ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Kunst im Krankenhaus: Beispielhaftes Engagement

THEMEN DER ZEIT

Kunst im Krankenhaus: Beispielhaftes Engagement

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-138 / B-120 / C-120

Bischoff, Helmuth

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LNSLNS Für Kunst- und Kulturreferenten sowie für Ärzte und Klinikmanager, die sich einem anspruchsvollen Kunstbegriff verpflichtet fühlen, steht in Deutschland kein übergreifendes Forum zu Verfügung.

Doch einige Kliniken könnten als Vorbilder dienen.
Die Patienten wollen so schnell wie möglich raus. Die Ärzte haben weder Zeit noch Muße dafür. Und die Krankenhäuser bringen das Geld nicht auf, um einen Kunstbeauftragten anzustellen. Das Thema ‚Kunst im Krankenhaus‘ dämmert in der deutschen Kliniklandschaft nach einer Hochphase, die von den 1980er Jahren bis Mitte der 90er reichte, vor sich hin.“

So spricht heute einer, der vor nicht allzu langer Zeit federführend dabei war, als aus der „Kunst im Krankenhaus“ ein großes Thema gemacht wurde, um das sich sogar die UNESCO kümmerte. Walter Smerling, Direktor des Museums Küppersmühle in Duisburg, war 1986 Mitherausgeber des bei Dumont erschienenen und viel beachteten Katalogs „Der andere Blick – Heilungswirkung der Kunst heute“. Der Katalog dokumentierte die gleichnamige Ausstellung, die der Chirurg Prof. Dr. med. Gerhard Heinrich Ott (1929–2003) im Waldkrankenhaus Bonn-Bad Godesberg mit Künstlern im Range eines Joseph Beuys auf die Beine gestellt hatte. Ott prägte den Begriff der „Ikonotherapie“, um seinen Patienten Kunst als heilendes Medium nahezubringen. Er verstand darunter aber nicht den malenden Patienten, sondern den Patienten als Kunstbetrachter. Vom „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein ließ sich Ott am Waldkrankenhaus die Stelle einer Ikonotherapeutin finanzieren. Das nachhaltige Engagement des kunstsinnigen Chirurgen für hochrangige Kunst als genesungsförderndes Medium bescherte ihm den Ruf eines Wegbereiters und schlug für ein paar Jahre hohe Wellen. Die Wellen sind inzwischen verebbt, was Walter Smerling zu seiner desillusionierten Aussage gebracht hat.

Unzählige Ausstellungen
Anders sieht Michael Bohn die Sache. Er widmet sich dem kulturellen Geschehen am Evangelischen Krankenhaus Mülheim und war 1996 Mitbegründer von „MediArt“, einer Nachfolgeorganisation der deutschen UNESCO-Kommission „Arts in Hospital“: „Mit dieser Arbeitsgemeinschaft versuchten wir, den Ärzten und Kulturbeauftragten aus den einzelnen Krankenhäusern ein zentrales Forum zum Erfahrungsaustausch zu bieten. Dabei entwickelte sich unter den Mitgliedern aber bald eine deutliche Kontroverse zwischen den Verfechtern eines qualitativ hochstehenden Kunstbegriffs und denen, die einen breiteren Kulturbegriff in den Krankenhäusern umgesetzt wissen wollten.“ Diese Kontroverse endete mit dem Rückzug der Verfechter anspruchsvoller Kunst und dem Absinken von „MediArt“ in die Bedeutungslosigkeit.

Bohn bedauert den Verlust einer gemeinsamen Plattform, sieht aber das künstlerische und kulturelle Geschehen in der deutschen Kliniklandschaft blühen. Er verweist dabei auf die unzähligen Krankenhausausstellungen mit weniger namhaften Künstlern, dem vielfach applizierten „Kunst am Bau“, Theater- und Konzertveranstaltungen in Kliniken. Seine These: „Wenn es einer breit definierten Kulturarbeit gelingt, Kranken­haus­auf­enthalte angenehmer zu machen und schwer kranke Patienten abzulenken, dann muss man die sogenannte große Kunst nicht vermissen.“

Gegen dieses „everything goes“ hat der Objektkünstler Nikolaus Koliusis viel einzuwenden und wird dabei von den Kulturbeauftragten der Krankenhäuser unterstützt, die bei ihrer Arbeit den Qualitätsbegriff nicht preisgeben wollen. Koliusis besetzt mit seinen Installationen die Schnittfläche zwischen „Kunst am Bau“ und einer eigenständigen Objektkunst. Werkbeispiele von ihm gibt es im Klinikum Stuttgart oder am Klinikum Forchheim zu sehen. Sein Plädoyer für qualitätsbewusste Kunst im Krankenhaus lautet: „Den Aufenthalt in einer Klinik erfahren Patienten oft als Auszeit und Moment der Verlangsamung. Sie müssen nicht zur nächsten U-Bahn-Station hetzen und nicht überlegen, ob sie diese oder jene Aktivität noch in den Tag hineinquetschen können. Damit verbindet sich ein gesteigertes Maß an Aufnahmebereitschaft und Empfänglichkeit. Im Unterschied zum Kunstdruck-Kalenderblatt an der Wand können anspruchsvolle Kunstwerke diese Situation nutzen und den Patienten neue Impulse und Anregungen mit auf den Weg geben.“ Koliusis vergleicht die Situation mit einer Diät: „Wer bei einer Diät nicht zu hochwertigen Lebensmitteln greift, sondern zu Junkfood, der bekommt Pickel oder Schlimmeres.“

Für Kunst- und Kulturreferenten sowie für Ärzte und Klinikmanager, die sich einem anspruchsvollen Kunstbegriff verpflichtet fühlen, steht in Deutschland also kein übergreifendes Forum mehr zur Verfügung. Deshalb bleiben für die Handelnden viele Fragen offen. Ein Beispiel: Dr. med. Klaus Hahnfeldt arbeitet als Chefarzt der Neckar-Odenwald-Kliniken im Krankenhaus der Kleinstadt Buchen. Neben der Patientenbetreuung widmet sich der Gynäkologe seit Jahren als Kurator dem Thema „Kunst im Krankenhaus“. Die von der Klinik im Jahr 1992 aufgenommene Zusammenarbeit mit dem Kunstverein des Neckar-Odenwald-Kreises mündet immer wieder in Kunstausstellungen, bei denen inzwischen auch international beachtete Künstler zur Präsentation kommen. Im Juli 2009 war es ein internationales Bildhauersymposium, bei dem Künstler aus Deutschland, Polen, den USA und Simbabwe ihr Schaffen im Park des Krankenhauses für mehrere Tage demonstrierten. Die fertiggestellten Werke bleiben bis zum Sommer 2010 vor Ort stehen.

Vitaler Lebensraum
Für Hahnfeldt ist es wichtig, „… den Imagewandel von Krankenhäusern hin zu Gesundheitszentren durch den Einsatz von Kunst zu flankieren. Wenn die Klinik in der Wahrnehmung des Patienten vom angstbesetzten Ort zu einem vitalen Lebensraum werden soll, dann kann uns die Präsentation von Kunst in den Patientenzimmern, in Fluren, Eingangs- und Wartezonen dabei helfen“. Regelmäßige Ausstellungen und Werkankäufe gehören trotz enger Budgetgrenzen zum Programm der Buchener Klinik. Bei seinem diesbezüglichen Engagement vermisst der Chefarzt allerdings übergeordnete Arbeitskreise, in denen man Informationen zu interessanten Künstlern, alternativen Finanzierungswegen oder neuen Ansätzen erhalten könnte. Es scheint so, als ob viele Kliniken zwischen Flensburg und Konstanz zu diesem Thema ihr eigenes Süppchen kochen und sich dabei nur ungern in die Karten schauen lassen. Vielleicht hilft hier ein Blick auf jene Häuser, die sich in diesem Zusammenhang einen Namen als Vorbilder gemacht haben. Sie lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen und mit ihrem Engagement beispielhaft beschreiben.

An der Universitätsklinik Münster (UKM) gehören Kunst und Kultur seit 1993 zu den Identitätszeichen. Mit Modellprojekten wie „Kunst imPulse“ und „Kultur imPulse“, die bis heute Bestand haben, wurden Maßstäbe gesetzt. Zu den Höhepunkten der regelmäßigen Ausstellungen gehörten unter anderem die Präsentation des ostdeutschen Malers Peter Hermann (2004) und die Anfertigung von Blisterfenstern durch Timm Ulrichs Meisterschülerin Luzia-Maria Derks. Das Kulturprogramm der Klinik schließt auch Theateraufführungen und Konzerte ein. Der seit langem dafür verantwortliche Kulturreferent Christian Heeck publizierte eine Reihe lesenswerter Beiträge zum Thema „Kunst im Krankenhaus“. Seinen Expertenstatus nutzt Heeck zur unermüdlichen Weiterentwicklung entsprechender Aktivitäten. Eine Veränderung in den Bemühungen, hochkarätige Künstler in Kliniken auszustellen, sieht er zwar auch und stellt ihn in den Zusammenhang des gesteigerten wirtschaftlichen Wettbewerbs der Krankenhäuser. Für „Soft Skills“, wie die Kunst, sei dabei zumeist kein Geld mehr da.

Er lässt sich dadurch aber nicht entmutigen und schafft neue Modelle, die mit dem geplanten Erweiterungsbau der Uniklinik Münster erste Früchte tragen sollen: So könnten im Foyer dieses Neubaus nach Fertigstellung Werke aus dem Magazin des Landesmuseums Nordrhein-Westfalen in Wechselausstellungen und auf Leihbasis gezeigt werden. Heeck verfügt über Erfahrungen in Kooperationen mit Museen, Orchestern und Theatern. Er beschreibt sie als richtungsweisend. Außerdem nimmt Heeck die Krankenhäuser über den Versorgungsauftrag hinaus auch bezüglich eines Bildungsauftrags in die Pflicht: „In Kliniken als öffentliche Einrichtungen können Menschen durchaus erwarten, dass ihnen geboten wird, was ihnen auch im normalen Leben unverzichtbar ist: vielfältige Impulse geistiger und kultureller Art, die sich mit intelligenten Win-win-Kooperationen finden lassen.“ (www.klinikum.uni-muenster.de/index.php?id=unterhaltung_kultur).

Atmosphäre der Wärme
Auf solche „Umwege“ ist das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart nicht angewiesen. Nach Worten von Isabel Grüner, der Kunstbeauftragten des Hauses, ist ein forciertes Engagement ganz im Sinne der Robert-Bosch-Stiftung und wird von dieser auch gefördert. So entstand 1998 bei der Erstellung eines Baus für die geriatrische Rehabilitation das Projekt „Kunst im Krankenhaus“. Inzwischen schaffen farbkräftige Originale junger Künstler in allen Klinikräumen für Patienten und Mitarbeiter eine -Atmosphäre der Wärme. In den vergangenen acht Jahren wurden dort 21 Kunstprojekte mit 19 verschiedenen zeitgenössischen, internationalen Künstlern auf Stationen, in Wartebereichen und Funktionsbereichen realisiert. Diese Arbeiten wirken als feste Gestaltungsbestandteile der Innenräume und sind ausnahmslos für die genannten Bereiche entworfen. Sie korrespondieren mit architektonischen Vorgaben und medizinisch-pflegerischen Bedürfnissen.

Die in Stuttgart konsequent vorgenommene Implementierung von Kunst als Bestandteil der Architektur und Innenarchitektur ist für Deutschland einmalig. Und nicht als Selbstzweck. Isabel Grüner verweist dabei auf die festgestellte Bedeutung von Kunst als Beitrag zum Genesungsprozess beziehungsweise zur Förderung von innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Wechselausstellungen mit hochkarätigen Künstlern wie Baumeister, Hölzel, Grieshaber und Schumacher bilden im Robert-Bosch-Krankenhaus ebenfalls einen festen Programmpunkt. Sie werden von Führungen, Vorträgen und Künstlercafés begleitet. (www.rbk.de/standorte/robert-bosch-krankenhaus/das-haus/kunst).

Mit einer sehenswerten Website zur „Kunst in der Klinik“ glänzt das Herzzentrum Bad Krozingen (www.herzzentrum.de/media/KiK). Seit 1986 spielt die Kunst in diesem Haus eine große Rolle und ist selbstverständlicher Bestandteil des Erscheinungsbildes der Klinik. Die Kuratorin Beate Hill-Kalusche schildert die festgelegten Auswahlkriterien: „Wir arbeiten ausschließlich mit Künstlern zusammen, die ein Studium an einer staatlichen Akademie absolviert haben und achten darauf, dass die Werke im öffentlichen Diskurs stehen.“ Im Ergebnis konnten die Betrachter im Herzzentrum Bad Krozingen bisher mehr als 60 Ausstellungen erleben, die ansprechend wirkten, dabei aber weit davon entfernt waren und sind, gängige Sehgewohnheiten im Stil dekorativer Gefälligkeit zu bedienen.
Dr. phil. Helmuth Bischoff
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