ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Fehlzeiten-Report: Fundgrube für Wissenschaftler und Praktiker

MEDIEN

Fehlzeiten-Report: Fundgrube für Wissenschaftler und Praktiker

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-145 / B-127 / C-127

Kuhn, Joseph

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Bernhard Badura, Helmut Schröder, Joachim Klose, Katrin Macco (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2009. Arbeit und Psyche: Belastungen reduzieren – Wohlbefinden fördern. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2010, 466 Seiten, 104 Abbildungen, Softcover, 44,95 Euro
Bernhard Badura, Helmut Schröder, Joachim Klose, Katrin Macco (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2009. Arbeit und Psyche: Belastungen reduzieren – Wohlbefinden fördern. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2010, 466 Seiten, 104 Abbildungen, Softcover, 44,95 Euro
In den letzten Jahren war der Krankenstand in den deutschen Unternehmen rückläufig. Dies galt für praktisch alle Diagnosegruppen, mit einer Ausnahme: Die psychischen Störungen haben kontinuierlich zugenommen. Dem neuen Fehlzeiten-Report zufolge entfallen bei den AOK-Mitgliedern inzwischen mehr als acht Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage auf psychische Störungen. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage infolge solcher Diagnosen hat in den letzten zehn Jahren um fast 80 Prozent (!) zugenommen. Natürlich spielt es hier eine Rolle, dass psychische Störungen nicht mehr so stark tabuisiert sind wie früher und dass die psychotherapeutische Versorgung besser geworden ist – somit ein diagnostischer Effekt beim Anstieg der Fälle anzunehmen ist. Aber viele Fachleute gehen davon aus, dass es auch eine reale Zunahme psychischer Störungen gibt, bedingt durch die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen unserer Zeit. Stress und Arbeitsplatzunsicherheit kennzeichnen heute die berufliche Situation vieler Menschen. Abgesehen von den gesundheitlichen Folgen geht es dabei auch um viel Geld. Der Fehlzeiten-Report berichtet, dass Krankschreibungen infolge psychischer Störungen im Schnitt 22,5 Tage dauern – das ist mehr als bei allen anderen wichtigen Krankheitsarten. Entsprechend teuer sind psychische Störungen sowohl für die Betriebe als auch für die Krankenkassen. Mehr Prävention tut not. Der Fehlzeiten-Report greift die psychischen Störungen daher zu Recht nach 1999 ein zweites Mal als Schwerpunktthema auf.

In bewährter Form versammelt das Buch im ersten Teil Beiträge rund um das Schwerpunktthema. Es geht um die Epidemiologie psychischer Störungen, die potenziellen Ursachen, die Kosten, die Situation in Europa und schließlich um Ansätze einer gesunden Unternehmensführung mit dem Ziel, psychische Störungen möglichst zu vermeiden. Eigene Kapitel sind dem Umgang mit Konflikten am Arbeitsplatz und Mobbing, den Belastungen durch Schicht- und Nachtarbeit und dem Phänomen der Arbeitssucht gewidmet. Leider fehlt ein Beitrag über Alkohol am Arbeitsplatz, obwohl Suchterkrankungen bei Männern einen nicht geringen Anteil an den psychischen Störungen ausmachen. Der zweite Teil des Buches dokumentiert die Fehlzeitenstatistik der AOK. Ausführlich wird dabei auf die einzelnen Branchen eingegangen.

Der Fehlzeiten-Report ist eine Fundgrube sowohl für Wissenschaftler auf der Suche nach Daten als auch für Praktiker in den Personalabteilungen und Betriebsräten, die mehr über konkrete Handlungskonzepte erfahren wollen. Die meisten Beiträge sind allgemeinverständlich geschrieben, obwohl die eine oder andere Tabelle mit T-Werten und Cronbachs Alpha wohl Lesern mit statistischen Kenntnissen vorbehalten bleibt. Etwas befremdet hat dagegen ein Beitrag, in dem so viel von „Excellenz“ und „Positivfokussierung“ die Rede ist, dass er stellenweise wie ein Werbeprospekt für eine Börsenplatzierung wirkt. Wie viel Betriebsrealität spiegelt eine solche Sprache wider? Und ist das nicht auch die Sprache, in der so manche Unternehmensberatung jene überzogene Erfolgsideologie propagiert, die Leistungsdruck, Versagensängste und letztlich psychische Störungen befördert? Dennoch ist der Fehlzeiten-Report 2009, wie seine Vorgänger, unbedingt zur Lektüre zu empfehlen. Ein anregendes Buch zu einem wichtigen Thema. Joseph Kuhn
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema