ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2010Medizintextilien: Von Stent bis Hirnhautersatz

TECHNIK

Medizintextilien: Von Stent bis Hirnhautersatz

Dtsch Arztebl 2010; 107(3): A-96 / B-81 / C-81

Hüls, Norbert

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Therapeutisch aktive Fasern für Wundauflagen von morgen. Fotos: Hohenstein
Therapeutisch aktive Fasern für Wundauflagen von morgen. Fotos: Hohenstein
Skelett „Charly“ mit 27 textilmedizinalen Anwendungsmöglichkeiten. Foto: ITV
Skelett „Charly“ mit 27 textilmedizinalen Anwendungsmöglichkeiten. Foto: ITV
Technische Textilien, darunter neue Materialien für die Humanmedizin und Gesundheitserhaltung, machen fast die Hälfte des Umsatzvolumens der deutschen Textilbranche aus.

Einen eigenwilligen Beweis für die Hightechtextilien liefert der Innovationsträger „Charly“. Das Skelett im Glaskasten mit inzwischen 27 angehefteten technotextilen Entwicklungen weist im Forschungskuratorium Textil e.V. in Berlin auf mögliche Einsatzfelder hin, die teilweise heute schon realisiert sind (www.textilforschung.de). Darunter Knorpelimplantate zur Modellierung neuer Ohrmuscheln, Halteschrauben und -platten, die sich nach dem Heilungsprozess vollständig im Körper auflösen, oder ein textiler Hirnhautersatz.

Technische Textilien zeichnen sich nicht nur durch ihren Innovationsgehalt aus, sie werden auch am Markt immer wichtiger. Maßgeblichen Anteil daran hat das Anwendungssegment Healthcare: Medizintextilien mit Hightechfunktionen sind bei der Behandlung im Krankenhaus, in der Rehabilitation und der Fürsorge gefragt. In der Biomedizintechnik entstehen in interdisziplinärer Zusammenarbeit immer mehr Biomaterialien und Medizinprodukte auf Polymerbasis, etwa für Implantate. Ein Beispiel dafür sind Stents zur Gefäßerweiterung oder kettengewirkte Gefäßschläuche aus Polyester, mit denen Chirurgen kranke Blutgefäße ersetzen. Ebenso werden „Smart Textiles“ in naher Zukunft als „intelligente“ Kleidungsstücke dienen und mit integrierter Sensorik den Gesundheitszustand ihrer Träger überwachen.

17 Forschungseinrichtungen
Ein Großteil der Anregungen für solche Neuentwicklungen kommt aus den 17 Textilforschungsinstituten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Mitteldeutschland und Bremen. Sie und eine steigende Zahl von Mittelständlern haben seit 1990 mehr als 6 000 Textilpatente angemeldet. Für marktfähige textile Medizinprodukte geforscht und entwickelt wird quer durch die Republik: Zum Beispiel gehen sämtliche an „Charly“ demonstrierten Anwendungsmöglichkeiten auf Lösungen aus dem Institut für Textil- und Verfahrenstechnik Denkendorf (ITV) zurück.

Auch das Institut für Textiltechnik der Rheinisch-Westfälischen Technische Hochschule Aachen macht auf diesem Gebiet immer wieder Schlagzeilen. Gemeinsam mit der Universität Tampere (Finnland) wurden erst kürzlich hochporöse textile Strukturen geschaffen, eine Art Gerüst für die Züchtung körpereigener Gefäßprothesen aus patienteneigenen Zellen. Im wirtschaftsnahen TITV Greiz, Institut für Spezialtextilien und flexible Materialien in Thüringen, wird unter anderem an der Integration von Mess- und Stimulationsfunktionen in Textilien gearbeitet. Im Ergebnis können Vitalparameter erfasst oder über Elektrostimulation Muskeln gezielt aufgebaut werden.

In den international renommierten Hohenstein-Instituten bei Stuttgart ist es Forschern gelungen, Stammzellen auf textilen Trägerschichten wachsen zu lassen – ein Schritt hin zu der sich selbst regenerierenden Herzklappe. Für eine „therapeutisch aktive Wundauflage mit Drug-Delivery-Funktion“ aus demselben Haus wurde erst im Oktober 2009 ein Team um den Biologen Gregor Hohn mit dem Innovationspreis „textil+mode 2009“ ausgezeichnet. Die Innovation setzt kontrolliert Wirkstoffe zur Heilung chronischer Wunden frei.

„In der Medizin werden Textilien besonders vielfältig eingesetzt und mit vielen innovativen Funktionen ausgestattet“, erklärt Dr. Michael Doser, Stellvertretender Direktor und Leiter Entwicklung Biomedizin des ITV. „Anwendung finden sie als Medizintextilien nicht nur im stationären Bereich, sondern auch in der Diagnostik und Therapie. Textile Implantate (wie Herniennetze, Gefäßprothesen) werden vom Körper besonders gut angenommen, weil die mechanischen Eigenschaften der textilen Fasern gut an die Fasern im Gewebe angepasst werden können.“

Gas freisetzende Textilien, etwa für die Zahnmedizin.
Gas freisetzende Textilien, etwa für die Zahnmedizin.
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Kooperation mit Defiziten
Dem herausragenden Stellenwert des Gesundheitssektors trägt das Forschungskuratorium Textil mit einem seiner Leitthemen Rechnung, mit denen die Prämissen für die Zukunftsfähigkeit formuliert werden: „Im Verbund mit der Medizintechnik, der Biotechnologie, der Pharmakologie und den Pflegedienstleistungen können Textilien bezüglich Effizienz und Innovation einen hervorragenden Beitrag leisten und die Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens unter Berücksichtigung beherrschbarer Kosten potenzieren.“

Die übergreifende Kooperation zwischen den Wissenschaften ist in der textilen Forschung längst selbstverständlich. Bei den Kontakten zur Praxis sieht Dr. Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil, jedoch noch Defizite. Aus seiner Sicht müssten sich Textilforscher und Mediziner noch mehr austauschen. Nur so könnten die „Textiler“ zukunftsweisende Entwicklungen für die Gesundheits- und Medizinbranche bedürfnisgenau mitgestalten.
Norbert Hüls, E-Mail: kontakt@norbert-huels.de

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