ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2010Trauer: Beeindruckendes Panorama des psychoanalytischen Konzepts

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Trauer: Beeindruckendes Panorama des psychoanalytischen Konzepts

PP 9, Ausgabe Januar 2010, Seite 37

Kattermann, Vera

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Ende der 60er Jahre diagnostizierten Alexander und Margarethe Mitscherlich den Deutschen eine Unfähigkeit zu trauern: Das Geschehen während der Jahre des Nationalsozialismus sei abgespalten und verdrängt worden, der Verlust des zuvor blind verehrten Führers sei ebenso wenig betrauert worden wie die zahllosen Opfer des Genozids. Erst in den letzten Jahren ist deutlicher geworden, dass mit der Unfähigkeit zu trauern auch das Trauern um die eigenen Beschädigungen und Traumatisierungen angesprochen ist, und zwar gerade trotz realer Schuld der Kriegsgeneration als verantwortliche Täter oder Mitläufer. Somit scheint es konsequent, diese Frage 40 Jahre später aus einem neuen und auch weiter gefassten Blickwinkel zu stellen und dabei weniger nach der (normativen) Fähigkeit zu trauern zu fragen, als vielmehr nach Möglichkeiten zu trauern: Welche innerseelischen ebenso wie äußeren Voraussetzungen sind für gelingende Trauerprozesse nötig?

Das von Franz Wellendorf und Thomas Wesle herausgegebene Buch basiert auf Vorträgen, die zu diesem Thema auf der Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft 2007 in Stuttgart gehalten wurden. Die gesellschaftspolitische Dimension der Trauer war dabei nur einer von mehreren thematischen Schwerpunkten. Insgesamt entwerfen die verschiedenen Beiträge des Buchs ausgehend von Freuds Aufsatz zu Trauer und Melancholie ein beeindruckendes Panorama der Anwendung und Diskussion des psychoanalytischen Trauerkonzeptes, das nicht nur klinische, sondern auch kulturelle, politische und soziale Phänomene zu erhellen vermag.

Für den Leser ist die Untergliederung in fünf thematische Unterpunkte erfreulich, welche die Vielfalt der Themen nachvollziehbar ordnet. Im ersten Kapitel untersuchen die Autoren Freuds Urtext, unterziehen ihn einer kritischen Diskussion und Prüfung und ermöglichen damit eine vertiefte Auseinandersetzung mit Freuds Verständnisansatz der Depression. Das zweite Kapitel behandelt aus therapeutischen Behandlungen resultierende Fragen, in denen Möglichkeiten einer therapeutischen Förderung gesunder Trauerprozesse diskutiert werden. Die Berücksichtigung von alters- und lebenslaufspezifischen Brüchen und Verlusten ist hierbei von wesentlicher Bedeutung – sie finden im dritten Kapitel eingehende Würdigung. Das vierte Kapitel nimmt auf die oben beschriebene Frage nach Trauerprozessen im gesellschaftlichen Kontext Bezug, die überwiegende Mehrzahl der Beiträge bezieht sich auf die Folgen von Kriegstraumatisierung beziehungsweise Scham und Schuld. Schließlich sind im fünften Kapitel Beiträge zusammengefasst, die sich mit dem künstlerischen Ausdruck von Trauer in Kunst, Literatur und Film beschäftigen.

Die im Band vereinten, facettenreichen und vielfältigen Aufsätze sind anregend und im klinischen Alltag hilfreich. Sorgfältige theoretische Diskussionen werden ergänzt von innovativen Denkansätzen, wie beispielsweise eines als Trialog geschriebenen Beitrags zur Dekonstruktion der Differenz zwischen Trauer und Melancholie oder auch zur Frage nach einer architektonischen Spiegelung seelischer Trauerarbeit im städteplanerischen Wirken der Nachkriegsjahre. Die Spannbreite der angesprochenen Themen macht Lust dazu, auch allein weiterzudenken: Was könnte man sich mehr von einem guten Sammelband wünschen? Vera Kattermann

Franz Wellendorf, Thomas Wesle (Hrsg.): Über die (Un)Möglichkeit zu trauern. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, 399 Seiten, gebunden, 32,90 Euro
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