ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2010Immuntherapie gegen Malignome: Beugt Impfung dem Rezidiv vor?

PHARMA

Immuntherapie gegen Malignome: Beugt Impfung dem Rezidiv vor?

Dtsch Arztebl 2010; 107(1-2): A-44

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Systemische Therapien sollen bei Krebspatienten auch die minimale Resterkrankung kontrollieren, dennoch sind Rezidivraten bei bestimmten Tumoren wie Lungenkrebs hoch. Neuartige Immuntherapien könnten eine Lücke schließen helfen.

Der Bedarf an neuen, gut verträglichen Konzepten für die Behandlung von Patienten mit Malignomen ist groß: Die Anzahl der Krebsneudiagnosen werde weiter zunehmen, auch in den Industrienationen, so die Welt­gesund­heits­organi­sation, und nennt als entscheidenden Grund die demografische Entwicklung. Höheres Erkrankungsalter bedeutet auch höhere Komorbidität: Allein beim Lungenkarzinom, Krebstodesursache Nummer eins in Europa, müssten circa 30 Prozent der Patienten auf eine adjuvante Chemotherapie wegen Unverträglichkeit verzichten, sagte Prof. Dr. med. Michael Thomas (Thoraxklinik Heidelberg) beim europäischen Krebskongress in Berlin. Ohne postoperative Behandlung aber liegt die Fünfjahresüberlebensrate beim nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) – es macht circa 85 Prozent der Lungentumoren aus – zwischen 67 Prozent (Stadium IA) und 23 Prozent (Stadium IIIA). Aber selbst mit adjuvanter Chemotherapie, die die subklinischen Mikrometastasen zerstören soll, sind die Rezidivraten mit 20 bis 60 Prozent hoch.

Mikrometastasen im Visier der Impfung gegen MAGE-A3
Solche disseminierten Tumorzellen sind Ziel einer neuartigen Immuntherapie, deren Effektivität und Sicherheit in der bislang größten klinischen Studie mit NSCLC-Patienten untersucht wird: 2 270 Probanden mit komplett resezierten Tumoren (Stadien IB bis IIIA) sollen in die placebokontrollierte MAGRIT-Studie (Phase III) aufgenommen werden. Nach der Operation – bei einem Teil der Patienten gefolgt von einer adjuvanten Chemotherapie – erhalten die Patienten entweder das gentechnisch hergestellte tumorspezifische Antigen MAGE-A3 oder Placebo. Geimpft wird zunächst fünfmal im Abstand von drei Wochen, es folgen acht Erhaltungsimpfungen im Abstand von jeweils drei Monaten. Außerdem wird ein von Glaxosmithkline entwickeltes Adjuvans (auf Basis eines CpG-Oligonukleotids) gegeben. Primärer Endpunkt ist das krankheitsfreie Überleben.

„Zu den Einschlusskriterien gehört, dass die Tumoren das MAGE-A3-Protein überexprimieren, das ist bei circa 35 Prozent der Patienten mit NSCLC der Fall“, erläuterte Prof. Dr. med. Rafal Dziadziuszko (Gdansk, Polen). „Es gibt eine Korrelation zwischen der Expression dieses Biomarkers und der Prognose“, sagte Dziadziuszko. „Je höher die Dichte der MAGE-A3-Proteine auf den Tumorzellen ist, desto geringer ist das Gesamtüberleben.“ Da der neue Ansatz nur auf Patienten mit MAGE-A3-positiven Tumoren abziele, gehöre er in den Bereich der personalisierten Therapie in der Onkologie. MAGE-A3 wird in Melanomen, NSCLC, Blasenkarzinomen und Kopf-Hals-Tumoren nachgewiesen, nicht jedoch in normalem Gewebe.

„Frühere Studien mit diesem Ansatz hatten ermutigende Ergebnisse“, berichtete Prof. Dr. med. Sylvia Adams (New York). Offenbar würden tumorspezifische humorale und zelluläre Immunantworten induziert mit einem Trend zu längerem krankheitsfreiem Überleben in einer Phase-II-Studie mit 182 Patienten, bei denen ein NSCLC in den Stadien IB oder II vollständig reseziert worden war. Weltweit beteiligen sich mehr als 400 Zentren an der Studie, in Deutschland sind es mehr als 50. Die Studie ist Teil eines umfassenden Entwicklungsprogramms von Glaxosmithkline auf dem Gebiet der antigenspezifischen Krebsimmuntherapien.

In Immuntherapien gegen Malignome setzt die Wissenschaft große Hoffnung: Sie könnten die im Allgemeinen multimodale Behandlung von Krebspatienten ergänzen, bei der zunehmend tumor- und patientenspezifische Biomarker berücksichtigt werden.

Hemmung der Angiogenese parallel über drei Faktoren
Zu den Biomarkern gehören Faktoren, die die Angiogenese stimulieren wie der vaskuläre endotheliale Wachstumsfaktor (VEGF), der Platelet derived Growth Factor (PDGF) oder c-kit, eine in der Zellmembran verankerte Tyrosinkinase. Die Überexpression dieser die Blutgefäßneubildung fördernden Faktoren ist mit der Progression von vielen verschiedenen Tumorentitäten assoziiert: vom malignen Melanom, über gastrointestinale Tumoren und solche des weiblichen und männlichen Urogenitaltrakts. Der Tyrosinkinaseinhibitor Pazopanib interferiert mit den Rezeptoren von VEGF, PDGF und c-kit. In einer randomisierten Phase-III-Studie mit 435 Patienten, die an fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom litten, hat Pazopanib die progressionsfreie Überlebenszeit um 54 Prozent verlängert: von 4,2 Monaten unter Placebo auf 9,2 Monate unter Verumbehandlung. Die Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMEA sei beantragt, teilte das Unternehmen mit.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

MAGRIT für MAGE-A3 Adjuvant Non Small Cell Lung Cancer Immuno Therapy - Weitere Informationen zur MAGRIT-Studie unter: www.lungenkrebs-studie.de
Veranstaltung: New Therapeutic Approaches in Resected NSCLC beim Kongress der European Society for Medical Oncology in Berlin, Glaxosmithkline
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema