ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2010Pro-Anorexie- und Pro-Bulimie-Websites: Anstiftung zu Essstörungen

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Pro-Anorexie- und Pro-Bulimie-Websites: Anstiftung zu Essstörungen

PP 9, Ausgabe Januar 2010, Seite 18

Sonnenmoser, Marion

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Beeinflussung durch Online-Communities – Mager- und Ess- Brechsüchtige verherrlichen ihre Krankheit in Internetforen und stiften darüber zu Essstörungen an. Foto: Fotolia
Beeinflussung durch Online-Communities – Mager- und Ess- Brechsüchtige verherrlichen ihre Krankheit in Internetforen und stiften darüber zu Essstörungen an. Foto: Fotolia
Immer mehr essgestörte Mädchen und junge Frauen haben die Anonymität des Internets für sich entdeckt: Allerdings warnen sie nicht vor den Gefahren ihrer Krankheit, sondern verherrlichen diese.

Magersucht (Anorexie) und Essbrechsucht (Bulimie) sind unter jungen Menschen weit verbreitet. Schätzungsweise ein Fünftel der Jugendlichen ist mehr oder weniger stark davon betroffen. Ein Weg in die Essstörungen führt über sogenannte Pro-Anorexie- und Pro-Bulimie-Seiten im Internet. Sie werden hauptsächlich von essgestörten jungen Frauen betrieben und besucht, die die verschiedenen Kommunikationsformen des Internets wie Foren, Chatrooms, E-Mail und Blogs für sich entdeckt haben, um sich abgeschottet vom Rest der Welt zu treffen, auszutauschen und über Essstörungen zu informieren. Allerdings geht es nicht darum, sich gegenseitig vor den Gefahren von Essstörungen zu warnen und sich bei deren Überwindung zu unterstützen – im Gegenteil: Die Websites dienen dazu, sich selbst und andere noch tiefer in die Erkrankung hineinzutreiben. Dazu ist den Betroffenen offenbar jedes Mittel recht. Beispielsweise sind die Web-sites meist liebevoll und zielgruppenkonform gestaltet, und die Erkrankungen werden personifiziert: Anorexie wird als beste und gestrenge Freundin „Ana“ dargestellt, Bulimie als „Mia“. Kanadische Kinder- und Jugendpsychiater, die 60 derartige Websites analysiert haben, listen außerdem folgende Elemente auf, die sich regelmäßig auf den Websites wiederholen:

• Lifestyle: Magersucht und Bulimie werden verharmlost und als Selbstverwirklichung, als Subkultur oder als Lebensstil dargestellt, der von den Betroffenen bewusst gewählt und beibehalten wird. Hilfe und fachkundige Beratung werden abgelehnt, der Tod durch Verhungern wird in Kauf genommen.

• Verherrlichung des mageren Körpers: Das Schönheitsideal besteht in einem bis aufs Skelett abgemagerten Körper, der kaum Fett mehr enthält. Die Haut sollte blass und durchscheinend sein, die Wangen sollten einfallen, Wangen- und Hüftknochen, Gelenke, Rippen, Adern und Sehnen sollten hervortreten, der ganze Körper sollte filigran und zerbrechlich wirken.

• Sacred texts („heilige Texte“): Brief von und an Ana beziehungsweise Mia (Manifeste der Pro-Anorexie- und Pro-Bulimie-Bewegungen), Zehn Gebote (zum Beispiel dünn sein ist wichtiger als gesund sein), Glaubensbekenntnis, Psalm (religionsähnliche Glaubensregeln und Gebete, durch die die Krankheiten gefeiert, den Pro-Anorexie- und Pro-Bulimie-Bewegungen gehuldigt und das Daran-Festhalten gelobt werden).

• Gesetze und Gebote: feste Regeln und Verhaltensanweisungen unter anderem zu Ess- und Sozialverhalten, Geheimhaltung, Wiegen.

• Motivationsverträge und „Thinlines“: Sätze und Zitate, um sich zum Abnehmen und Hungern zu motivieren.

• „Thinspiration“: Fotos, künstlerische Darstellungen und Videos von untergewichtigen Stars und Models, die häufig mit Bildbearbeitungsprogrammen zusätzlich auf ein extrem abgemagertes Aussehen retuschiert wurden; Fotos von Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Magersucht; zur Abschreckung dienen Fotos von fettleibigen Menschen (Anti-Thinspiration).

• Abbildungen und Hinweise auf Schmuck und Accessoires, die die Betroffenen tragen sollen, um stets an Verbote und Gelübde erinnert zu werden (zum Beispiel rotes Armband, genannt „Ana“-Armband).

• BMI-Rechner und Kalorientabellen.

• Foren: Austausch über Ernährung, Diäten, Abführmittel und Tipps; gegenseitige Animation zur weiteren Gewichtsreduktion. Neben BMI-Rankings werden in einigen Foren Fastenwettbewerbe organisiert. Viele Nutzer dokumentieren in einem Tagebuch ihr Essverhalten und ihren Gewichtsverlauf. Foren werden auch genutzt, um einen unterstützenden Twin (Partner mit gleichen Körpermaßen und Alter) zum weiteren Abnehmen zu suchen.

• Gedichte, Tagebücher und Kurzgeschichten zu Körpergefühl, Selbstbild und Erlebnissen mit Essstörungen; weitere Inhalte: Kontrolle über den Körper, Erfolgserlebnisse, Selbstdisziplin und -überwindung, Perfektionismus, positiv empfundene Veränderungen des Körpers, Solidarität mit anderen Betroffenen, Selbsterhöhung und -überschätzung.

• Links zu anderen Pro-Ana- und Pro-Mia-Seiten, Buchtipps.

• Einen Großteil der Websites nimmt die Rubrik „Tipps und Tricks“ ein. Dabei handelt es sich um Ratschläge, wie man immer weiter abnehmen beziehungsweise unbemerkt erbrechen und die Essstörungen vor Ärzten, Eltern und Freunden verheimlichen kann. Beispielsweise werden Abführmittel, Diätpillen, Hungerkuren und (teilweise gefährliche) Medikamente empfohlen; es gibt Listen mit extrem kalorienarmen Nahrungsmitteln, und es wird auf Sportarten und Verhaltensweisen (zum Beispiel nicht still sitzen) hingewiesen, bei denen möglichst viel Energie verbraucht wird. Es wird verraten, wie man sich von quälendem Hunger ablenken oder am effektivsten Magen und Darm entleeren kann. Es fehlt auch nicht an Fakten, beispielsweise wann der Körper die Fettreserven angreift. Da Essstörungen in der Regel verschwiegen und verheimlicht werden, gibt es zahlreiche Geheimhaltungstipps. Beispielsweise wird empfohlen, sich zu verhüllen und mehrere Schichten Kleidung zu tragen, damit die Magerkeit nicht auffällt. Oder es wird dazu geraten, Lebensmittel wegzuwerfen und zu behaupten, sie gegessen zu haben. Magersüchtigen, die unfreiwillig in Behandlung sind, wird empfohlen, vor dem Wiegen künstlich ihr Gewicht zu erhöhen, um ihr wahres Körpergewicht zu verschleiern. Hierzu dienen beispielsweise Steine in den Taschen, schwere Schuhe und Gürtel, Wasser im Magen oder Münzen im Büstenhalter. Ess-Brechsüchtigen wird geraten, zu behaupten, sie wären erkältet, wenn ein Arzt sie auf ihre entzündete Mund- und Halspartie anspricht.

Die Websites gleichen Hochsicherheitsgefängnissen
Pro-Anorexie- und Pro-Bulimie-Websites gleichen Hochsicherheitsgefängnissen: Man kommt weder hinein noch hinaus. Wer einmal darin gefangen ist, verfällt immer mehr ihrem Sog und schafft es kaum noch aus eigener Kraft, sich daraus zu befreien. Neue Besucher werden jedoch durch Warnungen abgeschreckt, denn die Communities wollen unter sich bleiben. Wer dennoch hartnäckig bleibt, muss sich einer „Gewissensprüfung“ unterziehen – einem Aufnahmetest, bei dem er glaubhaft versichern muss, dass er essgestört ist und dies auch bleiben will. „Auch wenn der Zugang erschwert ist, sollten sich alle, die mit Essgestörten zu tun haben, die Mühe machen und sich mit diesen Websites auseinandersetzen“, raten Psychologen um Dr. Jenni Harshbarger von der Clemson University/USA und sprechen damit nicht nur Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzte, sondern auch Eltern und Lehrer an. Die Websites erlauben nach Meinung der Wissenschaftler weitreichende Einblicke in die Gedanken, Einstellungen, Fantasien, Motive, Emotionen und Verhaltensweisen Essgestörter. Sie schulen den Blick für deren Ausreden, Signale und Strategien und ermöglichen es somit, Essstörungen frühzeitig zu erkennen und den schädlichen Einfluss der Pro-Ana- und Pro-Mia-Communities zu stoppen.

Wie gefährlich diese Seiten sein können, zeigen neueste Studien: Essgestörte Mädchen, die längere Zeit in den Communities verkehrten, waren im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen unzufriedener mit ihrem Körper und fühlten sich eher zu dick. Sie verglichen sich häufiger mit anderen und waren stärker essgestört. Sie berichteten über mehr negative Emotionen und waren wenig selbstbewusst. Nur in den Communities fühlten sie sich geborgen, unterstützt und verstanden. Von der restlichen Welt, von Familie, Freunden und Mitschülern, zogen sie sich hingegen völlig zurück. Krankheitseinsicht und Realitätssinn waren ihnen abhanden gekommen. Nach Meinung von Wissenschaftlern und Jugendschützern ist das „Wir-Gefühl“, das die Communities suggerieren, lebensbedrohlich und möglicherweise mitverantwortlich für die vielen unbehandelten Fälle und für die 15 bis 20 Prozent Magersüchtigen, die aufgrund der Erkrankung sterben. Denn über die Internetangebote bestätigen sich die Betroffenen gegenseitig darin, an ihrem Lebensstil festzuhalten. Pathologisches Verhalten wird belohnt und verstärkt. Widerspruch, Kritik und ein differenzierter Austausch über Essstörungen werden hingegen vermieden, die Folgen werden verschwiegen und die Erkrankungen geleugnet. Dies hindert Essgestörte daran, sich fachkundige Hilfe zu suchen, behandeln zu lassen und gesund zu werden. Pro-Anorexie- und Pro-Bulimie-Websites beeinflussen jedoch nicht nur psychisch Erkrankte, sondern verführen auch Gesunde. So berichten beispielsweise Psychologen von der Katholischen Universität Leuven/Niederlande: „Junge Mädchen, die Pro-Ana-Seiten betrachteten, waren anschließend unzufriedener mit ihrer Figur und wollten unbedingt abnehmen.“

Pro-Ana- und Pro-Mia-Websites verstoßen massiv gegen das Jugendschutzgesetz und stellen eine „Anstiftung zu Essstörungen“ dar. Ihre Gefährlichkeit veranlasste bereits Experten auf der ganzen Welt zu Warnungen und Aufrufen, die Websites zu sperren und zu verbieten. Die bisherigen Maßnahmen konnten die Websites jedoch noch nicht aus der Welt schaffen. Weitere Bemühungen um Aufklärung und das Verbot dieser Websites sind dringend geboten, denn allein in Deutschland gibt es bereits mehrere Hundert, und es werden ständig mehr.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Dr. Jenni Harshbarger, Clemson University, Box 344022, Clemson, SC 29634-4022 (USA), E-Mail: jahrshb@demson.edu
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1.
Custers K, Van den Bulck J: Viewership of pro-anorexia websites in seventh, ninth and eleventh graders. Eur Eat Disord Rev 2009; 17(3): 214–9.
2.
Harshbarger J et al.: Pro-anorexia websites: What a clinician should know. International Journal of Eating Disorders 2009; 42(4): 367–70.
3.
Norris M: Ana and the internet: A review of pro-anorexia websites. Journal of Eating Disorders 2006: 39(6): 443–7.
4.
Rauchfuß K: Abschlussbericht der Recherche zu Pro-Anorexie-Angeboten. Mainz: Jugendschutz-net 2008.
5.
Tierney S: The dangers and draw of online communication: Pro-anorexia websites and their implications for users, practitioners, and researchers. Eating Disorders 2006; 14(3): 181–90
1. Custers K, Van den Bulck J: Viewership of pro-anorexia websites in seventh, ninth and eleventh graders. Eur Eat Disord Rev 2009; 17(3): 214–9.
2. Harshbarger J et al.: Pro-anorexia websites: What a clinician should know. International Journal of Eating Disorders 2009; 42(4): 367–70.
3. Norris M: Ana and the internet: A review of pro-anorexia websites. Journal of Eating Disorders 2006: 39(6): 443–7.
4. Rauchfuß K: Abschlussbericht der Recherche zu Pro-Anorexie-Angeboten. Mainz: Jugendschutz-net 2008.
5. Tierney S: The dangers and draw of online communication: Pro-anorexia websites and their implications for users, practitioners, and researchers. Eating Disorders 2006; 14(3): 181–90

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