.

Am 10. und 17. Dezember hatten die medizinischen Gutachter das Wort. Es ging um das Behandlungsgeschehen bei Margarethe W. insgesamt und um die Verwendung von Zitronensaft bei der Wundbehandlung im Speziellen. Dem Zuhörer fällt danach die Bewertung der Sachverhalte nicht leichter. „Ich kann nicht verstehen, wie jemand behaupten kann, dass es durch Einbringen von Zitronensaft zu einer explosionsartigen Ausbreitung von Bakterien kommt“, sagte der Mikrobiologe von der Abteilung für angewandte Mikrobiologie am Biozentrum Basel, Schweiz. Er selbst habe sich im Experiment von der Sterilität frisch gepressten Zitronensafts und dessen 99,9-prozentiger Wirksamkeit gegen Darmbakterien überzeugen können. „Beim Gebrauch einer handelsüblichen Zitrone ist Keimfreiheit nicht gewährleistet“, wandte der Leiter des Zentralbereichs für Krankenhaushygiene und Infektiologie am Universitätsklinikum Aachen ein. Ihm sei der Einsatz von Zitronensaft zur Wundbehandlung völlig unbekannt. Welchen Einfluss die Verwendung von Zitronensaft im konkreten Fall der Margarethe W. gehabt habe, könne er aber nicht genau sagen; vorstellbar sei, dass dies einer weiteren Verschlimmerung Vorschub geleistet habe. Eine nur äußerliche Anwendung hätte wahrscheinlich keine schlimmen Auswirkungen. Allerdings lägen hierzu keine Studien und Daten vor.

Schicksal oder Pfusch?
Auch die beiden Gutachter zum Fall Margarethe W. kamen zu gegensätzlichen Bewertungen. „Vorbereitung und Durchführung der Darmoperation erfolgten nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst“, stellte der von der Staatsanwaltschaft bestellte Gutachter fest. Aufgrund der Indikation hätte die Operation nicht direkt, sondern erst nach Abklärung aller Befunde stattfinden dürfen. Beim Revisionseingriff, der früher hätte durchgeführt werden müssen, sei vermutlich etwas Restsigma ohne Durchblutung im Bauch verblieben, was die Sepsis ausgelöst habe. Dass perioperativ keine Antibiotika gegeben worden seien, entspreche nicht den aktuellen Leitlinien: „Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas noch gemacht wird.“ Auf Nachfrage musste er allerdings einräumen, dass Leitlinien nicht bindend sind.

Für den Gutachter der Verteidigung stellt sich der Tod der Patientin als ein schicksalhaftes Geschehen dar. Zu vermuten sei eine allgemeine Minderdurchblutung des Darms. Bei einer Sigma-Teilresektion könne es zudem zu einer versehentlichen Unterbrechung der Blutzufuhr kommen. Die behandelnden Ärzten seien zunächst von einer äußerlichen Wundinfektion ausgegangen, so dass man sich erst nach einer Woche zur erneuten Operation entschlossen habe.

Thomas Gerst
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