ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Prüfungen im Medizinstudium: Fragwürdige Krankschreibungen nehmen überhand

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Prüfungen im Medizinstudium: Fragwürdige Krankschreibungen nehmen überhand

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-137 / B-123 / C-123

May, Christian Albrecht

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Prof. Dr. med. Christian Albrecht May, Institut für Anatomie, TU Dresden
Prof. Dr. med. Christian Albrecht May, Institut für Anatomie, TU Dresden
Prof. Dr. med. Christian Albrecht May, Institut für Anatomie, TU Dresden

Seit einiger Zeit nimmt die Bereitschaft von Medizinstudenten ab, ihre Leistungskontrollen im vorgegebenen Zeitrahmen zu absolvieren. Für einen kurzfristigen Rücktritt von Prüfungen und Klausuren ist zwar ein ärztliches Attest notwendig. Entsprechende Krankschreibungen werden jedoch problemlos ausgestellt. Viele dieser Bescheinigungen sind allerdings aus medizinischer und ethischer Sicht äußerst fragwürdig. Sowohl das Verhalten der Studierenden als auch der Ärztinnen und Ärzte, die solche Atteste ausstellen, ist oftmals nicht korrekt und kritisch zu hinterfragen.

Welche Ausmaße das Problem mit den Attesten angenommen hat, zeigt ein Beispiel von der Technischen Universität (TU) Dresden. Hier war kürzlich eine besondere Zuspitzung der Krankschreibungen bei einer Histologieklausur zu verzeichnen. Für 24,5 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurde eine akute Erkrankung von ärztlicher Seite bescheinigt. Fast alle Atteste ließen jedoch keine Einschätzung über die Prüfungsfähigkeit zu, so dass genauere Angaben von den Studierenden angefordert wurden.

Das Ergebnis: Die Gastroenteritis stand an erster Stelle in der Häufigkeit – laut den Attesten in der Regel ohne Zusammenhang mit der Prüfung. An zweiter Stelle folgte die Diagnose Kopfschmerz/Migräne, ebenfalls ohne Situationsbezug. An dritter Stelle wurden Angst/Panik genannt, wobei hier ein Zusammenhang zur Prüfungssituation gesehen wurde. Lediglich zwei Diagnosen waren fachärztlich bestätigt.

Die beschriebene Problematik wirft viele Fragen auf, die neben den Studenten auch die Ärzte betreffen. Ein Attest für Prüfungen muss eine klare Beschreibung der Symptome einschließlich ihres Schweregrades enthalten. Die Attestierung der Prüfungsunfähigkeit ist jedoch Aufgabe der Prüfungskommission, nicht die der Ärzte. Da die Kommissionen in den medizinischen Studiengängen häufig aus Ärzten bestehen, ist eine eigenständige Beurteilung möglich. Leider werden auch bei Nachfrage oft keine oder nur ungenaue Angaben zum Schweregrad gemacht. Wurden diese Angaben nicht exakt erhoben oder das Attest unsorgfältig ausgefüllt? Beides wäre ein bedenklicher Mangel an Sorgfalt. Liegen hier vermehrt Gefälligkeitsatteste vor?

Bei vielen Ärzten fehlt offenbar das Verständnis für den Zusammenhang von Ursachen und Symptomen. Wenn beispielsweise eine stressinduzierte Übelkeit zur Empfehlung einer Magenspiegelung führt – wie auf einem der Atteste vermerkt – und wenn die akute Gastritis nicht als somatischer Ausdruck einer psychischen Belastung erkannt wird, scheint dringender Fortbildungsbedarf zu bestehen.

Allerdings ist auch das Verhalten der Studenten zu kritisieren. Sie sind schnell bereit, eine medizinische Diagnose als „Schutzschild“ gegen Prüfungsunsicherheit einzusetzen. Den Studierenden fehlt zunehmend die Fähigkeit, Prüfungen eigenverantwortlich anzugehen. Es wird lieber vor einem künftigen Kollegen gelogen und ein Krankheitsbild vorgetäuscht. Was für eine ethische Einstellung herrscht bei diesen jungen Menschen vor? Auch juristische Mittel werden immer häufiger eingesetzt – die Studenten entziehen sich ihrer Verantwortung und geben sie in fremde Hände.

Nun ist es wenig hilfreich, die Betroffenen an den Pranger zu stellen. Vielmehr brauchen wir Lösungsansätze. Diese liegen sicherlich einerseits auf der Hochschulebene. Die Umstellung auf das Studium scheint für Abiturienten in den vergangenen Jahren schwieriger geworden zu sein. Sie fühlen sich stärker unter Stress und dekompensieren häufiger. Die Fakultäten sollten dafür sorgen, dass präventiv Probleme erkannt und angegangen werden. Dies beinhaltet auch eine grundlegende Reform der Vorklinik.

Eine erhöhte Belastung stellt ebenfalls die nur dreimalige Möglichkeit dar, eine Klausur zu schreiben. Hier wäre es sicherlich hilfreich, wenn sich die Studenten aktiv zur Prüfung anmelden müssten und nicht automatisch bei Kursteilnahme dazu verpflichtet würden. Der Zwang, ein Attest vorzulegen, entfiele, die Autonomie der Studenten würde gefördert.

Andererseits müssen aber ebenfalls die Ärzte für die Problematik sensibilisiert werden. Wenn Studierende – insbesondere zum Ende des Semesters – ein Krankheitsattest anfordern, sollten sie das Gespräch mit ihnen suchen. Gerade bei psychosomatischen Konstellationen müssen die zugrundeliegenden Probleme aufgedeckt werden, um eine Chronifizierung zu verhindern. Schnell geschriebene Atteste helfen dabei nicht weiter – ob nun aus Gefälligkeit, aus Unachtsamkeit oder Unwissen ist dabei zweitrangig.

Schließlich sind auch die Studenten gefragt. Für einen künftigen Arzt sollten Wahrheit und Ehrlichkeit wichtige moralische Grundsätze sein. Wer es nicht schafft, ehrlich zu sich selbst zu sein, dem fehlt ein wesentlicher Faktor für diesen Beruf. Bedauerlicherweise klammert die Arztausbildung diesen Aspekt bislang aus.
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