ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2010Depression: Psychotherapie empfohlen

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Depression: Psychotherapie empfohlen

PP 9, Ausgabe Januar 2010, Seite 7

Meißner, Marc

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Seit November 2009 liegt die neue S3-Leitlinie zur Behandlung der unipolaren Depression vor. Diese empfiehlt eine Psychotherapie, die je nach Schweregrad der Erkrankung mit der Gabe von Antidepressiva kombiniert wird.

Unter der Federführung der Universität Freiburg und des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ) hat im Juli 2005 die Entwicklung einer neuen Leitlinie zur Behandlung von Depressionen begonnen. Die Therapie von depressiven Patienten habe sich zwar verbessert, erläuterte Prof. Dr. med. Mathias Berger von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). „Optimal abgestuft und abgestimmt zwischen haus-, fachärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung sind Diagnostik und Therapie aber immer noch nicht.“ Deshalb habe die DGPPN das Leitlinienprojekt ins Leben gerufen, so Berger. Insgesamt wurden dazu 1 232 Veröffentlichungen gesichtet und 30 Fachgesellschaften und Organisationen einbezogen. Der Aufwand hat sich gelohnt: Nach mehr als vier Jahren Studienauswertungen, Diskussionen von Empfehlungen und Abstimmungen von Inhalten konnte 2009 beim Kongress der DGPPN die neue S3-Leitlinie vorgestellt werden. Sie umfasst 107 Empfehlungen und Stellungnahmen zur Prävention, Diagnostik und Behandlung unipolarer Depressionen. Darüber hinaus wurden sektorenübergreifende Aspekte berücksichtigt, so dass die S3-Leitlinie auch als Nationale Versorgungsleitlinie anerkannt ist.

Die neuen Empfehlungen sehen bei leichten depressiven Episoden eine aktiv-abwartende Begleitung vor. Erst wenn sich nach zwei Wochen die Symptome nicht gebessert haben, soll mit einer entsprechenden Therapie begonnen werden – es sei denn, der Patient wünscht eine frühere Behandlung. „Dass Arzt und Patienten zusammen entscheiden sollen, zieht sich als roter Faden durch die gesamte Leitlinie“, betonte Berger.

Bei leichten bis mittelschweren Erkrankungen ist eine Psychotherapie vorgesehen. Sie wird in diesen Fällen der Gabe von Antidepressiva gleichgestellt. Die Leitlinie empfiehlt erst bei akuten mittelschweren Depressionen dem Patienten Antidepressiva anzubieten. Leidet ein Patient unter akuten schweren Depressionen, Dysthymie, Double Depression und chronischen Krankheitsbildern, ist eine Kombinationstherapie von Antidepressivum und Psychotherapie indiziert. Dieter Best, Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, begrüßt diese stärkere Gewichtung der Psychotherapie: „Bei allen Schweregraden und allen Formen der Depression ist nach der neuen Leitlinie eine Psychotherapie angezeigt“, erklärte er. „Das ist neu.“

Im Gegensatz zu anderen Leitlinien, die die kognitive Verhaltenstherapie oder interpersonelle Psychotherapie bei depressiven Patienten empfehlen, sind in der S3-Leitlinie keine Therapieverfahren vorgegeben. Der Evidenzgrad der verschiedenen Psychotherapien ist jedoch in Tabellen zusammengefasst. Anhand dieser kann sich der Therapeut schnell über die aktuelle Studienlage, beispielsweise zur Akuttherapie bei mittelschweren Depressionen, informieren.

Indikatoren weisen auf nötigen Therapiewechsel hin
Neu sind auch die sogenannten red flags. Damit sind Indikatoren gemeint, anhand derer der behandelnde Arzt erkennen kann, wann die Therapie geändert oder der Patient überwiesen werden sollte. So wird zum Beispiel empfohlen, nach drei bis vier Wochen erfolgloser Behandlung das therapeutische Vorgehen zu ändern. Zeigt die Therapie des Hausarztes nach sechs Wochen keine Wirkung, sollte der Patient überwiesen werden.

Mit der Veröffentlichung der S3- beziehungsweise Nationalen Versorgungsleitlinie ist das Projekt jedoch nicht beendet: DGPPN und ÄZQ, die weiterhin gemeinsam für das Projekt verantwortlich sind, kündigten an, die gesamten Empfehlungen alle vier Jahre in einer überarbeiteten Fassung neu herauszugeben.
Dr. rer. nat. Marc Meißner
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