ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Fachübergreifende Expertise

MEDIZINREPORT

Fachübergreifende Expertise

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-131 / B-116 / C-116

Deckert, Martina

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LNSLNS Das Konsortium bietet unter anderem die konsiliarische Beurteilung schwieriger Fälle sowie eine diagnostische Referenzbegutachtung von Gewebeproben an.

Patienten mit lymphoiden Läsionen im Zentralnervensystem (ZNS) – wie primären Lymphome, metastatischen Absiedlungen primär extrazerebraler hämatopoetischer Tumoren sowie Entzündungen autoimmuner und infektiöser Genese – können eine Odyssee bis zur Diagnose und darauf basierender, gezielter Therapie ihrer Krankheit erleben. Denn die Differenzialdiagnose ist erschwert, wenn der Patient keine klassische Symptomatik zeigt und/oder eine vorausgegangene symptomatische Therapie das Krankheitsbild maskiert.

Zur diagnostischen, klinischen und wissenschaftlichen Bearbeitung von Erkrankungen dieses Formenkreises haben Ärzte und Wissenschaftler das interdisziplinäre Konsortium Netzwerk Lymphome und lymphomatoide Läsionen des Nervensystems (NLLLN) gegründet. Darin wird die Expertise aus Neurologie, stereotaktischer Neurochirurgie, Hämatoonkologie, Neuropathologie, Pathologie, Humangenetik und Molekulargenetik gebündelt.

NLLLN bietet behandelnden Ärzten und ratsuchenden Patienten Hilfestellung durch Experten der jeweiligen Fachrichtungen in der Diagnostik und Therapie lymphomatoider – das heißt neoplastischer oder entzündlicher hämatopoetischer – Läsionen im ZNS. Darüber hinaus führt NLLLN in klinischen Studien Referenz(neuropathologische)-Begutachtungen für Patienten mit primären Lymphomen des ZNS (PCNSL) durch. Hierbei handelt es sich um maligne diffus-großzellige B-Zell-Lymphome, die auf das ZNS beschränkt sind.
Durch die enge Vernetzung klinisch und diagnostisch tätiger Ärzte mit grundlagenwissenschaftlich orientierten Kollegen ergeben sich wissenschaftliche Fragestellungen, die von NLLLN unmittelbar aufgegriffen werden. Die Aktivitäten des Konsortiums werden in jährlichen Abständen von einem International Advisory Board kritisch evaluiert.

Suche nach therapeutisch relevanten Biomarkern
Ziel des wissenschaftlichen Begleitprogramms ist die Identifikation prognostisch und therapeutisch relevanter Biomarker bei PCNSL. Darüber hinaus wird auch die Frage bearbeitet, warum die Prognose bei Patienten mit PCNSL bislang erheblich schlechter ist als bei Patienten mit diffus-großzelligen B-Zell-Lymphomen außerhalb des Gehirns. Hierbei profitiert NLLLN auch von der Mitgliedschaft im Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V. Dadurch können die organspezifischen Besonderheiten des immunologisch privilegierten ZNS, das nicht über ein klassisches lymphatisches System verfügt, herausgearbeitet werden.

Es mehren sich nämlich die Hinweise darauf, dass die Mikroumgebung des ZNS und die Interaktionen zwischen hirneigenen Zellpopulationen und Tumorzellen die Biologie von PCNSL wesentlich beeinflussen. Die kürzlich erhobenen Beobachtungen, dass die Tumorzellen von PCNSL über Chemokine und deren Rezeptoren mit zentralnervösen Zellen kommunizieren können, stellen wahrscheinlich nur die Spitze eines Eisbergs dar.

Moderne molekulare und immunologische Methoden ermöglichen die Aufdeckung weiterer spezifischer Interaktionen zwischen Tumorzellen und diversen hirneigenen Zellpopulationen sowie die Analyse einer gegenseitigen Regulierung der Aktivitäten von Tumorzellen und hirneigenen Zellpopulationen, welche potenziell in die Immunantwort gegenüber den Tumorzellen involviert sind. Diese wissenschaftlichen Arbeiten lassen spannende neue Erkenntnisse zur Pathogenese von PCNSL erwarten.

Des Weiteren haben aktuelle Untersuchungen gezeigt, dass PCNSL eine gesteigerte Aktivität des Nuclear-Factor(NF)-kB-Signalwegs aufweisen. Dieser Signalweg reguliert die Proliferation und Apoptose von Zellen; seine Deregulation könnte für die ungewöhnlich hohe Proliferationsaktivität und die gestörte Apoptose der Tumorzellen von PCNSL (mit)verantwortlich sein. Tatsächlich konnten in PCNSL Mutationen in NF-kB regulierenden Genen identifiziert werden. Diese Beobachtungen könnten in Zukunft therapeutische Relevanz erhalten, wenn es gelingt, diesen Signalweg gezielt therapeutisch zu modulieren.

Klinische Relevanz hat die Entwicklung diagnostischer Leitlinien sowie biologisch begründeter oder risikoadaptierter Therapiestrategien. Entsprechende Weiterbildungsveranstaltungen finden einmal jährlich in Köln statt, diese stehen interessierten Kollegen offen.
Prof. Dr. med. Martina Deckert (Sprecherin)

Prof. Dr. med. Reiner Siebert (Stellvertretender Sprecher), Prof. Dr. med. Wolfgang Brück, Prof. Dr. med. Andreas Engert, Prof. Dr. med. Jürgen Finke, PD Dr. med. Gerald Illerhaus, PD Dr. med. Wolfram Klapper, PD Dr. med. Agnieszka Korfel, Prof. Dr. rer. nat. Ralf Küppers, PD Dr. med. Mohammed Maarouf, Prof. Dr. med. Werner Paulus, Prof. Dr. med. Uwe Schlegel

@Weitere Informationen und Literaturempfehlungen sind unter www.nllln.de und bei den Verfassern erhältlich.

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