ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Selbstmedikation: Apotheker sollen Spreu vom Weizen trennen

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Selbstmedikation: Apotheker sollen Spreu vom Weizen trennen

Imhoff-Hasse, Susanne

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LNSLNS Das Wachsen des Selbstmedikationsmarktes ist politisch gewollt. Allerdings braucht der Patient, der sich gegen Befindlichkeitsstörungen Arzneimittel selbst kauft, kompetente Berater, die über Risiken und Wirkungen der Präparate aufklären. Dies war als Konsens auf dem ersten Selbstmedikationskongreß der beiden Apothekerkammern in Nordrhein-Westfalen am 7. Februar in Dortmund herauszuhören, an dem Vertreter der Ärzte, Apotheker, Krankenkassen, Verbraucherverbände, Hersteller sowie des zuständigen Landesgesundheitsministeriums teilnahmen. Dort forderte Dr. med. Klaus-Peter Lau vom Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands/ Hausärzteverband (BDA) die Apotheker auf, Verantwortung im Bereich der Selbstmedikation zu tragen.
Wie Lau ausführte, sehen besonders Hausärzte die Selbstmedikation teilweise noch kritisch. Nach wie vor bestehe bei der Einordnung einer Befindlichkeitsstörung durch den Patienten das Problem, daß ernstzunehmende oder atypisch verlaufende Erkrankungen vorliegen, die so unterschätzt werden. Gerade die Hausärzte müßten die Feinabstimmung des "Arzneimittelmenus" koordinieren. Nach Worten von Lau sollten Ärzte und Apotheker gemeinsam ein "Sicherheitsraster" für den Bereich der Selbstmedikation etablieren. Auch der Vertreter des Landesgesundheitsministeriums forderte die Pharmazeuten auf, diesen Bereich systematisch aufzuarbeiten, um die "Spreu vom Weizen" zu trennen.
Prof. Dr. rer. nat. Rainer Braun, Geschäftsführer des Apothekerdachverbandes ABDA, verwies auf Aktionen, mit denen die Selbstmedikation sicherer gemacht werden solle. Er nannte als Beispiel die A-Card und das in Neuwied gestartete Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung Koblenz, des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der ABDA. Mit Hilfe der A-Card soll der Überblick über die gesamte Medikation eines Patienten ermöglicht werden.
Darüber hinaus kündigte Braun spezielle Informationsbogen an, die Apotheker den Versicherten zum Arztbesuch mitgeben können. Zum einen erhalte der Arzt bessere Informationen als bisher. Er könne zudem seinerseits dem Apotheker Mitteilungen zukommen lassen. Erarbeitet seien diese Bogen zwischen ABDA und BDA im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Arzt/Apotheker.
Braun verwies darüber hinaus auf das größer werdende Problem mit Nahrungsergänzungsmitteln, die nicht zum klassischen Kreis der Selbstmedikation zählen. Diesen werde "ein medizinisches Mäntelchen" umgehängt, und den Verbrauchern würden teilweise exotische Wirkungen versprochen. Wie der Präsident der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, Hans-Günter Friese, sagte, müssen Apotheker vermehrt falsche Erwartungen zurechtrücken, welche zuvor durch Beiträge in Publikumszeitschriften oder Fernsehsendungen geweckt wurden. Friese kritisierte, daß Nahrungsergänzungsmittel wie Arzneimittel vermarktet würden. Rechtlich seien sie jedoch als diätetische Lebensmittel einzustufen und müssen nicht nach dem Arzneimittelgesetz (AMG) zugelassen werden, wofür strengere Kriterien gelten. Wie Prof. Braun sagte, sei nichts gegen diese Produkte als solche einzuwenden. Abzulehnen seien jedoch die zumeist unberechtigten Aussagen zur Wirkung. Die ABDA bemühe sich um Lösungen im Umgang mit bedenklichen Präparaten und habe kürzlich eine Arbeitsgruppe eingerichtet. In der Vergangenheit hat beispielsweise das Zirbeldrüsenhormon Melatonin für Wirbel gesorgt. Susanne Imhoff-Hasse
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