ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2010Therapeutische Arbeitsbeziehungen: Wahl der Kleidung entscheidend

WISSENSCHAFT

Therapeutische Arbeitsbeziehungen: Wahl der Kleidung entscheidend

PP 9, Ausgabe Januar 2010, Seite 34

Sonnenmoser, Marion

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Anzug oder Jeans? – Das Erscheinungsbild des Therapeuten kann die Beziehung zum Patienten wesentlich beeinflussen. Foto: Fotolia
Anzug oder Jeans? – Das Erscheinungsbild des Therapeuten kann die Beziehung zum Patienten wesentlich beeinflussen. Foto: Fotolia
Auch bei Psychotherapeuten gilt: Kleider machen Leute. Für die Beziehung zum Patienten spielt die Wahl des Kleidungsstils und der Farben eine wichtige Rolle.

Für Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater gibt es kaum Kleidungsvorschriften. Selbst im klinischen Kontext ist es oft nicht erforderlich, sich ähnlich wie Ärzte zum Beispiel ganz in Weiß zu kleiden oder andere Berufskleidung anzulegen. Psychotherapeuten und verwandte Berufsgruppen kleiden sich daher meist nach eigenem Gusto. Dabei sind sie sich nicht immer darüber bewusst, welchen Eindruck ihr äußeres Erscheinungsbild auf Patienten macht und was Patienten erwarten; auch die Konsequenzen werden nicht immer reflektiert. Nach Meinung US-amerikanischer Psychiater um Nikhil Nihalani sollten Psychotherapeuten, Psychiater und Psychologen jedoch ihrer Kleidung und anderen Elementen ihres äußeren Erscheinungsbilds mehr Beachtung schenken. Dies kann die therapeutische Arbeitsbeziehung von Anfang an beeinflussen.

Verschiedene Umfragen unter Patienten ergaben, dass die meisten nicht auf klassischer Ärztekleidung bestehen. Sie erwarten von Behandlern (vor allem im klinischen Bereich) jedoch, dass sie gepflegte und eher konservative Kleidung tragen (zum Beispiel Anzug, Kostüm). Es werden aber auch Kombinationen aus gediegener und legerer Kleidung (zum Beispiel Jacket und Jeans) akzeptiert. Reine Freizeitkleidung empfinden viele Patienten hingegen als respektlos ihnen gegenüber.

Bart und Brille vermitteln Kompetenz und Erfahrung
„Patienten über 40 Jahre sind weniger tolerant als jüngere Patienten“, sagen die Mediziner Marianne Lill und Tim Wilkinson von der University of Otago (Neuseeland). Nach Meinung älterer Patienten sollte der Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut seriös und „anständig“ gekleidet sein. Das heißt, die Kleidung sollte sauber und von guter Qualität sein und darf weder Schmutzflecken noch Löcher oder abgenutzte beziehungsweise ausgebesserte Stellen haben. Sie sollte nicht zu eng anliegen und nicht zu viel Haut sichtbar werden lassen; kurze Hosen oder Röcke, ärmellose Shirts und tiefe Ausschnitte sind daher tabu. Auch sollte auf Piercings im Gesicht, Ohrringe (bei Männern), starkes Make-up, ungewöhnliche Frisuren oder Haarfarben, aufreizende Accessoires und auffälligen Schmuck verzichtet werden. Bart und Brille sind hingegen geradezu erwünschte Elemente, vermitteln sie doch den Eindruck von persönlicher Reife, Kompetenz und Erfahrung.

Wer dazu auch noch älter, graumeliert und männlich ist (also Sigmund Freud entfernt ähnlich sieht), entspricht ohnehin den Vorstellungen vieler Patienten von einem typischen „Seelendoktor“. Psychologen, Psychiater oder Psychotherapeuten, die in puncto Kleidung den Erwartungen ihrer Patienten entgegenkommen, können leichter deren Vertrauen gewinnen. Ein Behandler im Anzug wirkt auf Patienten zudem besonders kompetent, wohingegen Patienten von einem leger gekleideten Behandler glauben, dass er freundlich und zugänglich sei. Diesen Eindruck vermittelt die Kleidung auch auf die Behandler selbst. US-amerikanische Arbeitspsychologinnen fanden heraus, dass sich Berufstätige in formaler Businesskleidung als kompetent, zuverlässig und vertrauenswürdig, aber in Freizeitkleidung als freundlicher empfanden.

Manche Psychologen kleiden sich gerne ganz in schwarz. Im beruflichen Kontext kann sich diese Vorliebe jedoch nachteilig auswirken. Dunkle Farben, vor allem aber Schwarz, werden nämlich unbe-wusst mit Negativem assoziiert. Das fanden Psychologen um Brian Meier von der North Dakota State University heraus. Sie forderten Probanden auf, mehrere Wörter entweder als „positiv“ oder „negativ“ zu kategorisieren. Am schnellsten gelang dies den Probanden, wenn die positiven Wörter in weißer Schrift und die negativen in schwarzer Schrift auf dem Bildschirm erschienen. Der Vorgang geriet jedoch ins Stocken, wenn Wörter mit negativer Bedeutung in heller Schrift und positive Wörter in dunkler Schrift präsentiert wurden. Die verzögerte Informationsverarbeitung weist darauf hin, dass ein automatischer Denk- und Wahrnehmungsvorgang unterbrochen wurde. In der Regel werden nämlich positive Inhalte mit Helligkeit und negative Inhalte mit Dunkelheit in Verbindung gebracht. Dieses vermutlich angeborene Denkprinzip machen sich Filmemacher schon seit langem zunutze, indem sie die Helden oft blond mit hellen Augen und heller Kleidung darstellen, die Schurken jedoch als dunkle Gestalten.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0110
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