ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2010Von schräg unten: Vorsatz

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Vorsatz

Dtsch Arztebl 2010; 107(1-2): [128]

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Dr. med. Thomas Böhmeke
Das Neue ist immer das Bessere – dieses Prinzip der Vorschusslorbeeren hält sich genauso fest in den Köpfen wie ein alter Kaugummi an der Schuhsohle. Der neue Minister kann alles besser, wenn er nur auf den Dienstwagen aufpasst; das neue Medikament ist garantiert nebenwirkungsfrei, solange man die Beipackzettel nicht liest; die neuen Banken werden künftig alles besser machen, na ja, sie haben letztes Jahr auch Milliarden Steuergelder bekommen, damit das gelingt. Das neue Jahr soll auch immer besser werden als das alte, und um dies zu gewährleisten, wurde das Prinzip des Vorsatzes erfunden. Viele edle Vorhaben müssen es sein, die Alltag und Aktivitäten durchdringen, Kraft und Energie spenden, Flügel für die Zukunft verleihen; per aspera ad astra. Nun hat es mit meinen Vorsätzen die letzten Jahre etwas gehapert, genauer: Sie frakturierten frühzeitig. Aus der Vergangenheit lernen heißt, in der Zukunft weniger zu stolpern, also versuche ich, meine Vorsätze möglichst realistisch zu formulieren. Denn Vorsätze haben etwas ausgesprochen Flüchtiges, daher gilt es, sie für das neue Jahr gleichsam in Ketten zu legen wie einen Paradiesvogel in die Pflicht zu nehmen.

Also: Ich nehme mir vor, mir mehr Zeit für Gespräche mit meinen Patienten zu nehmen. Das halte ich aber höchstens die ersten zwei Monate des Quartals durch, dann ist das Regelleistungsvolumen erschöpft und damit meine Redekraft. Daher sollte ich mir lieber sorgfältig die Krankenkassenverträge durchlesen; was ich machen darf (ziemlich wenig), und was ich dafür tun muss (ziemlich viel), um mein Einkommen aufzubessern (aber nur ein winziges bisschen). Wenn ich tapfer bin, halte ich diesen Vorsatz bis Februar durch. Stattdessen sollte ich mir endlich Mühe geben, meine Quartalsabrechnungen zu verstehen. Gut, das Problem stellt sich nur viermal im Jahr 2010, aber ob 365 Tage für das tiefere Verständnis ausreichen? Ich schlage mir das aus dem Kopf, plane etwas Besseres: Ich werde meinen Terminkalender sorgfältig führen und keine Veranstaltungen mehr verpassen. Letztes Jahr hat das nur bis März geklappt, vielleicht schaffe ich es diesmal bis Juni. Oder doch lieber nur bis April. Man darf nie übertreiben, denn Hybris ist der Eisprung aller Katastrophen, wie wir aus der Bankenkrise gelernt haben.

Es ist erst Januar, und trotz des knackig frischen Jahres sehe ich, wie meine Vorsätze so haltbar sind wie die Kleider im Mottenschrank.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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