ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Rauchen – Studie mit offenen Fragen
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LNSLNS Für die Datenanalyse der Basiserhebung der ESTHER-Studie (Epidemiologische Studie zu Chancen der Verhütung, Früherkennung und optimierten Therapie chronischer Erkrankungen in der älteren Bevölkerung) wurden knapp 10 000 Studienteilnehmer durch niedergelassene Ärzte im Saarland rekrutiert.

In Funktion als Direktor der Klinik für Innere Medizin V (Pneumologie, Allergologie, Beatmungs- und Umweltmedizin) des Universitätsklinikums des Saarlandes war ich über die Auswertungen dieser Basiserhebung sehr überrascht:

Bei den Analysen wurden die rauchbedingten Lungenerkrankungen, zum Beispiel die chronisch obstruktive Bronchitis (COPD), Krebserkrankungen, insbesondere das Bronchialkarzinom, nicht bedacht, obwohl das international anerkannte „Epidemiologische Krebsregister Saarland“ an dieser Studie mitbeteiligt war.

Das Bronchialkarzinom ist die vierthäufigste Todesursache in Deutschland (Statistisches Bundesamt, ICD-10: C34) und die häufigste Krebstodesursache bei Männern. Die COPD ist weltweit die vierthäufigste Todesursache und lag im Jahr 2007 in Deutschland an sechster Stelle (Statistisches Bundesamt: ICD-10: J44). Es wird erwartet, dass die Mortalität der COPD bis zum Jahr 2030 an die dritte Stelle der weltweiten Statistik vorrücken wird, was deshalb unter dem Gesichtspunkt der ESTHER-Studie von besonderem Interesse sein sollte.

Der britische Forscher Sir Richard Doll beschrieb 1950 erstmals den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs (1). Er bedauerte später, dass Komorbiditäten (wie die COPD) nicht gleich zu Beginn seiner klinischen Beobachtungen in seine Überlegungen mit einbezogen wurden (2). Augenscheinlich unterlag die Datenanalyse der ESTHER-Studie dem gleichen Irrtum, nämlich dass Krankheiten, die eine extrem wichtige Rolle als Folge des Rauchens spielen, unbedacht blieben. Es ist eine Einschränkung der Betrachtungsweise und wirft die Frage auf, wie es bei einer solchen epidemiologischen Studie zu dieser engen Sichtweise kam. Zusätzlichen Fragen an die Studienteilnehmer zu weiteren Erkrankungen und Komorbiditäten und deren Auswertung wäre sicherlich nicht sehr aufwändig gewesen. Eine Chance zur Erhebung der Komorbiditäten, wie bei einer Reihe von anderen Studien bei Rauchern (3), wurde verpasst (3).
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0059b

Prof. Dr. med. Gerhard W. Sybrecht
Universitätsklinikum des Saarlandes
Innere Medizin V
Pneumologie, Allergologie, Beatmungs- und Umweltmedizin
66421 Homburg/Saar
E-Mail: gerhard.sybrecht@uks.eu
1.
Doll R, Hill AB: Smoking and carcinoma of the lung: a preliminary report. BMJ 1950; 2: 739–48 MEDLINE
2.
Doll R: Smoking and lung cancer. Am J Respir Crit Care Med 2000; 162: 4–6 MEDLINE
3.
Godtfredsen NS, et al.: COPD-related morbidity and mortality after smoking cessation: status of the evidence. ERJ 2008; 32: 844–53 MEDLINE
4.
Breitling L, Rothenbacher D, Stegmaier C, Raum E, Brenner H: Older smokers’ motivation and attempts to quit smoking: Epidemiological insight into the question of lifestyle versus addiction [Aufhörversuche und -wille bei älteren Rauchern – Epidemiologische Beiträge zur Diskussion um „Lifestyle“ versus „Sucht“]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(27): 451–5 VOLLTEXT
1. Doll R, Hill AB: Smoking and carcinoma of the lung: a preliminary report. BMJ 1950; 2: 739–48 MEDLINE
2. Doll R: Smoking and lung cancer. Am J Respir Crit Care Med 2000; 162: 4–6 MEDLINE
3. Godtfredsen NS, et al.: COPD-related morbidity and mortality after smoking cessation: status of the evidence. ERJ 2008; 32: 844–53 MEDLINE
4. Breitling L, Rothenbacher D, Stegmaier C, Raum E, Brenner H: Older smokers’ motivation and attempts to quit smoking: Epidemiological insight into the question of lifestyle versus addiction [Aufhörversuche und -wille bei älteren Rauchern – Epidemiologische Beiträge zur Diskussion um „Lifestyle“ versus „Sucht“]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(27): 451–5 VOLLTEXT

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