POLITIK: Dokumentationen

Entschließungen zum Tagesordnungspunkt II: Medizinethik in einer offenen Gesellschaft

Dtsch Arztebl 1997; 94(24): A-1655 / B-1421 / C-1317

Medizinethik in einer offenen Gesellschaft
Ein Grundsatz des ärztlichen Berufsethos ist es,die Würde des einzelnen Patienten und seine Rechte
zu sichern und gegen jedweden unerlaubten Eingriff zu schützen, ungeachtet nationaler und kultureller
Grenzen. Eklatant verletzt wurde das ärztliche Ethos durch die während der Nazizeit auch von Ärzten begangenen Verbrechen, besonders an Wehr- und Hilflosen. Seit den Nürnberger Ärzteprozessen, die diese
Verbrechen aufgedeckt haben, veränderte sich auch die Diskussion über das moralisch Erlaubte und Unerlaubte. Die Ärzteschaft hat sich in nationalen und internationalen Kodizes und Gelöbnissen verpflichtet, gegen Gewalt und Mißbrauch an Menschen einzutreten. Der Nürnberger Kodex, das Genfer Ärztegelöbnis und die Deklaration von Helsinki des Weltärztebundes sind Zeugnisse und Grundlage dieser Verpflichtung.
So heißt es im Genfer Gelöbnis: "Ich werdemich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten
gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische
Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung. Ich werde jedem Menschenleben von seinem Beginn an Ehrfurcht entgegenbringen und
selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht im Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden."


Aufgaben der Medizinethik


Die Fortschritte in allen Bereichen der Medizin und Medizintechnik erfordern Abwägungen und Entscheidungen, die oft nur interdisziplinär getroffen werden können. In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Grundlagenforschung in Bereiche vorgestoßen, die das Menschsein in seiner Individualität in Frage stellen. Die beschleunigte Entwicklung der biomedizinischen Wissenschaften hat die Möglichkeit eröffnet, in Vorgänge des menschlichen Körpers einzugreifen, die bislang dem gezielten Eingriff entzogen waren. Hier stellt sich mit besonderer Dringlichkeit die Frage nach den Maßstäben und Grenzen des Handelns. Die medizinische Ethik verfolgt das Ziel, ärztliches Handeln anhand ethischer Kriterien zu beurteilen, sie fragt nach dem moralisch Erlaubten und Verbotenen. Die medizinische Ethik ist ein Anwendungsbereich der philosophischen und theologischen Ethik. Dazu bedarf es einer Informationsbasis, die durch interdisziplinäres Zusammenwirken gewonnen wird.


Ethische Problemfelder in der Medizin


Der Zuwachs an Wissen und Kenntnissen in der Medizin führt zu einer Vielzahl schwer zu lösender ethischer Probleme. Sie betreffen vor allem den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens. Beispiele dafür sind die Reproduktionsmedizin, die Präimplantationsdiagnostik, die Pränataldiagnostik, die somatische Gentherapie, aber auch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die Transplantation von Organen und die gerechte Mittelverteilung. Die zentrale Frage ist nicht, was die Wissenschaft leisten kann, sie lautet vielmehr, was der Arzt für seine Patienten nutzen darf.
Die neuen Erkenntnisse der Molekularbiologie und der Genetik könnten unser Verständnis der Entstehung und Behandlung von Krankheiten grundsätzlich verändern. Auch die Möglichkeiten der Datenverarbeitung in der Medizin und die neuen Kommunikationstechniken bringen Nutzen und Risiken mit sich. Hier entstehen Probleme hinsichtlich der Autonomie der Patienten und ihrer Belastung durch Vorauswissen, die nach allgemein verbindlichen Kriterien gelöst werden müssen.
Auch in der Transplantationsmedizin ist es bis heute nicht möglich, alle Konflikte befriedigend zu lösen. Aufgrund des Mangels an menschlichen Organen nur wenigen Patienten helfen zu können stellt ein ethisches Dilemma in diesem Bereich der Medizin dar. Tiere für die Behandlung menschlicher Erkrankungen zu nutzen ist nicht neu; sie werden zum Beispiel für die Gewinnung von Impfstoffen und Medikamenten und die Herstellung von Implantaten eingesetzt. Eine neue Stufe der medizinischen Nutzung von Tieren könnte zukünftig mit der Xenotransplantation erreicht werden, zumal dann, wenn für die Transplantation von Organen beim Menschen an Tieren gentechnologische Eingriffe vorgenommen werden. Deshalb ist neben einer gründlichen Abwägung der medizinischen Chancen, des Nutzens und der Risiken vor allem auch die Diskussion über die ethischen Aspekte eines solchen Behandlungsverfahrens notwendig. Die besondere Bedeutung der Xenotransplantation würde in der Vermehrung der Behandlungschancen und der Milderung von Allokationsproblemen liegen.


Konsequenzen


Der 100. Deutsche Ärztetag vertritt daher die Auffassung, daß
- biomedizinische Forschungs- und Entwicklungsergebnisse möglichst frühzeitig der Bevölkerung vorgestellt werden sollen und über die Chancen und Risiken ihrer Anwendung am Menschen öffentlich diskutiert werden soll,
- Medizinethik in den Lehrplänen aller Medizinischen Fakultäten in Deutschland fester Bestandteil der Ausbildung sowie in der Weiterbildungsordnung Bestandteil der Facharztweiterbildung werden muß, - ein breites Fortbildungsangebot mit interdisziplinären Gesprächen zu medizinethischen Einzelfragen, die zur Gewissensschärfung jedes Arztes notwendig sind, erreicht werden muß.

Fortführung der "Informations- und Dokumentationsstelle Ethik in der Medizin"
Angesichts der dynamischen Entwicklung der biomedizinischen Wissenschaften und der daraus resultierenden Vielzahl ungelöster medizinethischer Fragen sieht der 100. Deutsche Ärztetag die Notwendigkeit, die "Informations- und Dokumentationsstelle Ethik in der Medizin" bei der Akademie für Ethik in der Medizin, Göttingen, zu erhalten und auszubauen.
Der 100. Deutsche Ärztetag begrüßt daher die Aktivitäten des DIMDI, die Weiterfinanzierung der bisher einzigen Literaturdatenbank zur Ethik in der Medizin in Göttingen zu sichern.
Begründung:
Die bei der Akademie für Ethik in der Medizin entwickelte "Informations- und Dokumentationsstelle Ethik in der Medizin (IDEM)" ist für die Arbeit der Ärzteschaft zukünftig eine wichtige Hilfe. Derzeitige Aufgabe von IDEM ist die Erstellung und Pflege der deutschen Referenz-Datenbank "Ethik in der Medizin". Um diese deutschsprachige Datenbank international einzubinden, hat IDEM die Koordination des Biomed-II-Projektes "Establishment of European Information Network for Ethics in Medicine" der Europäischen Kommission übernommen. Mit Hilfe einer Anschubfinanzierung durch das Bundesministerium für Gesundheit ist in den letzten Jahren die einzige Literaturdatenbank zur Ethik in der Medizin im gesamten deutschsprachigen Raum entstanden. Der deutschen Ärzteschaft ist es ein wichtiges Anliegen, die Zukunft dieser Einrichtung zu sichern.

Klonen mit Menschenwürde nicht vereinbar
Die deutsche Ärzteschaft spricht sich nachdrücklich und vorbehaltlos für das in Deutschland seit 1. Januar 1991 bestehende gesetzliche Verbot des Klonens von Menschen aus. Die Klonierung des Menschen ist mit dem ethischen Prinzip der Menschenwürde und dem sich daraus herleitenden Embryonenschutz unvereinbar.
Die deutsche Ärzteschaft unterstützt die vom Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung
und Technologie am 29. April 1997 vorgestellte und vom "Rat für Forschung, Technologie und Innovation” erarbeitete Stellungnahme "Klonierung beim Menschen”, in der es unter anderem heißt: "In ethischer Sicht zeigt eine erste Prüfung im Licht der akzeptierten ethischen Prinzipien, daß eine Klonierung
beim Menschen weder im Hinblick auf die Legitimität der Ziele noch auf die Vertretbarkeit als Mittel zulässig ist.”
Bereits 1985 hat die "Zentrale Kommission der Bundes­ärzte­kammer zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Reproduktionsmedizin, Forschung an menschlichen Embryonen und Gentherapie” die "Richtlinien zur Forschung an frühen menschlichen Embryonen” erarbeitet, in denen es unter anderem heißt: "Die künstliche Mehrlingsbildung (Klonierung), Vereinigung von mehreren Embryonen oder Teilen davon (Chimärenbildung) sowie Erzeugung von Mischwesen aus Mensch und Tier (Interspezies-Hybridisierung) sind unzulässig.” Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer hat diese Richtlinien im Oktober 1985 beraten, beschlossen und die Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt veranlaßt.
Die Ärzteschaft geht wie das Bundesministerium der Justiz davon aus, daß das Klonen bereits gemäß Embryonenschutzgesetz verboten ist. Soweit zur Klarstellung eine technische Anpassung erforderlich ist, sollte dies schnellstmöglich erfolgen.


Die deutsche Ärzteschaft fordert 1 den Gesetzgeber auf, das Embryonenschutzgesetz dahingehend zu ergänzen, daß auch denkbare zukünftige Verfahrensweisen - wie die Einbringung einer differenzierten Körperzelle in eine entkernte Eizelle - erfaßt werden;
1 alle europäischen Staaten, die am Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin mitarbeiten, auf, im vorgesehenen Protokoll zu Artikel 13 das Klonen beim Menschen zu verbieten; 1 die Bundesregierung auf, gemeinsam mit allen europäischen Staaten darauf hinzuwirken, daß das Klonen von Menschen weltweit geächtet wird;
1 den Weltärztebund auf, in der Generalversammlung im November 1997 in Hamburg eine entsprechende Resolution zu verabschieden.

Bio-Ethik-Konvention
Der 100. Deutsche Ärztetag fordert auf Vorschlag der hessischen Delegierten den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer auf, auf die Bundesregierung einzuwirken, daß die vom Europarat verabschiedete BioEthik-Konvention nur unter Vorbehalt der Artikel 6, 13, 14, 17, 18, 20 ratifiziert wird - gemäß der Konvention, die solche Vorbehalte ausdrücklich zuläßt.
Begründung:
Unser Sterilisationsgesetz sowie das Verbot jeglicher Embryonenforschung in Deutschland stellen eine eindeutig schärfere Regelung dar als in der Bio-Ethik-Konvention dargelegt. (Artikel 6 und 18)
Der, wenn auch "zufällige", Eingriff in die menschliche Keimbahn sowie ein geschlechtsbezogener Schwangerschaftsabbruch unter dem Hinweis auf geschlechtsgebundene Erbkrankheiten läßt eine Auslegung zu, die Mißbrauch ermöglicht. (Artikel 13 und 14)
Die Ausnahmeregelung des Artikels 17 läßt eine fremdnützige Forschung an nichteinwilligungsfähigen Personen zu. Die Bewertung von Menschen, die Beurteilung ihres Lebenswertes in unserer Gesellschaft ist aus historischen und aktuellen ethischen Prinzipien auch in der Forschung am Menschen nicht akzeptabel.
Artikel 20 erlaubt eine Organ- oder Gewebeentnahme an Nichteinwilligungsfähigen zum Beispiel für Familienangehörige, oder wenn kein anderer Spender (gibt es das überhaupt?) zur Verfügung steht. Hier wird von einer Bringschuld der Schwächsten unserer Gesellschaft ausgegangen, die gegen Artikel 3 unserer Verfassung verstößt und daher nicht zu akzeptieren ist.
Eine undifferenzierte Ratifizierung der Bio-Ethik-Konvention durch die Bundesregierung bedeutet einen erheblichen Angleichungsdruck für identische Standards aus dem Ausland, aber auch aus dem Inland - bereits heute werden entsprechende wissenschaftliche Interessen unter dem Hinweis auf den Standort Deutschland geäußert.

Medizinethik in einer offenen Gesellschaft
Der 100. Deutsche Ärztetag spricht den bestehenden Ethik-Kommissionen, die bei den Ärztekammern der Länder und bei den Hochschulen eingerichtet sind, sein volles Vertrauen aus und dankt ihnen für die bisher zum Nutzen der Patienten, aber auch der Forschung geleistete Arbeit.
Begründung:
Ohne Ethik-Kommissionen ist wissenschaftliche Forschung am Menschen nicht denkbar.
Die Ethik-Kommissionen leisten hervorragende Arbeit und bedürfen der moralischen Unterstützung der deutschen Ärzteschaft. Ihre Tätigkeit zur Beurteilung von Forschungsvorhaben ist voll ausreichend. Es bedarf nicht der Einrichtung weiterer Ethik-Kommissionen.

Ethik - Pränataldiagnostik
Die pränatale Diagnostik darf nicht dazu mißbraucht werden, daß Mutter und Kind (Embryo/Foetus) zu ihrem Nachteil manipuliert werden. Dies gilt insbesondere für die Aussonderung und Elimination wegen der Geschlechtszugehörigkeit.
Begründung
"Sind Abtreibungen wegen geringfügiger Abweichungen vom Wunschbild bald an der Tagesordnung? Wird ein behindert geborenes Kind irgendwann den Eltern zum Vorwurf gemacht, etwa als ein kostenträchtiges Versicherungsrisiko?" (Zitat: Bundespräsident Prof. Dr. R. Herzog, 100. Deutscher Ärztetag, 27. 5. 1997)

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