ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2010Schach: Unsterblich durch Ewig Leben

SCHLUSSPUNKT

Schach: Unsterblich durch Ewig Leben

Pfleger, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dr. med. Helmut Pfleger. Foto: Dagobert Kohlmeyer
Dr. med. Helmut Pfleger. Foto: Dagobert Kohlmeyer
Der russische Exweltmeister Wladimir Kramnik erzählte mir, wie sich die russische Mannschaft bei der Schacholympiade 1992 in Manila jeden Abend, bewaffnet mit einigen Schnapsflaschen, zu etwas Eröffnungsanalyse, aber vor allem Kartenspiel und Gesprächen, auf eines der Hotelzimmer zurückzog und dort bis in die Morgenstunden tagte. Bis auf den Anführer und Weltmeister, aber auch Antialkoholiker Garry Kasparow machten alle mit; diesem behagte das Treiben gar nicht, nur hatte er angesichts des haushohen Olympiasiegs des Teams wenig Handhabe zum Einschreiten.

Alkohol beim Schach – inspirierend oder geisttötend? Kasparows ewiger Rivale Anatoli Karpow trank gerne ein oder zwei Gläschen, bei weniger wichtigen Partien auch unmittelbar davor (ich war gelegentlich dabei), und meinte, keine negativen Wirkungen zu verspüren. Und der ehemalige Weltmeister Mikhail Tal sagte während Gorbatschows Antiwodkakampagne: „Staat gegen Wodka?! Ich spiele für das Wodka-Team!“ Den Vogel schoss indes ein anderer sowjetischer Weltspitzenspieler ab, der bei einem Turnier in Bukarest nicht mehr selbst zu seinem Brett gehen konnte, dann eine herrliche Opferpartie gewann, um danach wieder fortgeleitet werden zu müssen. Ähnlich hielt er es das ganze Turnier über, welches er mit großem Vorsprung gewann.

Augenblicksaufnahmen aus vergangenen Zeiten? Vermutlich. Heute ist, im Guten wie im Schlechten, die große Nüchternheit eingekehrt, statt Bier und Wein gibt es Mineralwasser und Fruchtsaft.

Nach diesem Prolog aber in medias res, und zwar in den Würzburger „Omnibus“. Das war im Jahr 1973 eine Studentenkneipe, in der auch der spätere Gynäkologe Dr. med. Christian Cimbollek, der mir bei den Ärzteturnieren zuweilen Nachhilfe im dunklen Kontinent Frauenheilkunde gibt, sich gerne einmal von den Strapazen des Studiums erholte. Und wie es das Schicksal so wollte, hatte er eines Abends, es ging auf Mitternacht zu, schon eifrig dem Randersackerer „Ewig Leben“ (wer kann bei diesem verheißungsvollen Namen schon widerstehen?) zugesprochen und nach eigener Einschätzung mindestens zwei Promille intus. Und diese Stellung gegen Andreas Platte auf dem Brett.

Schwarz hat eine Figur mehr, und sein König scheint ganz sicher und alles andere als schwankend zu stehen. Aber nun zauberte Dr. Cimbollek eine fantastische Kombination aus seinem nichtvorhandenen Hut und schuf seine ureigene „Unsterbliche“ (im Anklang an Anderssens Unsterbliche Partie 1851 in London), wenn auch zugegebenermaßen unter gütiger Mithilfe von „Ewig Leben“. Wie setzte er als Weißer in spätestens vier Zügen matt?


Lösung:
Durch das Damenopfer 1. Dxc5+! wurde der schwarze König gewaltsam aus seinem Versteck gezerrt: 1. . . . Kxc5. Aber nun 2. Le3+. Strebt der König mit 2. . . . Kd6 dem Heimathafen zu, so ist er nach 3. e5 gleich matt – ein prächtiges, von den beiden Schimmeln assistiertes Zweibauernmatt; wagt er sich indes mit 2. . . . Kc4 noch weiter ins feindliche Leben, so hat nach 3. Se5+ Kb4 4. a3 matt sein letztes Stündlein geschlagen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote