ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2010Computerangst: Ein weit verbreitetes Phänomen

WISSENSCHAFT

Computerangst: Ein weit verbreitetes Phänomen

PP 9, Ausgabe Januar 2010, Seite 32

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Die Betroffenen haben Angst, sich mit Computern auseinanderzusetzen. In der heutigen Zeit kommt man in Beruf und Freizeit kaum noch um die moderne Technik herum.

Panik durch Computer – Menschen, die sich durch Rechner überfordert oder hilflos fühlen, können im Extremfall Aversionen, Ängste oder Phobien entwickeln. Foto: Fotolia
Panik durch Computer – Menschen, die sich durch Rechner überfordert oder hilflos fühlen, können im Extremfall Aversionen, Ängste oder Phobien entwickeln. Foto: Fotolia
Fast in allen Bereichen des Lebens spielen Computer heutzutage eine Rolle. Man findet sie in Büros und Produktionsstätten, in Form von Microchips in Handys, Bank- und Fahrkartenautomaten und in vielen anderen Geräten. Ihre Omnipräsenz erfordert es, mit ihnen umgehen zu können, ansonsten gerät man schnell ins Abseits und erleidet in Schule, Beruf und Alltag viele Nachteile.

Für Ältere ist der Umgang mit Rechnern oft schwierig
Die Bereitschaft, sich mit Computern aller Art auseinanderzusetzen und den Umgang mit ihnen zu erlernen, hängt vom Alter ab. Während Computer für die meisten Personen, die ab den 1980er Jahren geboren wurden, eine Selbstverständlichkeit sind, weil sie mit ihnen aufwachsen und die Welt ohne sie nicht kennen, haben ältere Generationen mit Computern so ihre Probleme. Für sie sind Computer etwas Kompliziertes und schwer Begreifliches. Sie gewöhnen sich nur langsam daran, und finden den Sprung von „analog“ zu „digital“ und von „real“ zu „virtuell“ anstrengend. Letztlich trauern sie der Zeit nach, als noch alles ohne Computer funktionierte. Die Fortschritte, die die Computertechnologie mit sich bringt, übersehen sie dabei gern. Allerdings sind nicht alle älteren Personen Computern gegenüber ängstlich oder negativ eingestellt. Verschiedene Studien zeigen, dass sich relativ viele Senioren für die Möglichkeiten, die Computer bieten, sehr interessieren. Sie wollen mit der neuen Technologie Schritt halten, am modernen Leben teilhaben und trauen sich durchaus zu, die Computerwelt zu erobern.

Ob das Geschlecht ausschlaggebend für die Bereitschaft ist, Computer zu benutzen, ist umstritten. Es heißt zwar, dass Frauen eher vor Computern und modernen Technologien zurückscheuen als Männer, eindeutig empirisch nachgewiesen wurde diese Vermutung aber bisher nicht. Der Unterschied besteht vielmehr darin, dass sich das weibliche Geschlecht im Technikbereich weniger zutraut, seine Leistungen her-unterspielt, unterschätzt oder nicht erkennt und sich eher zurückhält als das männliche. Im Umgang mit Computern sind Mädchen und Frauen nachweislich jedoch genauso geschickt und kompetent wie Jungen und Männer.

Gegenüber Computern ist kaum jemand gleichgültig. Den einen macht der Umgang mit ihnen Spaß, sie fühlen sich durch Computer bereichert, angeregt und gut unterhalten und sehen vorwiegend die nützlichen Aspekte. Andere wiederum ärgern sich über die Geräte oder fühlen sich hilflos und überfordert. Im Extremfall können sich negative Einstellungen und Emotionen gegenüber den Rechnern bis hin zu starken Aversionen, Ängsten, Phobien und Panikanfällen steigern. Sie werden in der Regel unter dem Begriff „Computerangst“ zusammengefasst.

Computerangst wird in der populärwissenschaftlichen Literatur als weit verbreitetes Phänomen beschrieben. Angeblich leiden 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung darunter. Die Betroffenen zittern oder bekommen Schweißausbrüche beim Anblick von Computern. Sie weigern sich, die Geräte zu berühren oder sich damit zu befassen. Sie leiden unter erheblicher Angst, Computer nicht zu begreifen, zu versagen und Fehler zu machen. Sie fürchten sich vor Kontroll- und Selbstwertverlust im Umgang mit Computern. Außerdem befürchten sie, sich eine Blöße zu geben und sich vor anderen zu blamieren. Nach Meinung britischer Psychologen sind einige der genannten Symptome der Computerangst mit den Symptomen spezifischer Phobien (zum Beispiel Spinnenphobie) und sozialer Phobien vergleichbar.

Computerangst kann behandlungsbedürftige Ausmaße annehmen, allerdings liegen noch keine etablierten Behandlungsprogramme vor. Es gibt jedoch zahlreiche Vorschläge und erste evaluierte Interventionen, die verschiedene Möglichkeiten aufzeigen und sowohl von Betroffenen als auch von Lehrern, Trainern und Psychologen genutzt werden können.

Zum Beispiel kann an den Einstellungen angesetzt werden. Negative Einstellungen gegenüber Computern steigern die Computerangst, erhöhen den Widerstand, sich mit Computern zu befassen, und behindern Lernprozesse. Sie werden manchmal übernommen (zum Beispiel von den Eltern), meistens entwickeln sie sich jedoch nach negativen Erfahrungen. Schon eine negative Erfahrung kann ausreichen, um das Verhältnis zu Computern nachhaltig zu beeinträchtigen. Negative Einstellungen verschwinden nicht von selbst und werden noch ausgeprägter, wenn weitere negative Erfahrungen mit Computern hinzukommen. Interventionen müssen daher darauf abzielen, negative Einstellungen umzuwandeln, indem positive Erfahrungen ermöglicht werden. Die Lernatmosphäre spielt dabei eine wesentliche Rolle. Beispielsweise hat es sich als vorteilhaft erwiesen, Computerängstliche frei von Zeit- und Leistungsdruck an die Geräte heranzuführen. Dem natürlichen Spieltrieb und der Neugier wird dabei viel Raum gelassen. Sie werden motiviert, den Computer auf ihre Weise zu entdecken und verschiedene Anwendungsmöglichkeiten zwanglos auszuprobieren, wie zum Beispiel surfen und mailen, chatten und spielen. Hier können sich bereits erste Erfolgserlebnisse einstellen, die die Selbstwirksamkeitserwartungen im Umgang mit Computern erhöhen. Lehrer und Trainer sollten zu Beginn jeder Stunde die wichtigsten Grundlagen vermitteln, dabei aber auf Computerfachausdrücke verzichten. Sie dürfen die Computerängstlichen zwar unterstützen und anspornen, ihnen aber nicht zu viel helfen, damit sie eigene Erfahrungen sammeln und Selbstvertrauen aufbauen können. Die Lernatmosphäre sollte ruhig, heiter und entspannt sein, wobei auch Humor eingesetzt werden kann. Auf Kritik, Zurechtweisungen und Strafen sollte hingegen in jedem Fall verzichtet werden. Die Ausbilder sollten sich selbst sicher im Umgang mit Computern fühlen und eine positive Einstellung vermitteln, da sich beides auf die Lernenden übertragen kann.

Einen eher kognitiven Ansatz verfolgten israelische Wissenschaftler. Sie testeten eine Intervention, die Stress und Ängste reduzieren sollte, welche bei Berufstätigen durch Technologiewechsel, Software-Neuerungen und Updates von Computerprogrammen entstehen. Das Ziel bestand darin, die psychischen Ressourcen zu stärken und sich somit vor Stress und Angst zu wappnen. Dazu wurde unter anderem die Überzeugung der Teilnehmer bestärkt, dass Computer nützlich und hilfreich bei der Arbeit seien und dass die neue Technologie besser als die alte sei. Außerdem wurden die Teilnehmer angeregt, sich soziale Unterstützung und Hilfe zu suchen. Die Intervention wurde einige Tage vor Einführung der neuen Technologie durchgeführt. Zwei Wochen und zwei Monate danach wurde die Interventionsgruppe mit der Kontrollgruppe verglichen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe war die Interventionsgruppe zufriedener mit der neuen Technologie, sie zeigte sich zuversichtlicher und war weniger gestresst und erschöpft durch den Wechsel. Außerdem fühlte sie sich sicherer und effizienter im Umgang mit der neuen Technologie. „Eine gute psychische Vorbereitung im Vorfeld von technischen Veränderungen kann Stress erheblich reduzieren“, so die Wissenschaftler.

Computerängstliche sprechen nicht gern über ihr Problem, weil sie in der Regel nicht ernst genommen oder belächelt werden. Es gibt zudem kaum Hilfsangebote, so dass die Betroffenen mit ihren Ängsten und Aversionen allein bleiben. Da Computerangst jedoch mit erheblichen Einschränkungen, verringerten Berufs- und Bildungschancen und einer verminderten Lebensqualität einhergehen kann, sollten sich Wissenschaftler und Kliniker künftig stärker um Erkenntnisse und Interventionen bemühen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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1.
Chen S, Westman M, Eden D: Impact of enhanced resources on anticipatory stress and adjustment to new information technology. Journal of Occupational Health Psychology 2009; 14(3): 219–30.
2.
Kay R: Exploring the relationship between emotions and the acquisition of computer knowledge. Computers & Education 2008; 50(4): 1269–83.
3.
Thorpe SJ, Brosnan JM: Does computer anxiety reach levels which conform to DSM-IV criteria for specific phobia? Computers in Human Behavior 2007; 23(3): 1258–72.
1. Chen S, Westman M, Eden D: Impact of enhanced resources on anticipatory stress and adjustment to new information technology. Journal of Occupational Health Psychology 2009; 14(3): 219–30.
2. Kay R: Exploring the relationship between emotions and the acquisition of computer knowledge. Computers & Education 2008; 50(4): 1269–83.
3. Thorpe SJ, Brosnan JM: Does computer anxiety reach levels which conform to DSM-IV criteria for specific phobia? Computers in Human Behavior 2007; 23(3): 1258–72.

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