ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2010Katastrophenhilfe: Haiti am Abgrund

POLITIK

Katastrophenhilfe: Haiti am Abgrund

Dtsch Arztebl 2010; 107(3): A-64 / B-56 / C-56

Neuber, Harald

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Port-au-Prince nach der Katastrophe: Unter freiem Himmel werden Verletzte notdürftig versorgt, hier durch die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Foto: Actionpress
Port-au-Prince nach der Katastrophe: Unter freiem Himmel werden Verletzte notdürftig versorgt, hier durch die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Foto: Actionpress
Nach dem Erdbeben in dem Karibikstaat ist die Hilfsbereitschaft auf internationaler Ebene groß. Doch die Unterstützung kommt nur schleppend an.

Wenige Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti gingen den Medien die Superlative aus. Ein „Jahrhundertbeben“ habe den verarmten Karibikstaat am Abend des 12. Januar erschüttert. Es handele sich um das schwerste Unglück in der Geschichte der Organisation der Vereinten Nationen, hieß es aus deren Hauptsitz in New York. Die gesamte Führungsspize der UN-Stabilisierungsmission MINUSTAH kam bei dem Beben der Stärke 7,3 auf der Richterskala ums Leben, als die UN-Zentrale zusammenbrach, ebenso mehrere Minister aus dem Kabinett von Präsident René Préval. Der Präsidentenpalast wurde in weiten Teilen zerstört.

Gut eine Woche nach dem Beben wurden knapp 30 000 Leichen geborgen. Zu diesem Zeitpunkt waren Helfer jedoch noch nicht in die entlegenen Landesteile vorgedrungen, die zum Teil noch schwerer verwüstet wurden als die Hauptstadt Port-au-Prince. Schätzungen gehen deshalb von mehr als 100 000 Toten im ganzen Land aus.

Angesichts der unbeschreiblichen Bilder aus dem Karibikstaat lief auf internationaler Ebene unmittelbar eine immense Hilfskampagne an. Die Europäische Union, die UNO und die US-Regierung sagten jeweils Millionenfonds zu. Zu den Tausenden Helfern zählen auch deutsche Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks und nicht-staatlicher Organisationen. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler bat die Pharmaverbände um Spenden. Dennoch kam die Hilfe vor Ort nur langsam an – zu langsam für viele Opfer. Einer der Gründe: Auch der internationale Flughafen von Port-au-Prince wurde von dem Beben schwer beschädigt. Nach Berichten von Korrespondenten lief erst eine Woche nach der Erdbebenkatastrophe effektive Hilfe an. Bis dahin mussten die medizinischen Kräfte vor Ort ohne Beistand von außen auskommen. Amber Lynn Munger, eine humanitäre Helferin aus den USA, richtete in einem Gästehaus der Hauptstadt ein provisorisches Versorgungszentrum ein. Auf einem nahen Fußballfeld wurden nach ihrem Bericht circa 1 300 Erdbebenopfer betreut. In ihrem Internettagebuch schrieb Munger: „Wir haben hier Amputationen und andere sehr schmerzhafte Eingriffe durchgeführt, ohne jegliche Medikamente oder gar Analgetika.“

Munger berichtet auch von haitianischen Ärzten und Hilfspersonal aus anderen Staaten, darunter Kuba. Schon vor dem Beben hatte Havanna knapp 400 Ärzte und medizinisches Personal nach Haiti entsandt. Nach der Katastrophe gewährleisteten die Kubaner über Tage hinweg die einzig funktionierenden Versorgungsstrukturen. Weder von der Regierung noch von der Blauhelmmission MINUSTAH sei lange nach dem Beben etwas zu vernehmen gewesen, bestätigte auch die US-Amerikanerin Munger.

Angesichts der zahlreichen Probleme wiesen Experten auf die schwierige Wirtschaftslage hin. „Gegen ein Erdbeben kann man kaum etwas ausrichten, die sozialen Probleme sind aber vom Menschen gemacht“, sagte Brian Concannon vom US-amerikanischen Institut für Gerechtigkeit und Demokratie in Haiti dem Deutschen Ärzteblatt. Der haitianische Staat sei durch „Abhängigkeiten und ein neoliberales System extrem geschwächt“ worden, meint Concannon. Schon in den vergangenen Jahren habe es kein funktionierendes Gesundheitssystem gegeben.

Angesichts der labilen Wirtschaft sieht Concannon neue Gefahren. „Das zentrale Problem ist, dass ein Land wie Haiti schnell von internationaler Hilfe abhängig wird“, sagt er – auch mit Blick auf die USA. Subventionierte Agrarexporte schadeten langfristig den haitianischen Bauern, die dann ihre Produkte nicht mehr verkaufen könnten. Concannon fordert deswegen ein radikales Umdenken. Haiti müsse spätestens nach dieser Katastrophe die Möglichkeit bekommen, sich zu verändern. Und sich selbst zu helfen.
Harald Neuber
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