ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2010Medizinstudierende: Paradiesisch?
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Wir drei Hausärzte reiben uns ungläubig die Augen: „Wenn Sie bereit sind, in die ambulante Versorgung zu gehen, finden Sie nahezu paradiesische Zustände vor.“ So treuherzig wirbt die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer beim Mediziner-Nachwuchs-Kongress, motiviert durch den zu erwartenden Ärztemangel von über 40 000 binnen fünf Jahren; doch woher rührt dieses Wegbrechen wohl, und was können wir dem Nachwuchs berichten? In der gleichen Woche erhielten wir im vergleichsweise schlecht gestellten Westfalen-Lippe – trotz wochenlanger Medienmeldungen über „sechs bis zehn Prozent mehr Geld für Hausärzte“ – wiederum eine KV-Abrechnung, deren Honorar ca. acht Prozent unter dem des Vorjahres liegt „inklusive“ ca. 21 000 Euro unbezahlter, geleisteter Arbeit (von der KV unter Hinweis auf „ständige Rechtsprechung“ als zumutbar eingestuft), der Rest setzt sich aus „Taschengeldbeträgen“ für diverse vorgehaltene Diagnostik von Langzeit-EKG bis Sonographie (fünf bis 16 Euro) und die 33 Euro „Quartalsflatrate“ zusammen, um die uns Facharztkolleg(inn)en sogar noch beneiden. Die Patienten können ohne wesentliche eigene Initiative (oftmals kein Fieberthermometer, aber das Highend-Handy klingelt im Sprechzimmer) jederzeit und kurzfristig beliebig oft jedweden Arzt konsultieren, der zwangsfortgebildet neben sachgerechter Behandlung unter anderem dafür haftet, das diese qualitätsgesichert, gerichtsfest dokumentiert, billigst und nebenwirkungsfrei ist – auch wenn seine Rezepte aus Rabattgründen abgeändert werden –, der im Nachhinein dazu noch für die Medikamenten- und Heilmittelkosten geradestehen muss, fast umsonst ins Haus kommt und ab demnächst im Not(?)dienst ein Gebiet mit einem Radius von 20 bis 30 Kilometern versorgen soll. Für die aktuell trotz alledem in hausärztlicher Weiterbildung befindlichen Kolleg(inn)en besteht zudem ein endloses Hickhack um den Facharzt für Allgemeinmedizin mit/ohne/oder Innere (DÄ 40/2009). Ergo lockt man fast schon schamlos junge Leute mit Versprechungen in die ambulante Medizin, während man für die dort Tätigen de facto Planwirtschaft nach Kassenlage vorsieht.
Paradiesische Zustände? Fragt sich nur, für wen . . .
Stefan Amerschläger,
Herbert Constapel,
Dr. med. Peter Döbber,
Gemeinschaftspraxis im Stift
58730 Fröndenberg
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