ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2010Integrative Therapie: Manches bleibt unverständlich

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Integrative Therapie: Manches bleibt unverständlich

PP 9, Ausgabe Januar 2010, Seite 36

Goddemeier, Christof

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Die Komorbidität von Substanzabhängigkeit und Psychotrauma ist häufig und gerät in jüngerer Zeit zunehmend in den Blick. Diese Patienten sprechen auf die üblichen Verfahren der Suchtbehandlung oft nicht an. Das kann bei Behandlern Gefühle von Vergeblichkeit bis zu Burn-out-Erscheinungen erzeugen – Gründe genug, sich mit dem Thema ausführlich zu beschäftigen.

Die Autoren sind in der ambulanten und (teil-)stationären Drogenhilfe tätig. Vor dem Hintergrund der sogenannten integrativen Therapie beschreiben sie ein Behandlungskonzept, das Elemente von Trauma- und Suchttherapie beinhaltet. Dabei versteht integrative Therapie sich „entwicklungsorientiert“ und kombiniert humanistische, tiefenpsychologische, verhaltenstherapeutische und synergetische Ansätze. Besondere Bedeutung soll der „Transversalität“ zukommen. Gemeint ist damit ein „offenes, nichtlineares, pluriformes, prozessuales Denken“, „Denken von Vielfalt in permanenten Übergängen“. Auch in der integrativen Behandlung von traumatisierten Patienten mit gestörtem Substanzgebrauch wirkt vor allem die therapeutische Beziehung, hier verstanden als „Ko-Respondenzprozess“, der „aufgabenbezogenes, kognitives, affektives, soziales und ökologisches Lernen“ ermöglicht. Eine von den Autoren im Therapieverbund Herne durchgeführte Studie mit acht Patienten und einer ebenso großen Kontrollgruppe kommt zum Ergebnis, dass Rehabilitation im Sinne von „Heilung und Förderung“ Wirkung zeigt, dass ein traumaspezifischer Ansatz über drei Monate gegenüber der Kontrollgruppe jedoch keine besseren Ergebnisse erzielt. Die Autoren führen dies vor allem darauf zurück, dass eine wirksame Traumatherapie im von den Leistungsträgern vorgegebenen Setting nicht realisiert werden kann. DATOS (drug abuse treatment outcome study) zufolge erreichen Suchtkranke abhängig von der Therapiedauer signifikante Besserungen, kritische Grenzen liegen bei drei und sechs Monaten. Da überrascht nicht, dass traumatisierte Patienten mit gestörtem Substanzgebrauch von einem dreimonatigen Therapieangebot nicht zusätzlich profitieren. Mit Blick auf die häufige Komorbidität von Sucht und Trauma plädieren die Autoren dafür, entsprechende Einrichtungen mit den notwendigen Ressourcen auszustatten, derzeit noch eine „unerfüllte Vision“.

Das Buch präsentiert eine Fülle von Daten. Leider enthält es zahlreiche Wiederholungen und ist über weite Strecken eine Anhäufung von Zitaten, die zum Teil ihrerseits aus Zitaten bestehen. Manches erscheint im Fachjargon derart aufgebläht, dass es unverständlich bleibt. Das 2008 zum gleichen Thema erschienene Buch von Dieter Kunzke bietet hier eine gelungenere Alternative. Christof Goddemeier

Peter Schay, Ingrid Liefke: Sucht und Trauma. Integrative Traumatherapie in der Drogenhilfe. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, 300 Seiten, kartoniert, 34,90 Euro
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