ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Euroregion Pomerania: Telemedizinisches Großprojekt

POLITIK

Euroregion Pomerania: Telemedizinisches Großprojekt

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-128 / B-110 / C-110

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Die deutsch-polnische Kooperation bei der medizinischen Versorgung wird in Nordwest-Polen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg weiter ausgebaut.

Anders als in Metropolen sind in ländlichen Regionen mit geringer Einwohnerdichte in der Regel nur die Diagnose- und Therapieverfahren für die am häufigsten auftretenden gesundheitlichen Probleme verfügbar, und das oftmals auch nur mit Zeitverzug. Besonders hart trifft es die Bevölkerung in Grenzregionen. Mit einem der größten telemedizinischen Netzwerke in Europa erprobt die Europäische Union (EU) daher neue Wege bei der flächendeckenden Versorgung ländlicher Regionen: Die 2002 in Vorpommern gestartete Telemedizinmodellregion „Pomerania“ wird auf 35 Kliniken in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Nordwest-Polen ausgedehnt (Kasten) und um weitere medizinische Fachgebiete ergänzt. In den nächsten fünf Jahren stellt die EU dafür 11,4 Millionen Euro zur Verfügung, zwei Millionen Euro bringen zusätzlich die Projektpartner auf. Der größere Anteil der Fördermittel entfällt dabei in der neuen Projektstufe auf die polnischen Partner. So haben etwa die Krankenhäuser in Westpommern erheblichen Nachholbedarf bei der Digitalisierung ihrer Röntgenabteilungen.

Mit dem Projekt unter der Leitung des Vereins „Telemedizin Euroregion Pomerania“ soll für die Bevölkerung der Euroregion eine qualitativ hochwertige, wohnortnahe Diagnostik und Therapie für Tumor-, Herz-, Schlaganfall- und Unfallpatienten rund um die Uhr sichergestellt werden. Zusätzlich zum Einsatz bereits bewährter Anwendungen vor allem aus der Telepathologie, -radiologie, -kardiologie und -mammographie sollen neue telemedizinische Lösungen erprobt werden:

So geht es etwa in der Tele-HNO um dezentrale Untersuchungen mit Endoskopen, deren Bilder übertragen und zur Einholung von Zweitmeinungen genutzt werden. Ähnlich wird in der Teleophthal-mologie mit digitalen Aufnahmen der Netzhautgefäße verfahren.

In der Teleurologie steht der Aufbau eines webbasierten Tumorregisters für die Medizinforschung im Vordergrund.

Ein Tele-Stroke-Netzwerk soll künftig dazu beitragen, dass Schlaganfallpatienten aller teilnehmenden Krankenhäuser mit ihren Befunden schnellstmöglich in Zentren vorgestellt werden können.

Als medizinische Kompetenzzentren fungieren die Kliniken in Greifswald und in Stettin. „Die rasante technische Entwicklung wird auch dazu beitragen, die Qualität bisheriger Telemedizinstrukturen qualitativ zu verbessern“, betonte Projektleiter Prof. Dr. med. Norbert Hosten, Universitätsklinikum Greifswald. Dies gelte insbesondere für die Teleradiologie, für das Versenden von Röntgen- und Tomographieaufnahmen sowie für die Übertragung von Videokonferenzen. Große Erwartungen setze man auch in die Weiterentwicklung der Telepathologie. Da es nur noch wenige Pathologen gebe, könnten Schnellschnittgewebeproben bereits während der Operation mit Hochleistungsscannern aufgenommen und die Aufnahmen direkt zur externen Begutachtung weitergeleitet werden.

Experten schätzen, dass die Bevölkerungszahl in der Grenzregion in den nächsten 20 Jahren um 15 Prozent sinkt, bei steigender Lebenserwartung und stagnierenden Geburtenzahlen. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Arztpraxen und Klinikstellen fachgerecht zu besetzen. „Die Telemedizin bietet neue Lösungsansätze für eine optimale Betreuung der Menschen“, begründete Jürgen Seidel, Wirtschaftsminister in Mecklenburg-Vorpommern, das Engagement des Landes. Damit werde die patientennahe Versorgung in der Fläche und die spezialisierte Anbindung auch kleinerer Gesundheitsstandorte gesichert. Heike E. Krüger-Brand

Pomerania: Wer macht mit
Das „Telemedizinische Netzwerk zur Unterstützung der Tumorversorgung in der Euroregion Pomerania“ wurde bereits 2002 gestartet. Gefördert von der EU und vom Land Mecklenburg-Vorpommern beteiligten sich zunächst zehn Kliniken (Bergen, Stralsund, Greifswald, Pasewalk, Ueckermünde, Anklam, Demmin, Grimmen, Karlsburg und Wolgast).

In einem zweiten Schritt wurden die sechs Krankenhausstandorte Bernau, Eberswalde, Templin, Angermünde, Schwedt und Prenzlau in Nordbrandenburg angeschlossen. 2006 begann der Aufbau eines Teleradiologienetzes zur Pommerschen Medizinischen Akademie und zum Onkologischen Zentrum in Stettin (Szczecin). Zusätzlich wurden telepathologische Arbeitsplätze in Polen eingerichtet.

In den nächsten Jahren sollen fünf weitere Standorte in Mecklenburg-Vorpommern (Ribnitz-Damgarten, Neustrelitz, Neubrandenburg, Malchin, Altentreptow) und 14 neue Partner in Polen (Szczecin, Barlinek, Kolobrzeg, Koszalin, Stargard Szczeci´nski, Gryfice, Posznan, Polczyn Zdroj, Bialogard) an das Netzwerk andocken.

Die Euroregion wird im Rahmen des europäischen Programms INTERREG IV A als Teil des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert. Ziel ist der Aufbau grenzübergreifender Kooperationen (www.interreg4a.info). Zur 1992 gebildeten Euroregion Pomerania mit 3,7 Millionen Menschen gehören elf Städte und Kreise in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sowie die polnische Region Westpommern, einschließlich Szczecin, und die schwedische Region Skåne (www.pomerania.net).

Informationen: Euroregion Pomerania e.V., Institut für Diagnostische Radiologie und Neuroradiologie am Uniklinikum Greifswald, www.klinikum.uni-greifswald.de
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