ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2010Arznei­mittel­kommission: Der informierte Arzt

POLITIK

Arznei­mittel­kommission: Der informierte Arzt

Dtsch Arztebl 2010; 107(3): A-66 / B-57 / C-57

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ärzte müssen heute mehr wissen als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Umso bedeutsamer ist die Qualität der Informationen, auf die sie sich in ihrer täglichen Arbeit stützen. Und die Qualität der Informationsquellen.

Die wichtigsten Handelswaren des 21. Jahrhunderts sind Informationen. Sie entscheiden über Gewinn und Verlust in der Wirtschaft, über Aufschwung oder Krise. Entscheiden sie auch über das wichtigste Gut des Menschen, seine Gesundheit? Inwieweit Arzneimittelinformationen die Arbeit des Arztes und dadurch die Gesundheit des Patienten beeinflussen, hat die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) in einem Symposium zu klären versucht, das im Rahmen des 34. Interdisziplinären Forums der Bundes­ärzte­kammer in Berlin stattfand. „80 bis 90 Prozent der Informationen zu einem zu-gelassenen Arzneimittel erreichen Ärztinnen und Ärzte über die Industrie“, betonte der AkdÄ-Vorsitzende, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Insofern sei es für Ärzte und Patienten schwierig, verlässliche Informationen zu erhalten. Zu oft würden darüber hinaus die Ergebnisse klinischer Studien von der Pharmaindustrie zu spät oder überhaupt nicht publiziert. „Es ist deshalb richtig und wichtig, dass sich das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium für eine schnelle Veröffentlichung von Studienergebnissen bei der Arzneimittelforschung einsetzen will“, sagte Ludwig. Diese Absicht hatte der parlamentarische Staatssekretär im Ge­sund­heits­mi­nis­terium, Daniel Bahr, im Dezember vergangenen Jahres in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke bekundet (Drucksachen-Nummer 17/349).

Kritische Distanz
Für eine kritische Distanz zu Vertretern von Arzneimittelfirmen warb Prof. Dr. med. David Klemperer von der Hochschule Regensburg. Studien hätten gezeigt, dass das ärztliche Urteilsvermögen bereits durch die Annahme von Schreibblöcken oder Klemmbrettern mit aufgedrucktem Medikamentennamen beeinflusst werde, häufig ohne dass der Arzt es selbst bemerke.

Einer Studie der Brendan-Schmittmann-Stiftung zufolge bekamen Vertragsärzte im Jahr 2008 durchschnittlich siebenmal pro Woche Besuch von Pharmareferenten. Als positive Aspekte dieses Be-suchs werteten 78 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte die Fortbildungsangebote, 73 Prozent die Informationen über Arzneimittel, knapp 70 Prozent die erhaltenen Medikamentenmuster und 65 Prozent die persönlichen Kontakte. Das Problem daran sei, so Klemperer, dass Geschenke und freundschaftliche Beziehungen das Urteilsvermögen trübten: „Genau diese Mittel setzen Pharmavertreter ein, um das von ihnen beworbene Produkt in einem positiven Licht erscheinen zu lassen.“

Der Patient des 21. Jahrhunderts wähnt sich durch den schnellen Zugang zu medizinischen Fachinformationen zunehmend gut informiert. „Die wichtigste Informationsquelle für den Patienten ist aber nach wie vor der Arzt“, erklärte Klemperer. „Und der Arzt muss gewährleisten können, dass die Informationen, die er an seinen Patienten weitergibt, zuverlässig sind.“

In vielen Fällen sei es unabdingbar, den Patienten in die Therapieentscheidung einzubeziehen. Denn oft gehe es um eine individuelle Bilanz von Nutzen und Schaden, die ein Patient häufig anders treffe als ein Arzt. Ein typisches Beispiel für eine solche präferenzsensitive Entscheidung ergebe sich bei der gutartigen Vergrößerung der Prostata. „Wird operiert, kommt es in 58 von 100 Fällen zu einer Impotenz, in 35 von 100 Fällen zu einer Inkontinenz“, sagte Klemperer. „Wird nicht operiert, bleiben die Beschwerden beim Wasserlassen.“ Ob im jeweiligen Fall Schaden oder Nutzen überwiegen, sei eine subjektive Entscheidung, die nur der Patient selbst fällen könne.

Unvollständig oder verzerrt
„Unabhängige Arzneimittelinformationen in deutscher Sprache liefern neben den Veröffentlichungen der AkdÄ zum Beispiel der Arzneimittelbrief, das Arzneimitteltelegramm oder die Pharma-Kritik“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der AkdÄ, Prof. Dr. med. Ursula Gundert-Remy. An Patienten richtet sich seit 2005 die Zeitschrift „Gute Pillen – Schlechte Pillen“.

„Leider können Originalveröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften verzerrte oder unvollständige Informationen über den Ausgang klinischer Studien enthalten. Beispiele belegen, dass Interessenkonflikte bestehen, die möglicherweise mit den Verzerrungen zusammenhängen“, so Gundert-Remy. Die Informationen aus dem Europäischen behördlichen Bewertungsbericht (EPAR) oder von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA seien darüber hinaus zwar unabhängig und verlässlich, jedoch in der Detailtiefe je nach Autor sehr unterschiedlich. „Und sie erlauben keine eigenen Datenanalysen“, sagte die stellvertretende AkdÄ-Vorsitzende. Hochgradig unabhängige und verlässliche Arzneimittelinformationen könnten allein die Studienprotokolle und -berichte liefern, die mit dem Zulassungsantrag eingereicht werden müssen: „Doch auf diese Daten haben derzeit nur die Behörden Zugriff.“
Falk Osterloh
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema